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Dunkelblum 

Roman

von Eva Menasse

ISBN: 9783462047905
Ausgabe: 8. Auflage
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 528 Seiten
Format: Hardcover
Erscheinungsdatum: 19.08.2021
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Preis: € 25,70

 

Kurzbeschreibung des Verlags:

Jeder schweigt von etwas anderem.
Auf den ersten Blick ist Dunkelblum eine Klein­stadt wie jede andere. Doch hin­ter der Fas­sade der öster­reichi­schen Ge­mein­de ver­birgt sich die Ge­schich­te eines furch­tba­ren Ver­bre­chens. Ihr Wis­sen um das Er­eig­nis ver­bin­det die äl­teren Dunkel­blumer seit Jahr­zehn­ten – ge­nau­so wie ihr Schwei­gen über Tat und Täter. In den Spät­som­mer­ta­gen des Jah­res 1989, wäh­rend hin­ter der nahe­ge­le­genen Gren­ze zu Un­garn be­reits Hun­der­te DDR-Flücht­lin­ge war­ten, trifft ein rät­sel­haf­ter Be­su­cher in der Stadt ein. Da ge­ra­ten die Din­ge plötz­lich in Be­we­gung: Auf einer Wiese am Stadt­rand wird ein Ske­lett aus­ge­gra­ben und eine jun­ge Frau ver­schwin­det. Wie in einem Spuk tau­chen Spu­ren des al­ten Ver­bre­chens auf – und kon­fron­tie­ren die Dunkel­blumer mit einer Ver­gan­gen­heit, die sie längst für er­le­digt hiel­ten. In ihrem neuen Ro­man ent­wirft Eva Menasse ein großes Ge­schichts­pa­no­ra­ma am Bei­spiel einer klei­nen Stadt, die im­mer wie­der zum Schau­platz der Welt­po­li­tik wird, und er­zählt vom Um­gang der Be­woh­ner mit einer his­to­ri­schen Schuld. »Dunkel­blum« ist ein schau­rig-ko­mi­sches Epos über die Wun­den in der Land­schaft und den Seelen der Men­schen, die, anders als die Er­inne­rung, nicht ver­gehen.
»Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Be­tei­lig­ten ge­mein­sam ge­wusst. Des­halb kriegt man sie nach­her nie mehr rich­tig zu­sam­men. Denn von je­nen, die ein Stück von ihr be­ses­sen ha­ben, sind dann im­mer gleich ein paar schon tot. Oder sie lü­gen, oder sie ha­ben ein schlech­tes Ge­dächt­nis.«

FALTER-Rezension

Durch die Grauzonen einer braunen Kleinstadt

Es gibt dieses Bonmot von Öster­reich als Punsch­krapfen­land. Es sei außen süß und rosa, in­nen drin feucht­braun und alko­hol­ge­tränkt. Es steht für Öster­reichs Um­gang mit sei­ner Nazi-Ver­gan­gen­heit, die man bis in die spä­ten 1980er-Jahre mit Alpen­kitsch ver­deckte. Man war doch das erste Opfer Hitler-Deutsch­lands und sonst un­schul­dig.

Das funktionierte, bis ein Bundes­prä­si­dent­schafts­kan­di­dat na­mens Kurt Wald­heim (ÖVP) in sei­nem Wahl­kampf über seine NS-Ver­gan­gen­heit stol­per­te, bes­ser ge­sagt: über sei­nen Um­gang damit. Er wollte sich nicht so recht er­in­nern, wie die meis­ten Kriegs­ve­te­ra­nen sei­ner Gene­ra­tion, und wur­de ge­nau des­wegen ge­wählt. Das Bild von der ge­schichts­ver­ges­senen Alpen­re­pu­blik lebt bis heute fort, vor allem in anglo­ameri­ka­nischen Medien.

Eva Menasses neuer, dritter und bislang um­fang­reichster Roman, „Dunkel­blum“, spielt in so einer Punsch­krapfen­stadt. Sie heißt, wie ihr Werk, „Dunkel­blum“ und liegt im Bur­gen­land. Es ist ein fik­ti­ver Schau­platz, zu­sam­men­ge­setzt aus vie­len Orten die­ser Ge­gend, in denen sich in den letz­ten Mo­na­ten des Zwei­ten Welt­kriegs so ge­nannte End­phasen­ver­bre­chen an Juden und Zwangs­ar­bei­tern er­eig­neten. Die Na­zis trie­ben sie auf ihrem Rück­zug vor der Roten Armee aus Un­garn Rich­tung Wes­ten. Wer noch ar­bei­ten konnte, musste Hit­lers Süd­ost­wall bauen. An­dere wurden mas­sa­kriert und er­mor­det.

Das bekannteste Verbrechen geschah in Rechnitz. Im März 1945 feier­ten Nazi-Bon­zen ein Fest im Schloss der Gra­fen­fa­mi­lie Batthyány, das in einem Mas­saker an 180 Men­schen en­de­te. Das Massen­grab wurde bis heute nicht ge­fun­den, ein Volks­ge­richts­ver­fahren in den Nach­kriegs­jahren blieb ohne Er­geb­nis. Das Mas­sa­ker von Rech­nitz wurde von His­to­ri­kern be­forscht sowie von Künst­lern fil­misch und li­te­ra­risch ver­ar­bei­tet, etwa in El­friede Jeli­neks Drama „Rechnitz (Der Würge­engel)“.

Ich wollte keinen Rechnitz-Roman schreiben“, sagt Eva Menasse. Aber na­tür­lich ist „Dunkel­blum“ eine Art Rech­nitz-Ro­man ge­wor­den. Me­nasse de­kli­niert nicht nur die klas­si­schen Anti-Hei­mat-Roman-The­men wie Ver­drän­gung, Schwei­gen, Schuld und Sühne an­hand ihrer fik­ti­ven Modell­stadt durch. Sie er­zählt auch die Um­brüche des Jahres 1989 mit: den Fall des Ei­ser­nen Vor­hangs, die Flucht der ers­ten DDR-Bür­ger über die grüne Grenze.

Dazu kommen auch noch das Motiv des zi­vi­len Auf­be­geh­rens und die Um­welt­be­we­gung. Die Dunkel­blumer wehren sich im Jahr 1989, in dem der Roman spielt, ge­gen eine neue Was­ser­ver­sor­gungs­an­lage. Fehlt bloß noch der Auf­stieg des da­ma­ligen FPÖ-Chefs Jörg Haider, denkt man sich kurz, aber die­se zeit­ge­schicht­liche Tan­gen­te er­spart sich Menasse.

