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Muskismus 

Aufstieg und Herrschaft eines Technoking

Technologie, Macht und Größenwahn – wie Elon Musk die Demokratie herausfordert
von Quinn Slobodian, Ben Tarnoff

ISBN: 9783518001318
Reihe: edition suhrkamp
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Verlag: Suhrkamp
Übersetzung: Stephan Gebauer
Erscheinungsdatum: 18.02.2026
Umfang: 281 Seiten
Format: Taschenbuch
Preis: € 22,70
Kurzbeschreibung des Verlags

Wie wurde aus dem genia­lischen Nerd eine ket­ten­sä­gen­schwin­gende Ikone der glo­ba­len Rechten?

Mit Paypal hat Elon Musk die Finanz­branche auf­ge­mischt, mit Tesla den Markt für E-Autos re­vo­lu­tio­niert, nach sei­ner Über­nahme Twitter kurzer­hand auf rechts ge­dreht. Im US-Wahl­kampf 20204 schwang er sich zu ei­nem der wich­tigs­ten Ein­flüs­te­rer Donald Trumps auf, an­schlie­ßend mach­te er sich mit sei­ner Ab­tei­lung für Re­gie­rungs­ef­fi­zienz (DOGE) da­ran, den ame­ri­ka­ni­schen Staat zu zerlegen.

Wie wurde aus dem genialischen Nerd eine ketten­sä­gen­schwin­gende Ikone der glo­ba­len Rech­ten? Um die Welt zu be­grei­fen, die Musk er­schafft, müs­sen wir die Wel­ten ver­ste­hen, die Musk er­schaf­fen haben. Quinn Slo­bo­dian und Ben Tar­noff zeich­nen nach, wie sich im Si­li­con Val­ley um die Vor­stel­lun­gen von Dis­rup­tion und toll­küh­nen CEOs ein regel­rech­ter Kult bil­dete, wie so­zia­le Me­dien und Video­spiele die Er­zäh­lung vom hel­den­haf­ten Ein­zel­gän­ger eta­blier­ten und wie ras­sis­ti­sche Memes und Ver­schwö­rungs­theo­rien Ein­gang fan­den in die Ge­dan­ken­welt des reichs­ten Men­schen der Erde. Der Mus­kis­mus, so Slo­bo­dian und Tar­noff, ist ein franken­stein­sches Mons­ter des zeit­ge­nös­si­schen Kapi­ta­lismus.

Posted by Wilfried Allé Thursday, February 26, 2026 10:23:00 AM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Reichensteuer 

Aber richtig! | Warum Milliardäre zu wenig Steuern zahlen und wie wir das ändern

von Gabriel Zucman

ISBN: 9783518001387
Reihe: edition suhrkamp
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Verlag: Suhrkamp
Übersetzung: Ulrike Bischoff
Umfang: 63 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.01.2026
Format: Taschenbuch
Preis: € 12,40
Kurzbeschreibung des Verlags

Ende Gabriel Zucman gehört zu den be­kann­tes­ten und re­no­mmier­tes­ten Öko­no­men welt­weit. Seit Jah­ren forscht er zu Steuer­ge­rech­tig­keit und Steuer­ver­mei­dung. Ge­ra­de die­jeni­gen, so sein Be­fund, die ein im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes un­vor­stell­ba­res Ver­mögen an­ge­häuft ha­ben, leis­ten oft keinen an­ge­mes­se­nen Bei­trag zur Fi­nan­zie­rung öf­fent­li­cher Kas­sen. Das ist nicht nur ein Prob­lem für die Staats­fi­nan­zen, son­dern auch eine ekla­tante Ver­let­zung des Gleich­heits­grund­satzes.

Im Februar 2025 votierte die französische Natio­nal­ver­samm­lung für die »Taxe Zucman«: eine Steuer von zwei Pro­zent für Super­reiche. Seit­her steht Gabriel Zucman im Zent­rum einer hit­zi­gen De­batte. Wäh­rend ei­ner der reichs­ten Men­schen der Welt ihn per­sön­lich dif­fa­mier­te, wird er auf den Stra­ßen Frank­reichs gefeiert.
In seinem neuen Buch er­läu­tert er sei­nen Vor­schlag so kom­pakt wie ver­ständ­lich und er­klärt, wie seine Steuer auch in Deutsch­land funk­tio­nieren kann.

Posted by Wilfried Allé Monday, January 19, 2026 10:31:00 AM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Versteckte Jahre 

Der Mann, der meinen Großvater rettete

von Anna Goldenberg

ISBN: 9783552073708
Erscheinungsdatum: 23.07.2018
Verlag: Zsolnay, Paul
Sammlung: 35 Bücher unter 35
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format: Taschenbuch
Umfang: 192 Seiten
Preis: € 22,70
Kurzbeschreibung des Verlags

Wien-Leopoldstadt, Sep­tem­ber 1942: Hansis El­tern und sein jün­ge­rer Bru­der müs­sen ins Sam­mel­la­ger, um nach There­sien­stadt um­ge­sie­delt zu wer­den. Gleich­zei­tig ver­lässt der 17-jäh­rige Hansi das Haus. Im Flur nimmt er den gel­ben Stern ab, steigt in die Straßen­bahn und fährt zum Kin­der­arzt Josef Feldner. Sei­ne Fa­mi­lie wird Hansi nie mehr wie­der­se­hen. Bis zum Ende des Krie­ges ver­steckt und ver­sorgt „Pepi“ den jun­gen Mann in sei­ner Woh­nung. Auch spä­ter bleibt Hansi mit sei­nem Ret­ter ver­bun­den, sie früh­stücken täg­lich mit­einan­der, fah­ren ge­mein­sam auf Ur­laub. Hans‘ Enke­lin, Anna Gol­den­berg, die Enke­lin von Hans und Hel­ga Feld­ner-Bustin, re­kon­stru­iert diese sin­gu­läre Fami­lien­ge­schichte als große Re­por­tage und als Por­trät eines Hel­den, der nie einer sein wollte.

FALTER-Rezension

Lücken der Erinnerung

Anna Goldenberg in FALTER 4/2025 vom 22.01.2025 (S. 25)

Eva Ribarits erzählt in Schu­len gerne die Sache mit dem Heu­ri­gen. Riba­rits kam 1943 als Toch­ter jüdi­scher Flücht­linge in Lon­don zur Welt. Als sie vier Jahre alt war, folg­ten die El­tern, über­zeugte An­hän­ger des Kom­mu­nis­mus, den Auf­ru­fen der KPÖ, nach Wien zu­rück­zu­keh­ren. Dort woll­ten sie den Sozia­lis­mus voran­trei­ben -doch statt­des­sen lan­de­ten sie mit­ten in der des­illu­sio­nier­ten Nach­kriegs­ge­sell­schaft. "Die Leu­te ha­ben den Krieg und ihre Ideo­lo­gie ver­lo­ren", sagt Riba­rits. "Das hast du in ihren Ge­sich­tern gesehen."
Die Familie fiel auf, auch op­tisch. Eva und ihre Schwes­ter hat­ten dunk­les, fast krau­ses Haar. "Ich habe ge­spürt, dass man mir feind­lich ge­gen­über­stand", sagt sie. Als Jüdin, als Kom­mu­nis­ten­kind, als ver­meint­lich Fremde. "Wir wä­ren als Fa­mi­lie nie zu ei­nem Heuri­gen ge­gangen."

Mit ihren Erfahrungen als Flücht­lings­kind könne sie zu den jun­gen Men­schen, de­nen sie über ihr Le­ben und das ihres Va­ters er­zählt, eine Ver­bin­dung auf­bauen, führt Riba­rits aus. Und viel­leicht sei das ja 80 Jahre nach Kriegs­ende eine Mög­lich­keit, zu ver­mit­teln, wa­rum es wich­tig ist, sich mit der NS-Zeit im All­ge­mei­nen und dem Holo­caust im Spe­ziel­len zu be­schäf­ti­gen. Vor al­lem in einer Ge­sell­schaft, die längst nicht mehr so homo­gen ist wie in den 50er-Jah­ren, als sich die Fa­mi­lie Nürn­ber­ger - so hieß Riba­rits' Fami­lie - nicht in Heu­rige traute. Es gibt in Wien kaum mehr eine Schul­klas­se, in der nicht zu­min­dest eine Per­son eine Flucht­ge­schichte hat.

Ribarits bezeichnet sich selbst als der "ein­ein­halb­ten" Gene­ra­tion zu­ge­hörig. Ihrer Mut­ter Hilde ge­lang 1937 die Flucht nach Eng­land mit­hilfe eines ge­fälsch­ten Pas­ses. Ihr Va­ter Arthur über­lebte die Kon­zen­tra­tions­la­ger Dachau und Buchen­wald und konnte 1939 nach Eng­land aus­rei­sen. Schon ihr Va­ter, ein um­trie­bi­ger, red­se­li­ger Mensch, er­zählte zu Leb­zei­ten jün­ge­ren Freun­den be­reit­wil­lig seine Ge­schichte.

Nicht nur Menschen wie Nürnberger, die als Er­wach­sene wäh­rend der NS-Zeit ver­folgt wur­den, sind längst ge­stor­ben; die so­ge­nann­te erste Ge­ne­ra­tion, also jene Men­schen, die sich über­haupt aus ers­ter Hand an die Ver­fol­gung er­in­nern kön­nen, ist ver­schwin­dend klein ge­wor­den. Erinnern.at, das Pro­gramm von Öster­reichs Agen­tur für Bil­dung und Inter­na­tio­na­li­sie­rung (OeAD), das für Leh­ren und Ler­nen über den Holo­caust und die NS-Zeit ver­ant­wort­lich ist und Zeit­zeu­gen­be­suche or­gani­siert, lis­tet nur noch zwölf Per­so­nen, die für Schul­be­suche zur Ver­fü­gung ste­hen. Zwei sind 1932 ge­bo­ren, alle an­de­ren frü­hes­tens 1936, wa­ren also, so wie auch Eva Riba­rits, wäh­rend der Kriegs­jahre (Klein)Kinder.