Auch für die Autorin, Jahrgang 1970, war 1989 ein Schlüs­sel­jahr. Sie er­lebte als junge Jour­na­lis­tin im Pro­fil den Fall des Eiser­nen Vor­hanges mit. Mit Öster­reichs Ge­schichts­ver­ges­sen­heit wuchs sie ohne­hin auf. Über den Lon­do­ner Pro­zess ge­gen den Holo­caust­leug­ner David Irving schrieb sie einen viel­be­ach­teten Re­por­tage­band. Und wie schon in „Quasi­kri­stalle“, ihrem letz­ten Ro­man, nimmt Me­nas­se ver­schie­dene Er­zähl­per­spek­tiven ein, um eine These zu de­mons­trie­ren: Die eine Ge­schich­te gibt es nicht, es sind im­mer vie­le Er­zäh­lun­gen neben­ei­nan­der, die sich wider­spre­chen und in Kon­kur­renz zu­ei­nander ste­hen.

Wer sich im Lesefluss gerne an einer Pro­ta­go­nis­tin oder einem Pro­ta­go­nisten fest­hält, wird ent­täuscht. Wer gern tief in die Psyche und in das Be­ziehungs­ge­flecht von fik­ti­ven Cha­rak­teren ein­taucht, wer gerne in Ro­ma­nen ver­sinkt, die Zeit­ge­schichte bloß en pas­sant mit­er­zählen, wie sie bei­spiels­weise die ita­lienische Au­to­rin Fran­ces­ca Me­lan­dri schreibt, auch.

Menasse schafft eher ein literarisches Wimmel­bild mit einer Viel­zahl an possier­lich über­zeich­neten Fi­guren. So will sie Dunkel­blums kollek­ti­ves Ge­dächt­nis und Ge­wis­sen skiz­zie­ren, die Leer­stel­len die­ser in Ab­hän­gig­keiten und Ge­heim­nis­sen ver­schwo­re­nen Ge­mein­schaft. Dunkel­blums Be­woh­ner spie­len nicht die Haupt­rolle, sie sind nur Funk­tionen.

Wir lernen eine rebellierende Tochter aus besserem Haus kennen, die ge­mein­sam mit Stu­den­ten aus Wien den jü­di­schen Fried­hof Dunkel­blums res­tau­riert. Sie steht für die kri­ti­sche, junge Ge­ne­ra­tion, die will, dass sich die Vor­fahren mit den Ver­bre­chen der NS-Zeit kon­fron­tie­ren. Es gibt den alten Dorf-Nazi, der res­pek­tiert wird, weil er sei­ne alten Kon­takte stets für die Dorf­ge­mein­schaft ein­ge­setzt hat. Die re­so­lute Hotel­wir­tin, die als Zim­mer­mäd­chen unter den alten Ho­te­li­ers, Ju­den, an­fing und dann das Haus über­nahm. Dazu den Dorf­arzt, der sein Wis­sen über das da­ma­lige Mas­sa­ker mit in die Pen­sion nimmt. Einen jü­di­schen Greißler, der in seiner alten Heimat­stadt nach dem Krieg trotz allem neu an­ge­fangen hat.

Und einen geheimnisvollen Gast aus Übersee, der viele un­an­ge­nehme Fra­gen stellt und sich der Suche nach den Grä­bern der einst Er­mor­de­ten ver­schrie­ben hat. Ein Lage­plan des Ortes er­leich­tert die Orien­tie­rung. Es wird auf den über 500 Sei­ten mit­unter näm­lich ganz schön un­über­sicht­lich.

Zwischendurch nimmt Menasse die Haltung einer alt­klugen, sar­kas­ti­schen Stadt­schrei­berin ein. Sie spart nicht mit Dia­lekt­aus­drücken. Topfen­neger, Kri­spin­deln, Zniach­terln, Tschick, Tschop­perl, Tuchent: ein Glos­sar am Ende des Romans hilft Le­sen­den jen­seits des bay­erischen Sprach­raums beim De­chif­frie­ren der groß­zügig ein­ge­streu­ten Ösi-Folk­lore. Das deut­sche Feuil­le­ton lobte Me­nasses Kunst-Dunkel­blume­risch, man bekäme regel­recht „Dialekt­neid“, schrieb Die Zeit. Vor Ort liest es sich strecken­weise manie­riert.

Was bleibt? „Das ist nicht das Ende der Ge­schich­te“, lautet Menasses letz­ter Satz. Dunkel­blums Ge­heim­nis – was ge­schah in der Nacht des Mas­sa­kers an den jü­di­schen Zwangs­ar­bei­tern und wo liegt ihr Grab – bleibt ver­bor­gen. Unter den Schich­tungen des Er­in­nerns und dem Zucker­guss des Ver­drän­gens. Das ist durch­aus stim­mig. Eva Me­nasse hat Öster­reichs Ver­gan­gen­heits­po­li­tik ein wür­diges litera­ri­sches Denk­mal ge­setzt.

Barbaba Tóth in Falter 34/2021 vom 27.08.2021 (S. 28)

Posted by Wilfried Allé Sunday, December 5, 2021 1:05:00 PM Categories: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
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Zu viel und nie genug 

Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf (deutsche Ausgabe von Too Much and Never Enough)

von Mary L. Trump

ISBN: 9783453218154
Ausgabe: Deutsche Erstausgabe
Verlag: Heyne
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Umfang: 288 Seiten
Format: Hardcover
Erscheinungsdatum: 12.08.2020
Übersetzung: Christiane Bernhardt, Pieke Biermann, Gisela Fichtl, Monika Köpfer, Eva Schestag
Preis: € 22,70

Kurzbeschreibung des Verlags:

Das wahre Gesicht von Donald Trump – intime Details aus der Familiengeschichte des US-Präsidenten
Mary L. Trump, Nichte des US-Präsidenten und promovierte klinische Psychologin, enthüllt die dunkle Seite der Familie Trump. Einen Großteil ihrer Kindheit verbrachte Mary im Hause ihrer Großeltern in New York, wo auch Donald und seine vier Geschwister aufwuchsen. Sie schildert, wie Donald Trump in einer Atmosphäre heranwuchs, die ihn für sein Leben zeichnete und ihn letztlich zu einer Bedrohung für das Wohlergehen und die Sicherheit der ganzen Welt machte.Als einziges Familienmitglied ist Mary Trump dazu bereit, aus eigener Anschauung die Wahrheit über eine der mächtigsten Familien der Welt zu erzählen. Ihre Insiderperspektive in Verbindung mit ihrer fachlichen Ausbildung ermöglicht einen absolut einmaligen Einblick in die Psyche des unberechenbarsten Mannes, der je an der Spitze einer Weltmacht stand.
»Anstößig, bissig und gut recherchiert – und zugleich doch eine fesselnde Erzählung.« —The Guardian »Nach vielen, vielen Trump-Büchern ist dieses tatsächlich unentbehrlich.« — Vanity Fair