Die Erinnerung an die NS-Zeit befindet sich an einem Wende­punkt, am Über­gang vom kom­mu­ni­ka­ti­ven zum kul­tu­rel­len Ge­dächt­nis. Die münd­li­chen Über­lie­fe­run­gen ein­zel­ner Per­so­nen wer­den durch ihren Nach­lass er­setzt, durch Auf­zeich­nun­gen und Nach­er­zäh­lun­gen. Mate­rial gibt es genug. Der Holo­caust und die NS-Zeit sind das wohl am bes­ten auf­ge­ar­bei­te­te Er­eig­nis der jün­ge­ren Ge­schichte.

Allein die Shoah Foundation an der University of Southern Cali­for­nia hat über 50.000 Inter­views mit Über­leben­den auf­ge­nom­men. Auch dank der auf per­verse Wei­se akri­bi­schen Büro­kra­tie der Nazis sind vie­le Doku­mente er­hal­ten ge­blie­ben. Ge­rade in Öster­reich gibt es zu­dem kaum einen Straßen­zug, der von der NS-Zeit nicht be­rührt wurde. Das Bun­des­denk­mal­amt lis­tet rund 2100 so­ge­nannte Opfer­orte auf. Kriegs­ge­fan­genen-und Zwangs­ar­beits­lager, KZ-Außen­stel­len und Eutha­na­sie-Stand­orte.

Aber wird das alles reichen? In einem Land, in dem eine Par­tei, die von ehe­ma­li­gen SS-Män­nern ge­grün­det wurde, dem­nächst den Kanz­ler stel­len könnte? In dem laut re­prä­sen­ta­ti­ver Um­frage des Doku­men­ta­tions­ar­chivs des öster­rei­chi­schen Wider­standes (DÖW) vom Vor­jahr 42 Pro­zent fin­den, Dis­kus­sio­nen über den Holo­caust und den Zwei­ten Welt­krieg soll­ten be­endet wer­den? Ge­rade des­halb scheint es so wich­tig wie nie, der nächs­ten Gene­ra­tion zu ver­mit­teln, wie es zum größ­ten Mas­sen­mord der Mensch­heits­ge­schichte kam.

Der österreichische KZ-Überlebende Hermann Langbein über­zeugte das Unter­richts­minis­te­rium da­von, 1978 den "Re­fe­rent­en­ver­mitt­lungs­dienst für Zeit­ge­schichte" zu star­ten. Mit dem so­ge­nann­ten Bio­gra­phical Turn in der Ge­schichts­for­schung, der ab den 1980ern auto­bio­gra­fische Schil­de­run­gen auf­wer­tete, stieg auch das Inter­esse an den Er­zäh­lungen von Opfern.

Es folgten die Waldheim-Affäre 1986, das Ein­ge­ständ­nis der Mit­schuld Öster­reichs an den NS-Ver­bre­chen durch den dama­ligen Bun­des­kanz­ler Franz Vra­nitz­ky von der SPÖ 1991 und die Grün­dung der Shoah Foun­da­tion durch den US-Re­gis­seur Steven Spiel­berg 1994. Mit der Kon­se­quenz, dass Zeit­zeu­gen­be­suche aus der zeit­ge­schicht­li­chen Bil­dung nicht mehr weg­zu­den­ken sind.

Dabei beruht das Konzept auf einem un­schar­fen Be­griff. Was ist das über­haupt, ein Zeit­zeuge? Im Eng­li­schen wird statt­des­sen ent­we­der von wit­ness, dem Zeu­gen, oder sur­vi­vor, dem Über­le­ben­den, ge­spro­chen. Von wel­cher Zeit sol­len die Über­le­ben­den Zeug­nis ab­legen -der ver­gan­ge­nen oder der ak­tuel­len? Der Be­griff scheint eine Brücke zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart zu schla­gen. Für den His­to­ri­ker Daniel Schuch von der Uni­ver­si­tät Jena dient die Fi­gur des Zeit­zeu­gen einem Er­lö­sungs­ver­spre­chen, und zwar "einer ver­bes­ser­ten Zu­kunft ohne Hass, Vor­ur­tei­le und In­dif­fe­renz". Von den Über­le­ben­den wird eine mo­ra­li­sche Bot­schaft er­wartet.

Doch viel wichtiger ist ein anderer Aspekt. "Wenn sie ein­mal an­ge­fan­gen ha­ben zu fra­gen, dann fällt ihnen im­mer mehr ein, das sie noch wis­sen wol­len", be­rich­te­te die jü­di­sche NS-Über­le­bende Ger­traud Fletz­ber­ger in ei­nem Inter­view über einen Schul­be­such, der vier Stun­den dau­erte. Fletz­ber­ger, Jahrgang 1932, ent­kam 1938 mit einem Kin­der­trans­port nach Schwe­den. "Je mehr sie fra­gen, umso mehr Ab­gründe, über­trie­ben ge­sagt, ma­chen sich auf."

Fragen zwingt zum Nachdenken - und zum Her­stel­len ei­ner Ver­bin­dung zu sich selbst. Es ent­steht so­mit eine "Er­zäh­lung von Ge­schichte als Ver­knüp­fung un­seres Ichs mit der Welt", so der Schwei­zer Wis­sen­schaft­ler Peter Gaut­schi. Die USC Shoah Foun­da­tion ex­peri­men­tiert mit inter­ak­ti­ven Videos, die mit­tels Sprach­er­ken­nungs­soft­ware die Fra­gen er­ken­nen und ein au­then­ti­sches Zeit­zeu­gen­ge­spräch simu­lieren. "Da sind wir kri­tisch", sagt Pat­rick Sie­gele, der Erinnern.at lei­tet. "Es sug­ge­riert et­was, das es nicht gibt. Dahin­ter steckt näm­lich nicht die Be­geg­nung mit einem ech­ten Men­schen, son­dern mit einer Ma­schine, die der Lo­gik von Algo­rith­men folgt."

Bei den persönlichen Gesprächen hingegen geht es um das Ler­nen aus Le­bens­ge­schich­ten. Er­zäh­len die Über­le­ben­den vom er­zwun­ge­nen Um­zug, vom Ver­lust eines Freun­des oder viel­leicht ein­fach nur da­von, ge­fro­ren zu ha­ben, weckt das Asso­zia­tio­nen bei den Schü­lern. Durch ge­teil­tes Er­leben ent­ste­hen Ver­bin­dungen.

So kann auch Eva Ribarits bei den Schülerinnen und Schülern an­docken. Die Flucht, das Fremd­sein, das Trauma der El­tern, das sind The­men, die auch im 21. Jahr­hun­dert noch prä­sent sind. "Die Kin­der fra­gen oft, ob ich lie­ber in ei­nem an­de­ren Land ge­lebt hätte", sagt Ribarits.

Erinnern.at, das als Ein­rich­tung des Bundes Holo­caust­ver­mitt­lung or­gani­siert und för­dert, setzt nun auf Men­schen wie Riba­rits, die Er­zäh­lun­gen ihrer El­tern und teils auch Groß­el­tern wei­ter­geben - die so­ge­nannte zwei­te und drit­te Gene­ra­tion. Schließ­lich lässt sich auch hier Authen­ti­zi­tät her­stel­len, und, vielvleicht noch wich­ti­ger, die Mög­lich­keit, Fra­gen zu stel­len. Ein sol­ches Pro­jekt mit Schul­be­su­chen von Nach­kom­men wird seit ver­gan­ge­nem Jahr auch wis­sen­schaft­lich be­gleitet.

"Nachkommengespräche können auch eine gute Mög­lich­keit sein", sagt Daniela Lackner. So viel Er­fah­rung hat sie da­mit noch nicht ge­macht, fügt sie hin­zu. Lackner ist Leh­re­rin für Ge­schichte, poli­ti­sche Bil­dung und Eng­lisch an der BAfEP 10, der Bun­des­bil­dungs­an­stalt für Ele­men­tar­päda­go­gik in Wien-Favo­riten. Im Schul­jahr 2022/23 star­tete sie erst­mals ein Ge­denk­pro­jekt mit einer Schüler­gruppe.

Gemeinsam erarbeiteten sie einen Er­in­ne­rungs­weg durch Favo­riten: Sechs Sta­tio­nen gab es, da­run­ter den ehe­ma­li­gen Humboldt-Tempel, eine Syna­goge mit 700 Sitz­plät­zen, die wäh­rend der No­vem­ber­po­grome 1938 zer­stört wurde, und den Ba­ranka-Park, einst Lager­platz für Roma, Sinti und Lo­vara. Einen Ge­denk­stein im Böh­mi­schen Pra­ter setzte die Schu­le selbst. Die Schü­ler über­setz­ten die In­halte auf Bos­nisch/Kroa­tisch/Ser­bisch, Rus­sisch, Ara­bisch und Türkisch.

Für eine Begegnung mit dem 1933 ge­bo­re­nen Kurt Hill­mann, der die NS-Zeit als so­ge­nann­ter "Misch­ling" über­lebte, reiste die Grup­pe da­mals nach Ber­lin. "Kaum hat er den Raum be­tre­ten, ist es ganz still ge­wor­den", er­innert sich Lackner. "Er hat­te noch gar nichts ge­sagt." In den Fol­ge­pro­jek­ten wird Lack­ner auf sol­che Be­geg­nun­gen wohl ver­zich­ten müs­sen. Was sind die Alter­na­tiven?