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.08.2020

Mit diesem Buch ist es Donald Trumps Nichte Mary L. Trump gelungen, das Verhalten des Präsidenten vor dem Hintergrund seiner Erziehung verständlich zu machen, findet Rezensentin Marlen Hobrack. Die Autorin zeigt Trumps fehlende Empathie und sein Anspruchsdenken als Resultat der Bevorzugung durch den soziopathischen Vater, der Donalds Bruder Freddy vor Donalds Augen beständig demütigte, so die Kritikerin. Nach der Lektüre versteht Hobrack allerdings noch immer nicht, wieso Millionen von Amerikanern Donald Trump für einen fähigen Präsidenten halten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.08.2020

Rezensent Claudius Seidl nimmt dieses Buch, das er zunächst vielleicht für überflüssig hielt, am Ende sehr ernst. Denn es hat ihm nicht nur das erzählt, was man durch genaues Hinsehen und -hören schon längst wusste, erklärt er. Vielmehr schaffe es die Nichte Donald Trumps, teils womöglich unfreiwillig, so der Kritiker, die große Energie und das große Können ihres Onkels in Sachen Tricks, Blendung und Hochstapelei zum Schutz seiner selbst zu porträtieren. Leider ist er kein "Clown", lautet das Fazit des Rezensenten, sondern tatsächlich ein extrem gefährlicher Mann.

Posted by Wilfried Allé Sunday, December 5, 2021 11:22:00 AM Categories: Autobiographien Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft/Biographien
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Spazierengehen ist erlaubt 

Eine Stimmen-Collage der Pandemie in Erinnerungen, Zitaten, Träumen & Albträumen

von Sebastian Hofer , Wolfgang Paterno

ISBN: 9783903290617
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 300 Seiten
Format: Hardcover
Erscheinungsdatum: 01.10.2021
Verlag: bahoe books
Preis: € 19,00

 

Kurzbeschreibung des Verlags:

Das wahre Dunkel der Corona-Pandemie erschließt sich nicht in Fallzahlen und Übersterblichkeitsstatistiken. Es lässt sich nicht anhand von Aktienkursen und Arbeitslosenzahlen erfassen, nur bedingt an Angst-, Stress- und Depressionserzählungen, Bildungs- oder Protestberichten. Die Pandemie ist uns allen, die wir im Frühling 2020 aus dem gewohnten Leben gerissen wurden, eingeschrieben, zu oft aber noch immer unlesbar. Es bleibt auf unbestimmte Zeit hinaus unfassbar, wie diese kollektive Grenzerfahrung in das Gefüge der Welt eingegriffen hat.
Dieses Buch ist der Versuch, die Dynamiken der Pandemie zu ermessen – an dem, was über sie gesagt und geschrieben wurde. Im ersten Schock, im trügerischen Aufatmen, in den Rückschlägen und Hoffnungen. Im Versuch, damit zurechtzukommen, die jähe Bedrängnis der Pandemie zu managen, zu bewältigen, zu vergessen, über die Opfer zu trauern. Von Politikerinnen, Friseuren, Kindern, Kranken und Hinterbliebenen. Von Zweiflern und Kritikerinnen, Wissenschaftlern, Reporterinnen und Journalisten, Autoren und Schriftstellerinnen, Schülern und Schülerinnen. Von so vielen. Spazierengehen ist erlaubt ist das Logbuch eines schier endlosen Ausnahmejahres, in dem Erinnerungen, Zitate, Träume und Albträume als Stimmen-Collage versammelt sind. Das Geflecht im Gerüst sich überschlagender Ereignisse, ein anschwellender Kanon des Unsagbaren.

FALTER-Rezension

Es wäre natürlich schöner, wir hätten das Gröbste überstanden und diese Neuerscheinung ließe sich als Nachbericht lesen. "Eine Stimmen-Collage der Pandemie in Erinnerungen, Zitaten, Träumen &Albträumen" (Untertitel) haben die Profil-Redakteure Hofer und Paterno zusammengetragen und zum "Logbuch eines endlosen Ausnahmejahres" (Vorwort) arrangiert. Die Frage ist, ob man das ausgerechnet jetzt lesen möchte -und nicht lieber in Kochbüchern nach aufwendigen Rezepten stöbert oder sich einen dicken Roman aus dem 19. Jahrhundert vornimmt.

Dessen ungeachtet bietet "Spazierengehen ist erlaubt" einen guten Überblick über die Dynamiken der Pandemie sowie das atemlose Wortgeklingel, das diese Zeit mitprägt. Das Buch listet nicht nur beflissen Politikerzitate und Pressestimmen auf, auch Schülerinnen, Postbusfahrer und Schriftstellerinnen kommen darin zu Wort.

Sebastian Fasthuber in Falter 48/2021 vom 03.12.2021 (S. 36)

Posted by Wilfried Allé Wednesday, December 1, 2021 10:56:00 PM Categories: Belletristik/Essays Feuilleton Interviews Literaturkritik
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Die Erschöpfung der Frauen 

Wider die weibliche Verfügbarkeit

Franziska Schutzbach

Verlag: Droemer Knaur Verlag
Auflage: 3. Auflage
Umfang: 304 Seiten
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft, Feminismus
Erscheinungsdatum: 01.10.2021
ISBN - Buch: 978-978-3-426-27858-1
Format - Buch: gebundene Ausgabe
Preis - Buch: € 18,95
ISBN/EAN - e-Book:
9783426462027
Format - e-Book:
ePub
Preis - e-Book:
Euro 15,99

Frauen haben heute angeblich so viele Entscheidungs­möglich­keiten wie nie zuvor. Und sind gleich­zeitig so er­schöpft wie nie zuvor. Denn nach wie vor wird von ihnen ver­langt, per­ma­nent ver­füg­­bar zu sein. Die Geschlech­ter­for­scherin Franziska Schutzbach schreibt über ein System, das von Frauen alles erwartet und nichts zurückgibt – und darüber, wie Frauen sich dagegen auflehnen und alles verändern: ihr Leben und die Ge­sell­schaft.  

In unserer Gesellschaft wird Weib­lichkeit gleich­ge­setzt mit Für­sorg­lich­keit. Frauen sind, ob in der Fa­mi­lie, in Be­zie­hungen oder im Beruf, zu­stän­dig für emo­tio­nale Zu­wen­dung, für Har­mo­nie, Trost und Be­zie­hungs­ar­beit – für Tätig­keiten also, die un­sicht­bar sind und kaum An­er­ken­nung oder Be­zah­lung er­fah­ren. Sie „schul­den“ anderen – der Fa­mi­lie, den Män­nern, der Öffent­lich­keit, dem Ar­beits­platz – ihre Auf­merk­sam­keit, ihre Liebe, ihre Zu­wen­dung, ihre Attrak­tivi­tät, ihre Zeit. Und kämpfen jeden Tag gegen emo­tio­nale und sexuelle Ver­füg­bar­keits­er­war­tungen.

Es sind diese allgegen­wärtigen An­sprüche, die Frauen in die Er­schöp­fung trei­ben. Denn – de­kla­riert als „weib­liche Natur“ – ist die ge­leis­tete Sorge­ar­beit meist wenig an­er­kannt und bleibt un­sicht­bar. Sie gilt öko­no­misch als ir­re­le­vant und ist ge­rade des­halb aus­beut­bar. Das Buch zeigt, dass die Ver­füg­bar­keits­an­sprü­che für unter­schied­liche Frauen Unter­schied­liches be­deu­ten: Ob als Müt­ter oder als Mäd­chen, ob als schwarze oder weiße Frauen, als Mi­gran­tin, Trans- oder non bi­näre Person, als dicke oder les­bi­sche Frau, ob im Dienst­leistungs­sek­tor, in Pflege­be­rufen oder in der digi­talen (Selbst)­ver­marktung, ob als Poli­ti­kerin oder Künst­lerin – die Ver­aus­gabung hat unter­schied­liche Aus­maße und unter­schied­liche Ur­sa­chen.

Die Geschlechter­forscherin Franziska Schutzbach wendet sich gegen ein mi­so­gynes Sys­tem, das von Frauen alles er­wartet und nichts zu­rück­gibt. Und sie zeigt, welch viel­fäl­tigen Wider­stand Frauen gegen die Aus­beu­tung ihrer Ener­gie, ihrer Psyche und ihrer Körper leis­ten. Ein Wider­stand, der zu einer trei­ben­den Kraft für neue Ar­beits- und Lebens­weisen wird und die Welt ver­än­dert.

Ein kluger und fundierter Beitrag zu einer an­hal­tend ak­tuel­len De­batte.

Posted by Wilfried Allé Saturday, November 27, 2021 2:28:00 PM Categories: Feminismus Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft/Gesellschaft
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Skifahren in Ostösterreich 

Alle Lifte und Pisten in Niederösterreich, Wien und Burgenland. Mit Loipen-Tipps und Steiermark-Teil

Wolfgang Kralicek

EAN: 9783854395140
Genre: Reisen/Reiseführer/Europa
Umfang: 256 Seiten
Format: Gebundene Ausgabe
Erscheinungsdatum: 22.02.2016
Verlag: Falter Verlag
Preis: € 22,90

 

Kurzbeschreibung des Verlags:

Wer den Schlepplift nicht ehrt, ist die Skischaukel nicht wert: Dieses Buch ist ein Plädoyer für Skifahren in Ostösterreich. Es richtet sich an Wintersportbegeisterte, die ihren Sport regelmäßig ausüben wollen oder im Winter öfter mal nach einem Wochenendprogramm für sich und ihre Kinder suchen. Wer das Buch gelesen hat, wird staunen, wie viele Möglichkeiten es dafür in Österreichs Ostregion gibt.
Ski fahren, das ist für viele skibegeisterte Wienerinnen und Wienern der alljährliche Skiurlaub in hochalpinen Regionen, in Kitzbühel, Schladming oder Lech am Arlberg etc. Dabei liegt der Schnee vor ihrer Haustür. Nicht einmal eine Stunde Autofahrt ist es von der Hauptstadt bis zu den Bergen.
Wien ist kein Wintersportort, aber die Pisten sind näher als man denkt.
Die Ski- und Langlaufregionen Niederösterreichs sowie die unmittelbar angrenzenden Gebiete der Steiermark werden anhand des Guides präsentiert, in ihrer lokalen Vielfalt dargestellt und für Touristen, insbesondere aus dem Großraum Wien, erlebbar gemacht.

FALTER-Rezension

Auch Marcel Hirscher fuhr am Babylift

Rund um Wien gibt es 74 Lifte und 200 Pistenkilometer. Das beste dran: Skifahren ist dort sogar leistbar

Richtig alpin, sagt Lukas Weghofer, fahre er am liebsten am Arlberg. In Stuben. Weniger, weil in dem kleinen Bergdorf in den 1930er-Jahren der Grundstein zum modernen Skilauf gelegt wurde, sondern weil Stuben nicht Lech ist. Also kein Lifestyle-Hotspot, sondern ein „Skifahrerort“. Denn ums Skifahren geht es Lukas Weghofer. „Das liegt in meinen Genen“, sagt er. Oder zumindest in der Familie.

Denn als 1986 der „Schiklub Wiesen“ gegründet wurde, war Weghofers Familie federführend dabei: Die Oma war Kassiererin, betreute den Rennkader und führte die Skihütte. Die Mutter übernahm – und vor drei Jahren wurde Weghofer Vereinspräsident. Dass er da erst 19 Jahre alt war, beachtete niemand. Weil etwas anderes ins Auge stach: Wiesen liegt im Burgenland. Dass es auch dort Skifans gibt, verwundert nicht. Aber eine Skihütte? „Ja“, lacht Weghofer, „wir haben ja auch einen Pistenbully und Schneegeräte – wie sollen wir sonst die Piste präparieren?“

Skifahren im Burgenland ist kein Witz. Vorletzte Saison lief der Wiesener Lift sieben Wochen. Rekord. 2018 konnte man ab Mitte Februar beschneien: „Zwei Wochen Sonnenskilauf!“ Der Wiesener Schlepplift ist 300 Meter lang. Die Talstation liegt auf 340, die Bergstation auf 380 Metern. Zum Schneeschnuppern reicht das. Sagen die mehr als 1000 Vereinsmitglieder. Mitglied kann jeder werden. Die Mitgliedskarte ist die Liftkarte. Kosten: 27 Euro. Für die ganze Saison.

Wiesen ist nicht der einzige Skiort im Burgenland: Kukmirn hat einen Lift. Rettenbach zwei. Das Etikett „Skizentrum“ passt dennoch: Rettenbach ist bei Grasskifahrern weltberühmt. 2009 fand hier die WM statt. Im Winter rutschen dann Kinder über Schnee – wenn es ihn gibt.