Je weniger Zeitzeugen sprechen, desto größ­ere Be­deu­tung er­hal­ten die Orte der Ver­fol­gung. Schließ­lich ver­mit­teln auch sie Au­then­ti­zi­tät, sind ein Zeug­nis der Zeit. Und sie hel­fen, Men­schen mit unter­schied­li­chen Ge­schich­ten zu ver­bin­den. In Lack­ners Grup­pen liegt der An­teil von Schü­lern mit Mi­gra­tions­hin­ter­grund bei gut 80 Pro­zent. Im­mer wie­der, er­zählt Lack­ner, höre sie dann von ei­ni­gen Schü­lern, dass sie sich für die Er­inne­rung an die NS-Zeit nicht wirk­lich ver­ant­wort­lich füh­len. "Das ist nicht un­se­re Ge­schichte, wir wa­ren nicht be­teiligt."

Oft wird dann erst einmal gemeinsam erarbeitet, welche Rolle ihre Her­kunfts­län­der wäh­rend der NS-Zeit spiel­ten. Wa­ren es Ver­bün­dete von Nazi-Deutsch­land, so wie die Tür­kei? Wur­den auch dort Kriegs­ver­bre­chen ver­übt, wie auf dem Bal­kan? Ver­or­tet man die Ge­schich­te im ei­ge­nen Grät­zel, im ei­genen Schul­bezirk, ent­steht etwas Ver­bin­den­des. "Dann ist es plötz­lich ihre Ge­schichte, weil sie davor­stehen", sagt Lackner.

Historische Orte haben eine eigene Kraft. Die meisten Men­schen, die das erste Mal die Ge­denk­stät­te des ehe­ma­li­gen Kon­zen­tra­tions­la­gers Maut­hau­sen be­su­chen wür­den, seien über­wäl­tigt von dem An­blick, sagt Gudrun Bloh­berger, die päda­go­gi­sche Lei­te­rin der Ge­denk­stät­te. Die Größe des Are­als, wie es auf dem Hü­gel thront, weit­hin sicht­bar, die lieb­li­che Land­schaft rund­he­rum. "Die Men­schen se­hen, dass es eine wahre Ge­schichte ist." Gut 4300 Ver­mitt­lungs­pro­gram­me fin­den je­des Jahr dort so­wie in den ehe­ma­li­gen Außen­la­gern Melk und Gusen statt.

Bei den Rundgängen ist der ehe­ma­li­ge Fuß­ball­platz der SS eine der ers­ten Sta­tio­nen. Heute ist dort nur noch eine Wiese, im Früh­ling blü­hen Wild­blu­men. Alte Auf­nah­men zei­gen, dass es Zu­schauer­tri­bü­nen gab. Men­schen aus der Um­ge­bung sa­hen also regel­mäßig zu. Der Fuß­ball­platz war mit einem Stachel­draht vom ehe­ma­li­gen Sani­täts­lager des KZ ab­ge­trennt, je­nen Ba­racken, in denen nicht mehr ar­beits­fä­hige Men­schen unter­ge­bracht wur­den. "Wir be­zeich­nen es heute als Ster­be­lager", sagt Blohberger.

Wer zum Fußballspiel kam, sah also ins Lager hinein. Tä­ter, Opfer und Zu­se­her tra­fen auf kleins­tem Raum auf­ei­nan­der. Wie konnte das sein? "Vie­le Be­su­cher ver­muten, dass die lo­kale Be­völ­ke­rung ge­zwun­gen wurde, die Spiele an­zu­se­hen", er­zählt Gudrun Bloh­berger. "Da­für gibt es in der Ge­schichts­schrei­bung aber keine Indizien."

Der Ort zwingt zur Auseinandersetzung und zum Fra­gen­stel­len, an die Ge­schichte und an sich selbst. "Kon­takt­zonen der Ge­schichts­ver­mitt­lung" nennt die öster­rei­chi­sche Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin Nora Stern­feld sol­che An­läsvse und Räume in ihrem gleich­nami­gen Buch -und wirft die Fra­ge auf, wel­ches Ver­hal­ten dort an­ge­messen ist.

Sie zitiert einen Überlebenden des KZ Bergen-Belsen: "An­ge­mes­se­nes Ver­hal­ten an diesem Ort - was ist das? Als ich hier war, wurde hier ge­mor­det und ge­stor­ben. Das war das an­ge­mes­sene Ver­hal­ten in Bergen-Belsen "

Die meisten jungen Menschen, die erstmals kommen, seien eher ängst­lich und an­ge­spannt, er­zählt Bloh­ber­ger. Da­bei dürf­ten Be­su­cher ohne­hin al­les sa­gen und fra­gen. Ver­gleicht bei­spiels­weise je­mand Gaza mit einem KZ, wird die Grup­pe ein­ge­bun­den. Wer denkt an­ders? Wie kommt die Per­son zu die­ser An­sicht?"Wir brau­chen Ver­glei­che, um uns in der Ge­schichte orien­tie­ren zu kön­nen", sagt Bloh­berger. "Aber wir müs­sen heraus­ar­bei­ten, was heute an­ders ist."

Das ist auch Eva Ribarits wichtig. Wenn sie den Schüler­in­nen und Schü­lern er­zählt, dass sie als Kind die Ab­leh­nung ihrer Um­ge­bung spür­te, fügt sie im­mer hin­zu, dass sich die Zei­ten ge­än­dert ha­ben. Die Ge­sell­schaft ist nun di­ver­ser und offe­ner. Auch beim Heurigen.
 

Die vielen Leben der Helga Feldner-Busztin

Anna Goldenberg in FALTER 44/2024 vom 30.10.2024 (S. 19)

Das muss es gewesen sein", sagte meine Groß­mut­ter. Sie stand vor einem gel­ben Wohn­haus in Tere­zín. Das ehe­ma­lige Garni­son­städt­chen im Nor­den Tsche­chiens hieß einst The­re­sien­stadt, in der NS-Zeit war hier ein Kon­zen­tra­tions­lager. 1943 hat­ten die Nazis meine da­mals 14-jährige Groß­mutter Helga aus Wien dort­hin ver­schleppt, weil sie Jüdin war. Durch di­ver­se glück­liche Fü­gun­gen über­leb­te sie bis zur Be­frei­ung über zwei Jahre später.

Und nun befanden wir uns wieder an diesem Ort. Es war Au­gust 2013, ich sollte über un­seren ge­mein­samen Aus­flug eine Re­por­tage schrei­ben. Helga, da­mals 84, brauchte keine Moti­va­tion meiner­seits, die eher trost­losen Straßen zu er­kunden. Im Gegen­teil. Die Ka­ser­nen­fens­ter, die Kir­che, der Markt­platz, das Stadt­tor - wenn sie etwas wie­der­er­kannte, er­zählte sie be­reit­willig.

Auch über L414, das ehemalige Mädchen­heim, vor des­sen Fas­sade wir nun stan­den. Auf Stroh­säcken hat­ten sie ge­schla­fen, die Bett­wan­zen wa­ren eben­so eine Qual ge­wesen wie der stän­di­ge Hun­ger. Im­mer war sie auf der Suche nach Ess­barem, seien es Reste oder Herunter­ge­fallenes.

Das Eingangstor des gelben Wohn­hauses war un­ver­sperrt, sie trat ein. Das Haus schien be­wohnt, aber ver­wahr­lost, Spinn­weben, Tau­ben, Ge­rüm­pel. Selbst­be­wusst stieg Helga den Halb­stock hi­nauf und blickte aus dem Fenster.

Ja, das sei es gewesen. Sie war zu­frie­den, wei­ter ins Haus vor­drin­gen wollte sie dann doch nicht.

Lange Jahre hatte ich meine Großmutter nur als Groß­mut­ter ge­se­hen. Und die­sen Job er­füllte sie in mei­nen Kin­der­au­gen sehr gut: Sie holte mich von der Volks­schule ab, hat­te stets Süßig­kei­ten da­bei und strickte bunte, warme Socken. Ihre Ge­schenk­e waren groß­zü­gig; wer krank wur­de, be­kam min­des­tens einen täg­lichen Anruf.

In anderen Belangen war sie aber eher untypisch. Sie nahm bis Mitte 80 an Aerobic-Stun­den im Fit­ness­cen­ter teil und ach­tete auf ihr Ge­wicht. Sie war schonungs­los ehr­lich und sprach aus, wenn sie den Lebens­wan­del ande­rer nicht gut­hieß. Weh dem, der rauchte! Außer­dem ar­bei­te­te sie bis in ihr 90. Lebens­jahr hinein als Ärztin.

Erst als ich älter wurde, begann ich, über den Zu­sam­men­hang mit ihrer Ver­gan­gen­heit nach­zu­den­ken. Der Hun­ger hat­te wohl ihr eigen­ar­ti­ges Ver­hält­nis zum Es­sen ge­prägt, die Lü­gen des NS-Regimes viel­leicht das Be­dürf­nis nach Wahr­haf­tig­keit. Und die­ser Ehr­geiz stammte mög­li­cher­wei­se von je­nem Er­leb­nis, das sie stets zu den schlimms­ten ihres Le­bens zähl­te: der Tag im Früh­jahr 1938, als sie, ge­rade ein­mal neun Jahre alt, aus ihrer Volks­schul­klas­se ge­wor­fen wur­de, weil sie Jüdin war.

Allen zu beweisen, dass sie kein Mensch zwei­ter Klas­se sei, das trieb sie an. Im Nach­kriegs­wien lernte sie mei­nen Groß­va­ter Hansi ken­nen, sie 16, er 19. Den Holo­caust hat­te er hier über­lebt, weil ihn sein ehe­ma­li­ger Schul­arzt ver­steckt hat­te; die El­tern und der jün­gere Bru­der wa­ren im KZ er­mor­det worden.