„Skigebiete“ wie im Burgenland gibt es in Österreich zuhauf. Im Wintersportuniversum firmieren sie als „Wirtshaus-“ oder „Bürgermeisterlifte“, erklärt Markus Redl. Der Geschäftsführer der Niederösterreichischen Bergbahnen (die unter anderem Lifte am Hochkar, in Annaberg und in St. Corona am Wechsel betreibt) meint gar nicht hämisch: „Für die Lust am Skifahren spielen diese Kleinstanlagen eine zentrale Rolle“.

Nicht nur Redl sieht das so: „Uns fehlen langsam die kleinen, kurzen Dorflifte, wo man schnell nach der Schule trainieren kann“, zitierte Wolfgang Kralicek 2016 ÖSV-Herrencheftrainer Andreas Puelacher in „Skifahren in Ostösterreich“ (siehe Info-Spalte auf Seite 45). Kralicek beschreibt in diesem Standardwerk aus dem Falter Verlag nicht nur „Klassiker“ wie Hochkar, Semmering und Stuhleck, sondern noch den kleinsten „Fliegenden Teppich“: „Auch Marcel Hirscher ist einmal Babylift gefahren.“

Setzt man den Anfahrtsweg auf maximal 120 Minuten ab Wien, finden sich in Niederösterreich 21 Klein-Skigebiete: 29 Lifte. Knapp 37 Pistenkilometer. Tageskarten zwischen neun und 27 Euro. Zählt man die „Großen“ (Hochkar, Lackenhof, Semmering, Annaberg, Mönichkirchen, Puchberg oder Sankt Corona am Wechsel etwa) dazu, ergibt das 74 Lifte und 191 Pistenkilometer. Nördlich von Bratislava, in den kleinen Karpaten gibt es in Pezinska Baba noch einmal zwei Lifte und drei Pisten.

Sicher: Wer hochalpines High-End-Skifahren sucht, wird da enttäuscht werden. Aber darum geht es ja nicht. Nicht, wenn man mit Kindern unterwegs ist. Nicht, wenn man weder 50-Euro-Tageskarten noch 14-Euro-Germknödel sucht. Nicht, wenn man spüren will, was Skifahren auch sein kann: Einfach – und schön. Darum postuliert Kralicek in seinem Buch auch eine zentrale Botschaft des Wintersports: „Der Schlepplift ist dem Menschen zumutbar.“

Thomas Rottenberg in Falter 3/2019 vom 2019-01-18 (S. 44)

Leserstimmen

Genau das Buch, das ich gesucht habe! Perfekt! (Julia K., Wien)
Phantastisch beschrieben, wenn einmal der Schnee kommt, gut zu gebrauchen. (Michael S., Schwadorf)
Sehr praktisch + alles da, was man wissen sollte (Robert M., Vösendorf)

Posted by Wilfried Allé Friday, November 26, 2021 11:48:00 PM Categories: Reisen/Reiseführer/Europa
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30 Ideen für Europa 

Verlag: Czernin Verlag
Herausgeber: OeGfE (Österreichische Gesellschaft für Europapolitik)
Umfang: 144 Seiten
Genre: Politikwissenschaft/Politik, Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Erscheinungsdatum: 22.09.2021
ISBN - Buch: 978-3-7076-0749-9
Format - Buch: Hardcover
Preis - Buch: € 20,00
ISBN - e-Book:
978-3-7076-0750-5
Format - e-Book:
ePub
Preis - e-Book:
Euro 14,99

Wie geht es mit der Europäischen Union weiter? Wie werden die gesundheitspolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Pandemie bekämpft? Wer findet Antworten auf die Klimakrise und wie können die Chancen der Digitalisierung genutzt werden?

Ob Bildung, die globale Positionierung der Union oder die Gesundheitskrise: Die Europäische Union steht vor umfassenden Herausforderungen. Nicht nur der Umgang mit Migration und der Schutz der EU-Außengrenzen haben zu immer stärkeren Differenzen zwischen den Mitgliedsstaaten geführt. Auch die unterschiedliche Auslegung von Rechtsstaatlichkeit und Grundwerten macht deutlich: Es braucht dringend neue, gesamteuropäische Impulse.

»30 Ideen für Europa« versammelt spannende Kommentare von je 15 Autorinnen und Autoren unterschiedlichster Fachrichtungen und Hintergründe, die ihre Vorstellungen für eine vielfältige Zukunft der EU skizzieren.

Mit Beiträgen von: Renate Anderl, Silvia Angelo, Elodie Arpa, Barbara Blaha, Mercedes Echerer, Teresa Eder, Edeltraud Hanappi-Egger, Sylvia Kritzinger, Hannah M. Lessing, Corinna Milborn, Katharina Rogenhofer, Margit Schratzenstaller, Christa Schweng, Nini Tsiklauri, Christa Wirthumer-Hoche sowie Helfried Carl, Vedran Džihić, Belached Gebrewold, Robert Holzmann, Wolfgang Katzian, Gerald Knaus, Michael Landau, Helmut Leopold, Harald Mahrer, Gerhard Mangott, Josef Moosbrugger, Hans Dietmar Schweisgut, Martin Selmayr & Werner Wutscher

Posted by Wilfried Allé Thursday, November 18, 2021 11:31:00 AM Categories: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945) Politikwissenschaft/Politik
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Einspruch! 

Verschwörungsmythen und Fake News kontern - in der Familie, im Freundeskreis und online

von Ingrid Brodnig

ISBN: 9783710605208
Ausgabe: 4. Auflage
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 160 Seiten
Format: Hardcover
Erscheinungsdatum: 25.01.2021
Verlag: Brandstätter Verlag
Illustrationen: Marie-Pascale Gafinen
Preis: € 20,00

 

Kurzbeschreibung des Verlags:

Was tun, wenn Freunde, Verwandte oder Bekannte mit Aussagen kommen, die ins Reich der Verschwörungsmythen und Fake News gehören? Wie mit bizarren oder gar gefährlichen Theorien in sozialen Medien umgehen? In Diskussionen über das Coronavirus, die Klimakrise oder Migration verzweifeln wir über Spekulationen und Falschmeldungen. Das Gefühl der Überforderung wächst: Wieso glauben die mir nicht einmal dann, wenn ich dem Unsinn im WhatsApp-Chat mit Fakten kontern kann?
Ingrid Brodnig zeigt, wie wir in hitzigen Debatten ruhig bleiben und unseren Standpunkt verdeutlichen. Wann ist Diskutieren überhaupt sinnvoll? Warum sind unseriöse Stimmen sichtbarer, und welche rhetorischen Tricks sollte man kennen? Welche Rolle spielen digitale Kanäle, und wie kommen wir gegen die Macht der Aufmerksamkeitsökonomie an? Dieses Buch liefert die Strategien für eine kluge Diskussionsführung und Tipps für Formulierungen, die auch in emotionalisierten Diskussionen wirken.