Hansi hatte gerade sein Medizinstudium begonnen, Helga ging noch zur Schule. Doch weil sie gleich­auf sein wollte, brach sie die Schule ab, be­suchte statt­des­sen einen Ma­tura­kurs - und pa­ral­lel die Medi­zin­vor­lesungen.

Vereint im Willen, aus diesem Leben, in dem schon so viel zer­stört wor­den war, et­was zu ma­chen, blie­ben Hansi und Helga 50 Jahre lang ein Paar. Helga wurde Ober­ärz­tin, sie be­kamen vier Kin­der und zo­gen aus der Ge­mein­de­woh­nung in ein Haus.

Was sie erlebt hatten, war präsent und doch nicht. Bei den Abend­es­sen sprach man eher über medi­zi­ni­sche Fäl­le als über die Ver­gan­gen­heit. Doch die Fa­mi­lie kannte die Ge­schich­ten, tru­gen die Kinder doch Namen der er­mor­de­ten Ver­wand­ten, und auch wir En­kel­kin­der wuss­ten, dass mein Groß­vater im Werk­zeug­kel­ler unter dem Lino­leum­boden ein manns­großes Ver­steck ge­baut hatte.

Der Holocaust hatte seinen selbst­ver­ständ­li­chen Platz im Hinter­grund des Le­bens. Sie sei nun ein­mal nicht senti­men­tal, sagte Helga. Aber viel­leicht hat­te sie nicht den Raum, um sich aus­zu­drücken. Den be­kam sie sehr spät. Erst Ende der 1980er-Jahre war die öster­rei­chi­sche Öf­fent­lich­keit be­reit, sich mit der Tä­ter­schaft wäh­rend der NS-Zeit zu be­schäf­ti­gen. 1998 gab Helga ihr ers­tes län­ge­res Inter­view - der von Steven Spiel­berg ge­grün­de­ten US-ameri­ka­ni­schen Shoah Foun­dation.

Nach und nach kamen in Österreich immer mehr enga­gier­te Men­schen, die sie be­frag­ten und ein­luden. Be­son­ders gerne ging sie an Schu­len. Wie­der und wie­der er­zähl­te Helga dort ihre Ge­schichte. Mit ihrem ruhi­gen, aber be­harr­li­chen Ehr­geiz machte sie sich an die neue Le­bens­auf­gabe. Sie ge­noss die ehr­li­che Auf­merk­sam­keit und die in­teres­sier­ten Fragen.

Ihre letzte Schulklasse besuchte sie heuer im März.

Posted by Wilfried Allé Sunday, November 2, 2025 9:46:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Der Krieg um unseren Müll 

Abgründe eines globalen Milliardengeschäfts

von Alexander Clapp

ISBN: 9783103971934
Erscheinungsdatum: 24.09.2025
Verlag: S. FISCHER
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Übersetzung: Jürgen Neubauer
Format: Hardcover
Umfang: 400 Seiten
Preis: € 26.80
Kurzbeschreibung des Verlags

Mülldeponien auf der ganzen Welt sind über­füllt. Über die täg­lich an­fal­len­den Mil­lio­nen Ton­nen von Müll ent­ste­hen fast über­all regel­rechte Krie­ge. Der Müll wird il­le­gal ent­sorgt oder als heiße Ware ver­schifft, ver­kauft oder ge­schmug­gelt. Der Jour­na­list Ale­xan­der Clapp be­reiste auf den Spu­ren unse­es Mülls fünf Kon­ti­nente und ent­hüllt eine katas­tro­phale Re­a­li­tät: Un­ser Müll hat in den letz­ten 40 Jahr­en eine welt­um­span­nende, mil­li­arden­schwere Wirt­schaft her­vor­ge­bracht – mit ver­heeren­den Fol­gen für die ärms­ten Län­der der Welt.

FALTER-Rezension

Müllimperialismus: Wie Abfall die Welt regiert

Peter Iwaniewicz in FALTER 42/2025 vom 15.10.2025 (S. 39)

In Abwandlung eines Werbe­spruchs der Firma Mül­ler­milch müs­sen wir uns heut­zu­tage fra­gen: „Alles Müll, oder was?“ Denn das Ge­samt­ge­wicht der von Men­schen ge­mach­ten Ob­jek­te reicht in­zwi­schen an das der Bio­mas­se des Pla­ne­ten heran. Künst­li­che Din­ge, von Wol­ken­krat­zern über Au­tos, Com­pu­ter bis zu Plas­tik­trink­hal­men, wer­den bald mehr wie­gen als alle Bäume, Pflan­zen, Tiere und Men­schen zu­sam­men. Oder noch deut­li­cher for­mu­liert: Die Fähig­keit der Menschh­eit zur Pro­duk­tion von Müll be­zie­hungs­weise von Din­gen, die frü­her oder spä­ter zu Müll wer­den, über­steigt zu­neh­mend die Kapa­zi­tät des Pla­ne­ten zur Pro­duk­tion von Leben.

In „Der Krieg um unseren Müll“ (engl.: „Waste Wars“) legt der Jour­na­list Ale­xan­der Clapp ein fes­seln­des Stück in­ves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus vor. Wäh­rend Roman Kös­ter in sei­nem 2023 er­schie­ne­nen Buch „Müll“ die Kul­tur­ge­schichte un­se­rer Ab­fäl­le be­schreibt, geht es bei Clapp um die Fra­ge, wa­rum unser Müll von einem Kon­ti­nent zum an­de­ren trans­por­tiert wird und wie der schein­bar so ba­nale Akt des Weg­wer­fens einen welt­um­span­nen­den Han­del her­vor­brachte, der wie ein Zerr­spie­gel der glo­ba­li­sier­ten Wirt­schaft, von Aus­beu­tung, Pro­duk­tion und Kon­sum, wirkt.

Clapp ist als Reporter den Spuren des Mülls um die ganze Welt gef­olgt und hat mit Men­schen ge­spro­chen, die vom Han­del mit Müll pro­fi­tie­ren, ihn ver­ar­bei­ten und il­le­gal ent­sor­gen, so­wie mit je­nen, in deren Um­welt die Ab­fälle de­po­niert werden.

Die aktuelle Müllbilanz der Welt ist astro­no­misch. Wo­che für Wo­che pro­du­ziert die Mensch­heit ihr Eigen­ge­wicht an neu­en Wa­ren, von de­nen sechs Mo­na­te nach dem Kauf nur noch ge­schätzt ein Proz­ent in Ge­brauch sind. Tag für Tag wer­den 1,5 Mil­liar­den Plas­tik­becher, 120 Mil­lio­nen Kilo­gramm Tex­ti­lien, 220 Mil­lio­nen Alu­do­sen und drei Mil­lio­nen Auto­rei­fen weg­ge­wor­fen. So wur­den zum Bei­spiel in der Mi­nute, die Sie brauch­ten, um die­se Zei­len zu le­sen, eine wei­te­re Mil­lion Plas­tik­fla­schen weg­ge­wor­fen und eine wei­tere Last­wa­gen­la­dung Müll ins Meer ge­kippt.

Aber dieses Buch bietet weitaus mehr als diese depri­mie­ren­den Zah­len und Fak­ten. Clapp er­zählt Ge­schich­ten, bie­tet leben­dige Ge­sprä­che mit Au­gen­zeu­gen, er­zeugt greif­bare Bil­der von je­nen Ge­gen­den, in de­nen Müll so­wohl Lebens­grund­lage als auch Ge­fahr für die Um­welt ist.

„Abgründe eines globalen Mil­li­ar­den­ge­schäfts“ ist der Un­ter­ti­tel des Buchs, das die er­schrecken­den Di­men­sio­nen die­ses glo­ba­len Wirt­schafts­zweigs aufzeigt.

„Wenn Sie wissen wollen, wie der Müllhandel funk­tio­niert, den­ken Sie an den Dro­gen­han­del. Mit dem Unter­schied, dass der Müll von den rei­chen in die armen Län­der kommt“, zi­tiert Clapp Teodor Niţă, einen ru­mä­ni­schen Staats­an­walt, der die il­le­gale Ent­sor­gung aus West­eu­ro­pa verfolgt.

Als der US-amerikanische Publizist Vance Packard in sei­nem 1964 er­schie­ne­nen Buch „Die große Ver­schwen­dung“ erst­mals die Fol­gen des Über­kon­sums der Nach­kriegs­ge­sell­schaft auf­deckte, blieb Müll noch in dem Land, in dem er pro­du­ziert wurde. Doch seit den 1980er-Jah­ren wurde ein Teil un­se­rer Ab­fäl­le nicht mehr in De­po­nien vor Ort ent­sorgt, son­dern über­quert Gren­zen und Meere. Aus Ab­fäl­len, die man in die nächste Ton­ne warf und ver­gaß, wurde ein Ex­port­gut. Be­son­ders ge­winn­träch­tig war da­bei weni­ger der Müll selbst, son­dern vor al­lem des­sen Transport.

Besonders augenöffnend sind die Pas­sagen, in denen Clapp die Illu­sion von Re­cyc­ling ent­larvt. Wer glaubt, dass die brav ge­sammel­ten und in die Re­cyc­ling­tonne ge­wor­fe­nen Plas­tik­ab­fäl­le die Um­welt scho­nen, muss sich einer an­deren Wirk­lich­keit stel­len. Her­stel­ler könn­ten je­des Ma­te­rial als „wie­der­ver­wert­bar“ de­kla­rie­ren, selbst wenn es nie­mand re­cycelt. Die Rea­li­tät: Ein Groß­teil der an­geb­lich re­cycel­ten Ma­te­ria­lien wird nur in den glo­ba­len Sü­den ex­por­tiert, ver­seucht Bö­den in Mexi­ko, endet als bren­nen­de Elektro­schrott-Hal­den in Ghana und er­zeugt töd­li­che Dämp­fe über in­di­schen Dörfern.