FALTER-Rezension

„Ich war immer schon ein Geek“

Als „Mini-Medium“ beschreibt sie sich. Ingrid Brodnig, deren journalistische Anfänge beim Falter liegen, ist seit Jahren die Internet-Erklärerin der Nation. Die 36-Jährige hat mittlerweile fünf Bücher geschrieben über die großen Fragen, die Internetnutzer umtreiben: Wie umgehen mit Hass im Netz, wie mit Anonymität und wie mit Falschmeldungen? Auch mit der Macht der US-Digitalkonzerne hat sie sich bereits auseinandergesetzt.

In „Einspruch!“, das im Jänner erschien, beschäftigt sie sich damit, wie man in Diskussionen Verschwörungstheorien entkräften kann – vor allem jene rund um Corona. Mit dem ­Falter sprach Brodnig über „Deplatforming“, den Idealismus des E-Mails und warum sie Verschwörungserzählungen rund um Bill Gates auch nachvollziehen kann.

Falter: Frau Brodnig, wann sind Sie das letzte Mal einer Falschmeldung aufgesessen?

Ingrid Brodnig: Als die Satireseite Die Tagespresse sehr neu war, gab es einen Artikel über ein neues Maskottchen der römisch-katholischen Kirche. Das war Keuschi, das Känguruh, das für Keuschheit bei Jugendlichen plädiert. Ich habe es am Anfang für wahr gehalten. Man ist immer dann empfänglich, Falschmeldungen zu glauben, wenn sie die eigenen Vorurteile bestätigen. Und für mich war das, dass die Kirche einen seltsamen Umgang mit Sexualität und keinen wirklichen Zugang zur Jugendkultur hat. Ich geh übrigens auch davon aus, dass es Falschmeldungen gibt, die ich nach wie vor glaube, ohne zu wissen, dass es Falschmeldungen sind.

Warum?

Brodnig: Man ortet das Problem der Irreführung bei anderen viel besser als bei sich selbst. Das nennt man den „Third-Person Effect“. Leute stufen die Chance, selbst auf etwas reinzufallen, niedriger ein als bei anderen. Rechnerisch geht sich das nicht aus. Peter Filzmaier hat in einer Umfrage gezeigt, dass nur vier von zehn Österreichern meinen, dass sie sich selbst schwertun, zwischen Fake und realen News zu unterscheiden. Aber acht von zehn Befragten meinen, dass andere sich schwertun. Entweder überschätzt man sich selbst oder man unterschätzt die anderen – oder beides.

Welche Falschmeldungen und Verschwörungstheorien sind die erfolgreichsten?

Brodnig: Viele aktuelle Erzählungen sind in der Sache völlig unsinnig, aber sie funktionieren, weil dabei Bedürfnisse, Feindbilder oder Ängste mitschwingen, die Leute haben. Die Mythen rund um Bill Gates zeigen das. Gates fördert ja mit seiner Stiftung tatsächlich viel Forschung und Impfprogramme in Entwicklungsländern. Das macht ihn zum Feindbild von Impfgegnern. Aber manchmal können auch jene Menschen der Anti-Bill-Gates-Rhetorik etwas abgewinnen, die Sorge haben, dass Superreiche sehr stark beeinflussen, welche Forschung stattfindet oder welche medizinischen Programme ermöglicht werden. Es ist leicht, Verschwörungsmythen zu belächeln, aber beim Diskutieren sollte man genau hinhören, was eine Erzählung für jemanden attraktiv macht. Und dann beispielsweise sagen, ich kann deine Skepsis rund um superreiche Mäzene nachvollziehen, aber man sollte fair bleiben und Gates nur daran bewerten, was er getan hat.

Nach den Ausschreitungen im US-Kapitol Anfang Jänner haben Facebook und Twitter die Accounts von Donald Trump gesperrt. Auch er hat Falschmeldungen verbreitet, etwa, dass die Wahl gefälscht worden sei. Ist es nicht gefährlich, wenn private Unternehmen so etwas entscheiden können?

Brodnig: Das Oversight Board von ­Facebook, eine Art fachlicher Beirat der Plattform, kam in seiner Stellungnahme Anfang Mai zu dem Ergebnis, dass es gerechtfertigt war, Trump auszusperren, weil seine Postings das Risiko der Gewalt vergrößerten. Man könnte die Frage stellen, warum so lange gewartet wurde. Mein Eindruck ist, dass Social-Media-Plattformen oft erst spät reagieren, und dann, wenn es politisch opportun ist. Also zum Beispiel, wenn Trump tatsächlich die Wahl verloren hat und die Demokraten die Führung übernehmen. Ich finde aber auch, auf lange Sicht sollte es nicht die Entscheidung von wenigen Unternehmen sein, wer Zugang zu einem Milliardenpublikum bekommt. Man könnte überlegen, die gerichtlichen Zuständigkeiten auszudehnen oder eine Medienaufsicht in Europa einzuführen, die Leitlinien formuliert, wann es notfalls in Ordnung ist, einen relevanten Politiker auszusperren.

Und wenn jemand wie Martin Sellner von Youtube gesperrt wird, der zwar extremistische Ideologien verbreitet, aber vom Einfluss nicht mit einem US-Präsidenten zu vergleichen ist?

Brodnig: Es gibt Untersuchungen, die zeigten, dass rechtsextreme Akteure, die von großen Plattformen verbannt werden, auf kleineren Plattformen weniger Reichweite erzielen. In Österreich, in Europa kann ich klagen, wenn ich entfernt werde; auch Sellner hat das getan und ist abgeblitzt. Auf lange Sicht werden wir mehr Gerichtsverfahren rund um solche Fragen haben. Und so wenig Sympathie ich für Martin Sellner habe, halte ich es für notwendig, Sperren transparent zu machen, weil wir erst dann darüber vernünftig diskutieren können. Vergangenes Jahr ist Facebook beispielsweise strenger gegen einige rechtsextreme Milieus vorgegangen. Es sind aber auch antirassistische Skinheads gesperrt worden. Facebook hat später eingeräumt, dass das ein Fehler war, und sie wieder zugelassen. Wir wissen aber nicht, ob ein Fehler passierte, weil ein Algorithmus irrte oder ein menschlicher Moderator falsch lag. Das ist ein Problem.

Ist das Oversight Board von Facebook, das seit Oktober 2020 arbeitet, ein Schritt in die richtige Richtung?