„Beim illegalen Handel mit Holz oder Elfen­bein ver­lie­ren Län­der wert­volle Roh­stoffe“, er­klärt ein Lei­ter der Son­der­er­mitt­lung von Inter­pol die Motiv­lage der In­dus­trie­länder. „Aber wenn Müll außer Lan­des ge­schafft wird, ent­le­di­gen sie sich einer Bürde. Sie ha­ben allen An­reiz, ihn ein­fach zie­hen zu las­sen. Es ist ein Ge­schäft von un­fass­ba­ren Di­men­sionen.“

Clapps Analysen durchbrechen den Mythos der in­di­vi­du­el­len Ver­ant­wor­tung. Nicht das rich­tige Tren­nen ret­tet den Pla­ne­ten, son­dern die Re­duk­tion der Wa­ren­pro­duk­tion. Müll ist kein in­di­vi­duel­les, son­dern ein sys­te­mi­sches Prob­lem und damit eine poli­ti­sche Frage.

Das Buch ist ein Weckruf, der die Bequem­lich­keit unse­rer grü­nen Punkte, gel­ben Sam­mel­säcke und Mar­ke­ting­ver­spre­chen von an­gebl­ich um­welt­scho­nen­den Ma­teria­lien zerstört.

Clapp bemüht sich stilistisch um Sachlich­keit, doch er schreckt auch vor pro­vo­ka­ti­ven For­mu­lie­rungen nicht zu­rück. Man spürt seine per­sön­li­che Be­trof­fenh­eit und kann gut nach­voll­zie­hen, wie er in den zwei Jah­ren sei­ner Rei­sen zu den Hot­spots der Müll­ent­sor­gung im­mer tie­fer in die Ab­gründe von glo­ba­len Fir­men­netz­wer­ken, poli­ti­scher Kor­rup­tion und toxi­scher Um­welt­zer­stö­rung ein­tauchte.

„Der Krieg um unseren Müll“ ist ein hef­ti­ges, bril­lant recher­chier­tes Buch, das Repor­tage, Ana­lyse und per­sön­liche Er­leb­nis­se so ge­konnt ver­bin­det, dass man stel­len­wei­se meint, einen Krimi­nal­ro­man zu lesen.

Die Mechanismen und Auswüchse der Müll­wirt­schaft soll­ten im Zen­trum der Klima­de­bat­te ste­hen. Nach­dem man die­ses Buch ge­le­sen hat, müs­sen wir uns der Fra­ge stel­len, ob wir wei­ter im Müll­impe­ria­lis­mus le­ben wol­len oder be­reit sind, die Kos­ten un­se­res Kon­sums selbst zu tragen.

Posted by Wilfried Allé Wednesday, October 15, 2025 8:18:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Digitaler Kolonialismus 

Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen I Nominiert für den Deutschen Sachbuchpreis 2025

von Ingo Dachwitz, Sven Hilbig

ISBN: 9783406823022
Sammlung: Deutscher Sachbuchpreis 2025
Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 351 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.05.2025
Preis: € 28,80

 

Kurzbeschreibung des Verlags
 

Der Kolonialismus im digitalen Zeitalter wie Tech-Imperien die Welt unter sich auf­teilen

Innovativ, mächtig, rücksichtlos kaum eine Geschichte wird so oft er­zählt wie die vom un­auf­halt­samen Auf­stieg der Tech-Kon­zerne an die Spit­ze der glo­bal ver­netz­ten Welt. Nur ein Kapi­tel wird da­bei aus­ge­las­sen: Der Preis, den der Glo­ba­le Sü­den da­für be­zahlt. Der Tech-Jour­na­list Ingo Dach­witz und der Glo­bali­sie­rungs­ex­per­te Sven Hil­big be­leuch­ten die­sen blin­den Fleck und zei­gen die welt­wei­ten Fol­gen des digi­ta­len Ko­lo­nia­lis­mus so­wie be­ste­hen­de An­sät­ze für eine ge­rech­tere Digi­ta­li­sie­rung auf. So­viel steht fest: AI will not fix it.

Das Versprechen der Digitalen Revolution ist die Heils­er­zäh­lung un­se­rer Zeit. Die­ses Buch er­zählt eine an­de­re Ge­schich­te: Die des digi­ta­len Kolo­nia­lis­mus. Statt phy­si­sches Land ein­zu­neh­men, er­o­bern die heu­ti­gen Kolo­nial­her­ren den digi­ta­len Raum. Statt nach Gold und Dia­man­ten las­sen sie unter men­schen­un­wür­di­gen Be­din­gun­gen nach Roh­stof­fen gra­ben, die wir für un­se­re Smart­phones be­nö­ti­gen. Statt Skla­ven be­schäf­ti­gen sie Heere von Klick­ar­bei­ter­:innen, die zu Nied­rig­löh­nen in digi­ta­len Sweat­shops ar­bei­ten, um so­zi­ale Netz­wer­ke zu säu­bern oder ver­meint­lich Künst­li­che Intel­li­genz am Lau­fen zu hal­ten. Der Kolo­nia­lis­mus von heu­te mag sich sau­ber und smart ge­ben, doch ei­nes ist gleich­ge­blie­ben: Er beu­tet Men­sch und Na­tur aus und küm­mert sich nicht um ge­sell­schaft­li­che Fol­gen vor Ort. Im Wett­kampf der neu­en Kolo­nial­mäch­te ist Digi­tal­poli­tik längst zum Ins­tru­ment geo­poli­ti­scher Kon­flikte ge­wor­den der Glo­bale Sü­den ge­rät zwi­schen die Fronten.

  • Beim digitalen Kolonialismus fließen Daten und Pro­fite nur in eine Rich­tung. Renata Ávila Pinto, Men­schen­rechts­ver­teidi­gerin
  • KI und Daten, Rohstoffe und Repression: Eine um­fas­sende Ana­ly­se des digi­tal­en Kolo­nia­lismus
  • Augenöffner für Leser:innen: Wieso die Digitalisierung auf Aus­beu­tung beruht
  • Die Rolle Europas neben den Digitalimperien USA und China
  • Sehr gut lesbare Mischung aus tiefgreifender Analyse und be­we­gen­den Repor­tagen
  • Basierend auf Kooperationen und Interviews mit Forscher:innen und Akti­vist­:innen aus dem Glo­balen Süden
  • Mit einem eindringlichen Appell von Renata Ávila Pinto, Ge­schäfts­füh­rerin der Open Know­ledge Foun­dation
Posted by Wilfried Allé Saturday, June 28, 2025 8:19:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Survival of the Richest 

Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind | Eine scharfsinnige Analyse

von Douglas Rushkoff

Reihe: edition suhrkamp
ISBN: 9783518029992
Verlag: Suhrkamp
Übersetzung: Stephan Gebauer
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 281 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.02.2025
Preis: € 22,70

Kurzbeschreibung des Verlags

Spätestens seit der Allianz von Donald Trump und Elon Musk ist klar: Die Tech-Mil­liar­däre sind nicht nur die reichs­ten Män­ner der Welt, es geht ihnen auch um poli­ti­sche Macht und um die radi­ka­le Um­ge­stal­tung von Ge­sell­schaft und Natur.

Als Douglas Rushkoff eine Ein­la­dung in ein ex­klu­si­ves Wüs­ten­re­sort er­hält, nimmt er an, dass er dort über Zu­kunfts­tech­no­lo­gien spre­chen soll. Statt­des­sen sieht er sich Mil­liar­dä­ren ge­gen­über, die ihn zu Luxus­bun­kern und Mars­ko­lo­nien be­fra­gen. Wäh­rend die Welt mit der Kli­ma­katas­tro­phe und so­zi­a­len Kri­sen ringt, zer­bre­chen sich diese Män­ner den Kopf, wie sie im Fall ei­nes Sys­tem­kol­lap­ses ihre Pri­vat­ar­meen in Schach hal­ten können.

Der Medientheoretiker Rushkoff verfolgt die Inter­net­re­vo­lu­tion seit Jahr­zehn­ten, ist Er­fin­der der Be­grif­fe »viral gehen« und »Digi­tal Na­tives«, be­wegte sich lange im Kreis von Vor­den­kern und krea­ti­ven Zer­stö­rern. In ei­ner Zeit, in der Elon Musk und Peter Thiel sich im­mer stär­ker in die Poli­tik ein­mi­schen, re­kon­stru­iert er, wie aus der Auf­bruchs­stim­mung der 1990er ein Pro­gramm aus Angst und Größen­wahn wer­den konnte. Viele Tech-Unter­neh­mer wol­len uns Nor­mal­sterb­liche ein­fach nur hin­ter sich las­sen, wer­den aber als Vi­sio­näre ge­feiert. An­ge­sichts der Zer­rüt­tun­gen, die ihre Ge­schäfts­mo­del­le pro­du­zie­ren, müs­sen wir uns von ihrem Mind­set be­freien – denn mit­neh­men wer­den sie uns auf ihrem Exo­dus sicher nicht.


Ein flammendes Plädoyer gegen Egomanie und für die Wieder­ent­deckung ko­opera­ti­ven Han­delns


FALTER-Rezension

Das irre Mindset von Musk &Co

Barbaba Tóth in FALTER 22/2025 vom 30.05.2025 (S. 18)

Douglas Rushkoff ist der Stichwortgeber der digitalen Revo­lu­tion, wie kein an­de­rer analy­siert der Me­dien­theo­re­ti­ker die großen Ver­än­de­run­gen der Sili­con-Val­ley-In­dus­trie. Er lie­fert ein er­schrecken­des Psy­cho­gramm der Tech-Mil­liar­däre, be­schreibt ihren Es­kapi­smus und to­tali­täre Ideen.


Von der Hippie-Kommune zum Technofaschismus

Matthias Dusini in FALTER 13/2025 vom 28.03.2025 (S. 16)

Eine Einladung in ein Luxushotel wurde für Douglas Rush­koff zum Schlüs­sel­er­leb­nis. Eine Grup­pe von Mil­liar­dä­ren hat­te den Au­tor für ei­nen Vor­trag en­ga­giert, und er machte sich auf Fra­gen zur techno­lo­gi­schen Ent­wick­lung ge­fasst. Doch er saß Män­nern ge­gen­über, die zwar von der di­gi­ta­len Revo­lu­tion pro­fi­tier­ten. Statt aber von der Zu­kunft zu schwär­men, setz­ten sie erns­te Ge­sichter auf.
Rushkoff traf auf Pessimisten, die vom nahen Ende über­zeugt sind. Sie woll­ten wis­sen, wie stark Neu­see­land vom Klima­wan­del be­trof­fen sei. Wie ver­trauens­wür­dig sind Si­cher­heits­dienste? Da­von über­zeugt, dass Um­welt­kol­laps, Atom­bom­ben und Epi­de­mien die Welt ins Chaos stür­zen wer­den, zie­hen sich die­se In­ves­to­ren in unter­ir­di­sche Bun­ker­an­lagen zurück.

Rushkoff, der sich selbst einen marxistischen Medien­theo­re­ti­ker nennt, be­schreibt in sei­nem Buch "Sur­vival of the Richest" den Ty­pus des sozio­pa­thi­schen Außen­sei­ters. Bis­her as­so­zi­ier­te man da­mit Son­der­linge, die vor der Zivi­li­sa­tion in den Wald flie­hen. Laut Rush­koffs Recher­che fin­det die­ser Rück­zug je­doch bei den obe­ren Zehn­tau­send statt. Im­mer mehr Oli­gar­chen glau­ben, dass der Dooms­day (der Jüngste Tag) un­mit­tel­bar be­vor­steht.

Reiche Leute erzeugten in den USA bisher durch philan­thro­pi­sche Ga­ben zu­min­dest den An­schein, als wür­den sie eine größe­re so­zia­le Gleich­heit an­stre­ben. Tradi­tio­nell bil­dete wis­sen­schaft­liche und tech­ni­sche Inno­va­tion außer­dem den Kern der mo­der­nen Fort­schritts­er­zäh­lung: mög­lichst vie­len das Leben zu er­leich­tern.

Nun hätten jene das Sagen, die sich vor dem dro­hen­den Zu­sam­men­bruch in Sicher­heit brin­gen wol­len. Als Bei­spiel nennt Rush­koff Tesla-Grün­der Elon Musk, der eine Mil­liar­därs­sied­lung auf dem Mars plant, oder KI-Visi­o­när Ray Kurz­weil, der be­ab­sich­tigt, sei­nen Geist in ei­nen Super­com­pu­ter hoch­zu­laden. Auf die in Armut und Krieg ver­sin­ken­den Mas­sen herab­blickend, kennt der Geld­adel kei­ne mo­ra­li­schen Skru­pel mehr: "In ihren Au­gen er­füllt die Techno­lo­gie der Zu­kunft nur ei­nen Zweck: Sie sollte ih­nen hel­fen, vor dem Rest von uns zu fliehen."

"Survival of the Richest" liefert keine Theorie des Silicon Valley. Rush­koff zeich­net viel­mehr mit Anek­do­ten und per­sön­li­chen Beo­bach­tun­gen das Bild ei­nes dro­hen­den Auto­ri­ta­ris­mus. Macht ver­bün­det sich in die­sem Sze­na­rio -vor dem Hin­ter­grund ei­nes kol­la­bie­ren­den Ge­mein­we­sens -mit Tech­no­lo­gie. Rush­koffs ei­ge­ne Bio­gra­fie macht die Schil­de­rung glaub­würdig.

Ausführlich erinnert er an die Frühzeit des Cyberspace, als Pio­niere LSD nah­men und von ei­ner Ver­schmel­zung mit dem Kos­mos und der vir­tuel­len Ver­net­zung der gan­zen Mensch­heit träum­ten. "An­fang der 1990er-Jahre wa­ren die Gren­zen zwi­schen der psy­che­de­li­schen Kul­tur und der Welt der Pro­gram­mie­rer fließend", er­in­nert sich Rush­koff. "Die Soft­ware­ent­wick­ler, die tags­über den Code für Apple schrie­ben, kratz­ten nach Feier­abend Peyote­knos­pen von Kak­teen und wa­ren die ganze Nacht high."

Frühe Nerds produzierten Shareware, die von allen kosten­los ge­nutzt wer­den sollte. Erst lang­sam ka­men In­ves­to­ren und frag­ten, wie viel man mit die­ser ihnen frem­den Spie­le­rei ver­die­nen kön­ne. Um das Jahr 2000 ent­deckte die Wall Street das Sili­con Val­ley - und so ge­riet die digi­ta­le Sub­kul­tur in den Mahl­strom der fi­nan­ziel­len Spe­ku­la­tion. Aktien­kurse tö­te­ten den opti­mis­ti­schen Hippie-Geist.

Davon profitierten jene, die sich heute in Prepper-Manier in Festungen ver­bar­ri­ka­die­ren -eine End­zeit­sekte der Super­rei­chen. Mit Zugang zum Weißen Haus.


Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.03.2025

Viel über die Ideologie der Superreichen der Gegen­wart er­fährt Rezen­sent Tobias Ober­meier in Doug­las Rush­koffs Buch, das sei­nen An­fang bei ei­nem Tref­fen nimmt, zu dem ei­ni­ge die­ser Reichen aus der Tech-Bran­che den Autor ein­luden, um zu er­fah­ren, wie sie den von ihnen selbst be­feuer­ten Katas­tro­phen am bes­ten ent­kom­men kön­nen, zum Bei­spiel mit­hilfe von Luxus­bun­ker­sys­te­men. Eb­en das ist Rush­koff zu­folge ty­pisch für den "Mind­set" - auch in der deut­schen Über­set­zung ist das der zen­tra­le Be­griff - der Super­rei­chen, die da­rauf hof­fen, den Prob­le­men, die sie selbst aus­lö­sen, durch tech­ni­sche In­no­va­tion zu ent­kom­men, skiz­ziert Ober­meier. Was laut Rush­koff aller­dings nicht funk­tio­nie­ren wird. Ober­meier fragt sich, ob die be­schrie­be­nen Mecha­nis­men nicht schlicht Kapi­ta­lis­mus as usual sind, ver­weist dann aber mit Rush­koff da­rauf, dass das Neue in der Hoff­nung der Eli­ten be­steht, sich selbst auf eine hö­here Ab­strak­tions­ebe­ne, et­wa ins Zucker­berg'sche so­ge­nannte "Meta­verse" zu ret­ten, während der Rest der Welt vor die Hun­de geht. Mit klas­si­sch kapi­ta­lis­ti­schem Wett­be­werb hat das nicht mehr viel zu tun, er­kennt Ober­meier bei der Lek­türe, um­so mehr mit den anti­demo­kra­ti­schen Vi­sio­nen ei­nes Trump oder Musk. Ins­ge­samt je­den­falls ein ziem­li­cher Wahn­witz, von dem Rush­koffs le­sens­wer­tes Buch be­rich­tet, schließt der Re­zen­sent, dem letzt­lich nur die Hoff­nung bleibt, dass Musk und ähn­li­che Ge­stal­ten sich frü­her oder spä­ter selbst ein Bein stellen.

Posted by Wilfried Allé Monday, June 9, 2025 9:29:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Souveräne Entscheidungen 

Vom Werden und Vergehen der Demokratie

Über kritische Wegmarken der Demokratiegeschichte

von Philipp Lepenies

ISBN: 9783518128442
Reihe: edition suhrkamp
Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 264 Seiten
Erscheinungsdatum: 31.03.2025
Preis: € 20,60
 
Kurzbeschreibung des Herstellers:

Wie gelang in England, den USA oder in Fran­kreich einst der Sys­tem­wech­sel zur par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie? Wel­che Gründe führ­ten ihre Be­für­wor­ter an? Und wa­rum voll­zog sich die­ser Wan­del in Deutsch­land erst re­la­tiv spät?

Um diese Fragen zu beantworten, befasst Philipp Lepenies sich mit Weg­mar­ken der Demo­kra­tie­ge­schichte. Zu sei­nen Pro­ta­go­nis­ten zäh­len die eng­li­schen Level­lers, der Ameri­ka­ner James Madi­son und der Fran­zose Abbé Sieyès, Georg Fors­ter in Mainz, Fried­rich Jucho in Frank­furt und Hugo Preuß in Wei­mar. Aus dem Wis­sen um das Wer­den der Demo­kra­tie las­sen sich Er­kennt­nis­se ge­win­nen, die hel­fen, sich ge­gen ihr dro­hen­des Ver­ge­hen zu stem­men – in einer Zeit, in der sich der Sou­verän im­mer häu­fi­ger ge­gen das Sys­tem ent­schei­det, das ihm die höchs­te poli­ti­sche Macht einräumt.