Brodnig: Darin sitzen namhafte Expertinnen und Experten, die es ernst nehmen, wie der frühere Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger. Aber am Ende ist es nur ein beratendes Gremium für Facebook. Das ist besser, als es vorher war. Aber man darf es nicht mit einem Höchstgericht vergleichen. Als Mark Zuckerberg es 2018 ankündigte, beschrieb er es „fast wie ein Höchstgericht“. Aber es gibt das Board nur, weil Facebook es finanziert. Wenn Facebook die Entscheidungen ignoriert, passiert auch nichts.

Der Digital Services Act der EU-Kommission will den großen Platt­formen mehr Transparenz auferlegen. So sollen mehr Daten an die Forschung weitergegeben werden dürfen, um wirklich zu verstehen, wie sehr der
Algorithmus das menschliche Ver­halten beeinflusst. Wird das gelingen?

Brodnig: Ich bin zuversichtlich, dass die EU-Kommission es ernst meint, den großen Digitalkonzernen auf die Füße zu steigen. Viele Politiker wurden zudem bereits Opfer von Hasskommentaren und Falschmeldungen. Das erhöht die Chance, dass sie es ernst nehmen. Meine Erfahrung mit europäischen Verhandlungsprozessen ist, dass es im Finish ein extremes Tauziehen gibt, die Frage bleibt, ob sich gewisse Wirtschaftsinteressen oder zivilgesellschaftliche Anliegen durchsetzen. Die Datenschutzgrundverordnung wurde auch deshalb so streng, weil gerade die NSA-Affäre aufflog. Damals wurde klar, unsere Daten und unsere Privatsphäre sind gefährdet.

Hat denn da die EU realistischerweise überhaupt diese Macht?

Brodnig: Jeder, der mir ein Produkt in meinem Wirtschaftsraum verkauft, muss meine Regeln befolgen. Wieso soll das Digitale die erste Wirtschaftssparte sein, die nicht reguliert werden kann? Wenn die EU strengere Regeln hat, gehe ich davon aus, dass die von Facebook, Youtube und Co befolgt werden. Für Facebook sind die USA der größte Markt für Werbeeinnahmen. An zweiter Stelle kommt schon Europa. Kein Digitalkonzern kann den eigenen Aktionären erklären, warum er auf diesen Markt verzichtet.

Sie gehören zu der Generation, die als Teenager erstmals mit dem Internet in Kontakt kamen. Wie hat sich das damals angefühlt?

Brodnig: Einer unserer Informatiklehrer hieß Url. An den Schulcomputern waren viele Websiten gesperrt, es stand immer „URL is not allowed“. Ich habe mir immer gedacht, es ist so gemein vom Professor Url, dass er alles sperrt ... Die ersten Gehversuche im Netz gaben mir das Gefühl: Dieses Ding wird alles verändern. Das ist der Grund, warum ich mich als Journalistin darauf spezialisiert habe. Ich war immer ein Geek. Und ich kann bis heute der Annahme, dass das Internet eine Chance für eine sachlichere, respektvollere, bessere Debatte bietet, etwas abgewinnen. Der Fehlschluss war damals allerdings, dass sich diese gute Seite nicht automatisch zeigt. Außerdem gab es in den Nullerjahren diese Entwicklung, dass aus einer Vielzahl der digitalen Angebote eine Monokultur von wenigen dominanten Plattformen wurde. Hätten wir an den Idealvorstellungen festgehalten, hätten wir heute ein besseres Internet. Ein Beispiel: Von einer Gmail-Adresse kann ich E-Mails an Leute mit einer Hotmail-Adresse schicken. Das erlaubt die Interoperabilität von E-Mails. Aber eine Nachricht auf Facebook kann ich nicht an jemanden auf Signal schicken. Da wurde die Interoperabilität gezielt eingeschränkt, damit die Plattformen die Leute im eigenen Reich behalten.

Anna Goldenberg in Falter 20/2021 vom 21.05.2021 (S. 24)

Posted by Wilfried Allé Monday, November 15, 2021 3:37:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft/Gesellschaft
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Stairway 8 

von Franz Stanzl

ISBN: 9783991108818
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 340 Seiten
Format: Taschenbuch
Erscheinungsdatum: 19.10.2020
Verlag: myMorawa
Preis: € 17,90

 

Beschreibung des Verlags:

Damals in den Sechzigerjahren standen alle Zeichen auf Veränderung, jeder wollte wie Che Guevara sein. So kam auch Ernesto zu seinem Namen (bis dahin hatte er schlicht Ernst Blaha geheißen). Hasta la victoria siempre! Die große Revolution schien unmittelbar bevorzustehen.
Aber sie kam nicht.
Stattdessen kamen Beruf, Familie und eine Gemeindewohnung in Simmering. Danach nur noch Alltag - zwar nicht vollends grau, aber auch ohne jedes revolutionäre Feuer. Und so blieb das mehr oder weniger all die Jahre hindurch.
Dann freilich tauchte eines Tages ein gewisser Theo im Gemeindebau auf und wirbelte Ernestos Leben derart durcheinander, wie es selbst die gewaltigste Revolution der Welt nicht vermocht hätte. Aber wie sich herausstellen sollte, war ja auch Theo nicht so ganz von dieser Welt …
 

Kommentare zu "Stairway 8"

      Gustav G., 01.02.2021
Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen. Als ich damit fertig war, habe ich ihn dann an meinen Opa weitergegeben, der 1968 an vorderster Front mit dabei war. Und der war richtig hingerissen. "Viva la revolucion!"

      L. L., 09.08.2021
Stairway 8 hat mich direkt nach Wien versetzt.
Ernesto bildet soetwas wie das Gerüst der Geschichte. Es gibt sehr viele Charaktere, viele Nebenstränge, viele Schauplätze. Alles zusammen macht den Reiz des Romans aus. Eins führt zum anderen, alle sind untereinander miteinander verbunden. Lauter kleine Puzzleteile, die ein großes Ganzes ergeben.
Der Autor hat jeden Protagonisten wunderbar in Szene gesetzt und ihm einen festen Platz im Haus und im Leben gegeben. So verschieden wie sie alle sind, umso interessanter ist ihr Verhältnis zueinander.
Obwohl die Geschichte in Wien spielt, spiegelt sie doch das Leben wider, wie es in jeder anderen Großstadt sein könnte. Ich fand es interessant, einen Blick auf die Stadt, die Stiege und ihre Bewohner zu bekommen.
Ein richtig tolles Buch, was mich von vorne bis hinten sehr gut unterhalten hat!
Also ab auf (oder heißt es in) Stiege 8 und live dabei sein!