Leseprobe ->

Posted by Wilfried Allé Monday, May 12, 2025 11:52:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Digitaler Humanismus 

Über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

von Hannes Werthner

ISBN: 9783711721594
Verlag: Picus Verlag
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.02.2025
Preis: € 24,00

 
Kurzbeschreibung des Herstellers:


Die Informationstechnologie (IT) verändert uns, unsere Gesell­schaft, unse­re Welt, von der indi­vi­du­el­len Ebe­ne bis hin zu geo­poli­ti­schen Macht­spie­len. Sie be­ein­flusst auch, wie wir die Welt se­hen und über sie den­ken. Die­ser Wan­del ge­schah in ei­ner für die Ge­schich­te der Mensch­heit ex­trem kur­zen Zeit­span­ne, mit sehr ho­her Ge­schwin­dig­keit. Und er dau­ert an – mit Künst­li­cher Intel­li­genz als ak­tuell heraus­ra­gen­dem Bei­spiel. IT hat das Po­ten­zial, zur Lö­sung der Kri­sen die­ser Welt bei­zu­tra­gen, unse­re Welt bes­ser zu ma­chen, gleich­zei­tig ist sie Teil des Prob­lems (für man­che so­gar die Ursache).
Hannes Werthner thematisiert die fort­schrei­tende Digi­ta­li­sie­rung (in­klu­sive Künst­liche Intel­li­genz), be­schreibt die enor­men Mög­lich­keiten, die sich da­raus er­ge­ben, und ana­ly­siert auch de­ren gra­vie­rende Mängel.
Sein Konzept des digitalen Humanis­mus ver­steht sich als Ant­wort auf die­se Si­tua­tion und will – ne­ben der Ana­lyse der Wech­sel­wir­kung von Men­sch und Ma­schine  – durch ak­ti­ve Ein­fluss­nah­me digi­ta­le Tech­no­lo­gien ge­stal­ten und re­geln, so­dass sie zum Wohl von Men­sch und Na­tur ein­ge­setzt werden.

Posted by Wilfried Allé Thursday, May 8, 2025 3:33:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Mehr als Geld 

Warum Ungleichheit unsere Zukunft bedroht

von Rosa Lyon

ISBN: 9783710608575
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 176 Seiten
Format: Hardcover
Verlag: Brandstätter Verlag
Sammlung: Zukunft denken
Erscheinungsdatum: 19.03.2025
Preis: € 25,00

Kurzbeschreibung des Verlags

Zu Ungleichheit haben alle eine Meinung. Die Unter­schiede zwi­schen oben und un­ ten sor­gen schnell für hit­zige De­bat­ten. Doch oft ist un­klar, was mit Un­gleich­heit über­haupt ge­meint ist: Geht es um Ein­kom­men, Ver­mögen, Kon­sum, Chan­cen oder Ge­sund­heit – oder um al­les zu­sam­men? Die meis­ten sind sich ei­nig, dass die Un­gleich­heit zu groß ist und ver­rin­gert wer­den sollte. Die Fra­ge ist nur, wie stark.
Die studierte Ökonomin und Journalistin Rosa Lyon bie­tet ei­nen er­hel­len­den und nüch­ter­nen Blick auf die viel­fäl­ti­gen Fa­cet­ten der Un­gleich­heit. Sie for­dert uns auf, un­sere An­nah­men und Vor­ur­tei­le zu hin­ter­fra­gen und hin­ter die Zah­len zu blicken.
Wir leben in einer Gesellschaft, die glaubt, dass Leis­tungs­be­reit­schaft und Ta­lent die so­zia­le Posi­tion be­stim­men. Doch die Rea­li­tät sieht an­ders aus: Weit wich­ti­ger als Fähig­kei­ten und An­stren­gun­gen ist die Fa­mi­lie, in die man hi­nein­ge­bo­ren wird. So­zia­les, kul­tu­rel­les und öko­no­mi­sches Kapi­tal wer­den wei­ter­ge­ge­ben, und der Sta­tus wird vererbt.
Das Buch macht deutlich, dass Ungleichheit nicht natur­ge­ge­ben ist, son­dern von Men­schen ge­macht. In frü­hen Jäger- und Samm­ler­ge­sell­schaf­ten war es kaum mög­lich, Be­sitz an­zu­häu­fen. Erst mit Sess­haf­tig­keit und Land­wirt­schaft be­gan­nen sich wirt­schaft­li­che Unter­schie­de ab­zu­zeich­nen. Be­sitz­lose Bauern stan­den ihren Feu­dal­her­ren ge­gen­über. Das Kon­zept des Pri­vat­eigen­tums, das recht­lich durch den Staat ge­schützt wi­rd, war eine auf­klä­re­ri­sche Idee.
Rosa Lyon zeigt, wie sich ökonomische Ungleich­heit auf Bil­dung, Lebens­dauer und das Klima aus­wirkt, wel­che Rol­le Ge­schlecht und Her­kunft spie­len und vor al­lem, wie Un­gleich­heit unse­re Ge­sell­schaft spal­tet, Kri­sen ver­schärft und un­sere Zu­kunft ge­fähr­det. Die­ses Buch ist un­ver­zicht­bar, um Wirt­schaft bes­ser zu ver­ste­hen und die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len. Etwa: Wie viel Ar­mut und wie viel Reich­tum wol­len wir in un­se­rer Ge­sell­schaft?

FALTER-Rezension

Was uns der gestiefelte Kater über Un­gleich­heit erzählt

Eva Konzett in FALTER 19/2025 vom 09.05.2025 (S. 18)

Probieren wir ein kleines Gedanken­ex­peri­ment. Wenn das ge­samte öster­rei­chi­sche Ver­mö­gen eine Tor­te wäre, dann könn­ten auf ei­ner Party die fünf reichs­ten Pro­zent fast die hal­be Tor­te da­von es­sen, wäh­rend 50 Pro­zent der Be­völ­ke­rung sich weni­ger als ein Tor­ten­stück tei­len müss­ten. So un­gleich ist Ver­mö­gen in Öster­reich - und nicht nur hier -ver­teilt. Ten­denz: stei­gend. Aber ist das über­haupt ein Pro­blem? Ist Un­gleich­heit nicht ein An­reiz für die Ärme­ren, nach oben zu stre­ben? Und was sagt die Ver­mö­gens­ver­tei­lung über die Le­bens­qua­li­tät der Men­schen und ihre so­zi­a­le Ab­si­che­rung aus?
Normalerweise kümmern sich Ökonomen in Fach­publi­ka­tio­nen um die­se Sach­ver­halte. Die ORF-Jour­na­lis­tin Rosa Lyon - sie hat selbst Volks­wirt­schaft stu­diert - lie­fert nun in ei­nem Buch Ant­wor­ten auch für die in­ter­es­sier­te Masse.

Zügig erzählend und gut - vielleicht fast ein bisschen zu eif­rig -doku­men­tie­rend tas­tet Lyon sich an die Fra­gen he­ran, zi­tiert Pop­kul­tur (so die Pros­ti­tuier­te Vivian aus "Pretty Woman" als Bei­spiel für nicht vor­han­de­nes so­zia­les Kapi­tal oder den Kana­rien­vo­gel des AKW-Be­sit­zers in den "Simp­sons" als Bei­spiel für ver­schlei­erte Ver­mö­gens­werte) so­wie die Ge­brü­der Grimm. Dann näm­lich, wenn das Mär­chen vom ge­stie­fel­ten Ka­ter den Le­sern den hoch­kom­plexen Gini-Koef­fi­zien­ten näher­bringt.

Der Gini-Koeffizienz ist eine Messgröße für Un­gleich­heit in ei­ner Ge­sell­schaft, die er auf einer Skala von null (per­fek­te Gleich­heit) bis eins (per­fekte Un­gleich­heit) auf­lis­tet. Lyon ge­lingt es nicht nur, das Kon­zept an­schau­lich zu ma­chen, sie ar­bei­tet gleich­zei­tig des­sen Schwä­chen he­raus. So han­delt es sich um eine mathe­ma­ti­sche Vor­gangs­weise und nicht um eine mo­ra­li­sche Wer­tung. Ein­fluss­fak­to­ren blen­det der Gini-Koef­fi­zient aus. Und selbst sei­ne Aus­sa­ge­kraft ist be­schränkt. Ers­tens weil "es in der For­schung kei­ne aus­rei­chen­den Da­ten und Zah­len gibt, um ein um­fas­sen­des Bild über die öko­no­mi­sche Ver­tei­lung des Wohl­stands zu zeich­nen", wie Lyon schreibt. Vor al­lem aber auch, weil die­se Mess­größe ei­nen ent­schei­den­den Gleich­macher unter den Tisch kehrt. Den So­zial­staat.

Wer beispielsweise in Österreich lebt, (noch) nicht um sei­ne Ge­sund­heits­ver­sor­gung oder sei­ne Pen­sion ban­gen muss, der muss auch weni­ger an­spa­ren. Er kann Lebens­ri­si­ken out­sour­cen und das Geld statt­des­sen aus­ge­ben. Der Gini-Koef­fi­zient wür­de die­se Per­son als arm mes­sen. Am an­de­ren Ska­len­ende steht ein be­son­ders rei­cher Mensch in ei­nem ero­die­ren­den Staat. Er muss mehr Geld auf­wen­den, um sein Ver­mö­gen ab­zu­si­chern (und sei es durch phy­si­sche Bar­rie­ren wie Sta­chel­draht). Eine we­sent­lich "är­mere" Mil­lio­nä­rin im öster­rei­chi­schen Rechts­staat kann sich aus­ruhen. Ihr Ver­mö­gen ist vor dem Zu­griff an­de­rer ge­schützt -in Form von Poli­zei­beam­ten und durch bei funk­tio­nie­ren­den Ge­rich­ten ein­klag­bare Eigen­tums­rechte.

Wir lernen Mansa Musa kennen, der der reichste Mann der Ge­schichte ge­we­sen sein soll (bis Elon Musk kam) und der - er lebte im 14. Jahr­hun­dert -sein gan­zes Gold im­mer mit­schlep­pen musste. Wir ler­nen vom Un­sinn des Eigen­heims und sei­ner Rol­le als Um­ver­tei­lung von un­ten nach oben, von den Fall­stricken der Merito­kra­tie und den mög­li­cher­weise öko­no­mi­schen Ur­sachen der Fentanyl­krise in den USA.

Geschickt verbindet Lyon die Aktualität mit ideen­ge­schicht­li­cher Grund­lage und den für das Ver­ständ­nis hilf­rei­chen er­zäh­le­ri­schen Pas­sa­gen. Um letzt­lich zu die­sem Fa­zit zu kom­men: "Für die Wirt­schaft gel­ten keine Natur­ge­setze. Wirt­schaft funk­tio­niert so, wie wir sie ge­stal­ten."Kon­­trol­­le der Ka­pi­­tal- und Han­­dels­­ströme. Da­mit wäre auch die De­­bat­­te um Mi­­gra­­tion ent­­schärft: Rechts­­po­­pu­­lis­­ten wür­­den nicht dort be­­son­­ders da­­zu­­ge­­win­­nen, wo vie­­le Mi­­gran­­ten le­­ben, son­­dern dort, wo Ar­­beits­­plät­ze ver­­schwinden.

Posted by Wilfried Allé Wednesday, May 7, 2025 9:10:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Wie Demokratien sterben 

Und was wir dagegen tun können

von Steven Levitsky, Daniel Ziblatt

ISBN: 9783421048103
Verlag: DVA
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 320 Seiten
Format: Hardcover
Übersetzung: Klaus-Dieter Schmidt
Erscheinungsdatum: 29.05.2018
Preis: € 22,70

Kurzbeschreibung des Verlags

Ausgezeichnet mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis

Demokratien sterben mit einem Knall oder mit einem Wim­mern. Der Knall, also das oft ge­walt­same Ende einer Demo­kra­tie durch ei­nen Putsch, ei­nen Krieg oder eine Revo­lu­tion, ist spek­ta­ku­lärer. Doch das Da­hin­sie­chen ei­ner Demo­kra­tie, das Ster­ben mit ei­nem Wim­mern, ist all­täg­li­cher – und ge­fähr­li­cher, weil die Bür­ger meist erst auf­wa­chen, wenn es zu spät ist. Mit Blick auf die USA, Latein­ameri­ka und Euro­pa zei­gen die bei­den Poli­to­lo­gen Steven Levit­sky und Daniel Zi­blatt, wo­ran wir er­ken­nen, dass demo­kra­ti­sche Ins­ti­tu­tio­nen und Pro­zes­se aus­ge­höhlt wer­den. Und sie sagen, an wel­chen Punk­ten wir ein­grei­fen kön­nen, um diese Ent­wick­lung zu stop­pen. Denn mit ge­ziel­ter Gegen­wehr lässt sich die Demo­kra­tie ret­ten – auch vom Sterbebett.


FALTER Rezension

Wie Demokratien dahinsiechen
Barbara Tóth in FALTER 25/2022 vom 24.06.2022 (S. 20)

Ein Putsch, eine Revolution: So rut­schten frü­her Demo­kra­tien ins Dik­ta­to­ri­sche ab. Die Har­vard-Pro­fes­soren Steven Levit­sky und Daniel Zi­blatt zei­gen ei­nen ge­fähr­li­che­ren, weil weni­ger spür­ba­ren Weg der Ent­demo­krati­sie­rung: die schlei­chende Aus­höh­lung von in­nen, die selbst ge­fest­igte Demo­kra­tien tref­fen kann. Be­son­ders ge­fährl­ich ist es, wenn eta­blierte Main­stream-Par­teien in Kri­sen nicht "staats­tra­gend" agie­ren, son­dern Ex­tre­mis­ten eine Chance ge­ben - in ihren ei­ge­nen Rei­hen wie als Koa­li­tions­partner.

Demokratien sterben heutzutage in Zeitlupe
Barbaba Tóth in FALTER 22/2018 vom 01.06.2018 (S. 19)
Ein US-Bestseller analysiert, wie Demo­kra­tien schlei­chend unter­wan­dert wer­den. Lesens­wert – ge­rade aus öster­rei­chi­scher Sicht
Ein Putsch, eine Revolution: Das waren die Ereig­nisse, mit denen frü­her Demo­kra­tien ins Dik­ta­to­ri­sche ab­rutsch­ten. Die bei­den Har­vard-Pro­fes­so­ren Steven Levit­sky und Daniel Zi­blatt ha­ben in ihrem in den USA viel dis­ku­tiert­en Best­sel­ler „How Demo­cra­cies Die“ zahl­rei­che Bei­spiele ver­sam­melt, die ei­nen viel ge­fähr­li­cheren, weil weni­ger spür­ba­ren Weg der Ent­demo­kra­ti­sie­rung auf­zeigen: die schlei­chende Aus­höh­lung von inn­en, die selbst ge­fes­tigte, eta­blierte Demo­kra­tien tref­fen kann.
„Die Erosion der Demokratie geschieht für die meisten Bürger so gut wie un­merk­lich“, schrei­ben Levit­sky und Zi­blatt. Demo­kra­tien könn­ten heute „nicht von Gene­rä­len, son­dern von Prä­si­den­ten oder Premier­minis­tern um­ge­bracht wer­den (...), die genau je­nen Pro­zess, der diese an die Macht ge­bracht hat, unter­mi­nieren“.
Levitsky und Ziblatt analysieren mögliche Stationen auf dem Weg ins Autori­täre, und wer ihr diese Woche auch auf Deutsch er­schei­nen­des Buch liest, fühlt sich er­schreckend oft an die öster­rei­chi­sche Poli­tik er­innert. Die bei­den Poli­to­lo­gen brin­gen his­to­ri­sche und ak­tuel­le Bei­spiele wie Hugo Chávez in Vene­zuela und Viktor Orbán in Un­garn, sie nen­nen die Phi­lip­pinen, Polen oder die Tür­kei und Deut­schland der 1930er. Solide, gute Ver­fas­sungen sind im­mens wich­tig, eben­so wich­tig sind aber die un­ge­schrie­be­nen Re­geln und Normen der poli­ti­schen Aus­einander­set­zung. Levit­sky und Zi­blatt ver­glei­chen das mit ei­nem Bas­ket­ball­spiel in ei­nem Hinter­hof, das nach an­de­ren Spiel­regeln ab­läuft als NBA-Spiele, aber funk­tio­niert, so­lange sich alle da­ran hal­ten, weil sie ja mor­gen weiter­spie­len wol­len, auch wenn man heute ver­loren hat.
Zu diesen Regeln gehört etwa, den poli­ti­schen Geg­ner zwar scharf zu kri­ti­sieren, ihm aber nicht die grund­sätz­liche Legi­ti­mi­tät, am poli­ti­schen Pro­zess teil­zu­neh­men, ab­zu­spre­chen. Da­zu ge­hört auch, Schiedsr­ichter-arti­ge Ins­ti­tu­tionen wie Höchst­ge­richte nicht infrage zu stel­len. Aber auch die Pres­se, Inter­essen­ver­tre­tungen und die Geheim­dienste. Ein Blick zu­rück in die letz­ten bei­den Jahre zeigt, dass die FPÖ ge­rade das ge­macht hat. Sie hat ver­sucht, den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof, den Ver­fas­sungs­schutz und jetzt ge­rade den ORF sys­te­ma­tisch zu desa­vouie­ren. „Wer ein Fuß­ball­spiel mani­pu­lie­ren will, nimmt sich zu­erst die Schieds­rich­ter vor“, schrei­ben die Autoren.

Besonders gefährlich ist es, wenn etablierte Main­stream-Par­teien in Kri­sen nicht das Wohl des Landes im Auge ha­ben, also „staats­tra­gend“ agie­ren, son­dern Ex­tre­mis­ten eine Chance ge­ben – in ihren ei­ge­nen Rei­hen wie als Koa­litions­partner. Levit­sky und Zi­blatt kri­ti­sie­ren aus US-Sicht natür­lich vor allem die Repu­bli­kaner, deren füh­rende Leute ent­setzt über Donald Trumps Kandi­da­tur waren, aber den­noch die­sem und nicht Hil­lary Clin­ton zum Sieg ver­halfen.
Auf Österreich umgelegt lässt sich fragen: War es ein Feh­ler, dass füh­rende ÖVPler zu­erst Sebas­tian Kurz mit sei­nem an der FPÖ an­ge­lehn­ten Paro­len an die Macht kom­men und dann auch noch eine Koa­li­tion mit der FPÖ ein­ge­hen ließen? Levit­sky und Zi­blatt stel­len diese Frage nicht, ihr Buch wurde vor Kurz’ Macht­über­nahme ge­schrie­ben. Aber sie brin­gen ein an­deres inter­es­san­tes Bei­spiel aus der öster­reichi­schen Poli­tik, um zu zei­gen, wel­che wich­tige Wäch­ter­funk­tion Main­stream-Par­teien haben. Sie loben jene hoch­ran­gigen ÖVPler, die sich in der über­par­teili­chen Wahl­be­we­gung für Bundes­prä­si­dent Alexan­der Van der Bellen enga­gier­ten, um den ­Ex­tre­mis­ten Nor­bert Hofer zu ver­hin­dern. Dass dann aus­ge­rech­net dieser Van der Bellen Hofer zum Ver­kehrs­mi­nis­ter ange­loben würde, wussten die Auto­ren da­mals noch nicht.

Posted by Wilfried Allé Sunday, January 12, 2025 9:16:00 AM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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