      Leseratte, 02.04.2021
Für wen Wolfgang Ambros, Georg Danzer und Ludwig Hirsch keine Fremden sind, kommt an der Geschichte aus einem Wiener Gemeindebau von Franz Stanzl nicht vorbei.
Dieser Roman ist schon fast eine Milieustudie. Eine Inhaltsbeschreibung ist schlecht möglich - man muss sich diese skurrilen, einzigartigen, wundersamen, schrecklichen, liebenswerten und verrückten Typen und Stiegenbewohner einfach selbst "erlesen". Als roter Faden dient dem Leser die Geschichte von Ernst Blaha, alias Ernesto. Er erlebt über Jahre hinweg die Stiegenbewohner. Allen voran, den schrulligen aber liebenswerten Professor Negrin, die wienerischste aller Türkenfamilien in Österreich: Familie Gültekin, das vom Absturz bedrohte Ehepaar Böheim, Familie Hasenhüttl mit ihrem aus der Bahn geworfenen Sohn, die liebesbedürftige Frau Helga (die mich immer an das Lied der EAV "Küss die Hand gnäd'ge Frau" erinnert) und und und. Es sind so viele, die da wohnen und jeder hat seine eigene Geschichte. Mich brachten diese Geschichten oft zum Lachen und zum Nachdenken. Aber irgendwie waren es Geschichten von Menschen wie sie im ganz normalen Leben immer und allgegenwärtig vorkommen. Nur hinterfragt keiner die Lebenswege der einzelnen Personen, so wie es Franz Stanzl auf der Stiege 8 macht - und er macht es gut und glaubhaft in einem flüssigen Schreibstil und in einer Art, dass man gar nicht mehr aufhören will zu lesen. Ach ja, und dann ist da noch Theo - aber den sollte man sich selbst "erlesen", denn der ....
Fazit: Lesenswert, weil so normal, so ehrlich und einfach nur schön. Von mir 4,3 Punkte und die gerne!

      Shilo, 26.04.2021
Lesespaß pur
Ein Miethaus im Wiener 11. Bezirk. Voller Humor und mit Augenzwinkern beschreibt der Autor die Mieter und ihre Eigenarten. Einige Personen habe ich wieder erkannt, wie sie auch in meinem Umfeld gelebt haben oder noch leben. Der Schreibstil ist flüssig, bildhaft und lässt sich sehr gut lesen. Oft musste ich lauf auflachen, so lebendig sind die verschiedenen Charaktere dargestellt.
Ich danke Franz Stanzl für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars, welches jedoch meine ehrliche und unabhängige Meinung nicht beeinflusst hat.
Mein Fazit:
Ein überaus lesenswertes Buch. 4 Sterne und eine Leseempfehlung.

Posted by Wilfried Allé Saturday, November 6, 2021 2:01:00 PM Categories: Belletristik/Erzählende Literatur
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Wie dekadente Eliten unsere Gesellschaft ruinieren

von Heinzlmaier Bernhard

ISBN 9783945398500
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 120 Seiten
Format: Hardcover
Erscheinungsdatum: 19.09.2016
Verlag: Hirnkost
Preis: € 18,50

 

Beschreibung des Verlags:

Bernhard Heinzlmaier, Österreichs prominentester Jugend­forscher, pro­vo­ziert auch in sei­nem neuen Essay wieder dort, wo’s weh­tut, und die, die es tref­fen soll: prin­zi­pien­lose Ma­na­ger, die sich be­nehmen „wie das miss­ra­tene Kind einer wohl­stands­ver­wahr­los­ten Er­zie­hung“, Po­li­ti­ker, die „nur an die Macht wol­len, egal mit wel­chen In­hal­ten“. Aber auch den wieder er­stark­ten re­li­giö­sen Totali­taris­mus und schließ­lich das Phä­no­men der neuen rechts­popu­lis­ti­schen Bür­ger­be­we­gungen und Par­teien ana­ly­siert Heinzl­maier in der ge­wohn­ten Schärfe.

"Vieles von dem, was wir bis heute hoch­ge­schätzt und hoch­ge­halten haben, wie die Sta­bi­li­tät unserer klei­nen Ge­mein­schaften, die Sicher­hei­ten des Sozi­al­staates, der in­nere Friede im Land, die Sicher­heit des Ar­beits­plat­zes, die so­li­den Löhne und Ge­häl­ter, geht nach und nach ver­lo­ren, wird re­du­ziert oder gar ab­ge­schafft – und trotz­dem blei­ben die Men­schen selt­sam un­auf­ge­regt. Man ist zwar da­ge­gen, dass einem ge­nom­men wird, was man zu ha­ben ge­wohnt ist, aber nicht mit großer In­ten­si­tät. Leiden­schaft und Ziel­strebig­keit fehlen, weil sich die Men­schen nicht mehr sicher sind, dass ihnen das bis­he­rige gute Le­ben wirk­lich zu­ge­stan­den hat, dass sie es wirk­lich ver­dient ha­ben. Sie sind ver­un­sichert von einer neo­libe­ralen Pro­pa­gan­da, die ihnen er­folg­reich ein­redet, dass alle jene, denen es ma­te­ri­ell gut geht, ohne täg­lich große Ri­si­ken ein­zu­gehen, sich nur des­halb im Zu­stand der Zu­frie­den­heit be­fin­den, weil sie auf Kos­ten von staat­lichen Leis­tungen le­ben, die sich das Ge­mein­wesen gar nicht mehr leis­ten kann.

Im Gegensatz dazu wird als das richtige Leben eine in­sta­bi­le und un­sichere Seins­weise pro­pa­giert, eine dis­kon­ti­nuier­liche, ri­si­ko­reiche Exis­tenz voll ner­vöser Un­ruhe, ge­prägt von spon­tan auf­blitzen­den Chan­cen, die nur der er­grei­fen kann, der schnell, rück­halt­los und ohne zu zö­gern rea­giert und der vor allem da­zu be­reit ist, alte Sicher­heiten und Be­hag­lichkei­ten auf­zu­ge­ben. Der Neo­li­bera­lis­mus kann den An­blick des zu­frie­denen Men­schen nicht er­tra­gen. Er muss ihn aus sei­ner Kom­fort­zone ver­trei­ben, ihn in ei­nen Zu­stand der per­ma­nen­ten An­span­nung, der quä­len­den Be­sorgt­heit, der ego­is­ti­schen Angst und der feind­se­li­gen Kampfes­lust ver­setzt se­hen. Nur die­ser­art lebt der Men­sch, so die Ideo­lo­gie der Neo­li­be­ralen, im Ein­klang mit seiner Natur.“

Heinzlmaiers „Aufruf zum Widerstand“ erinnert an die auf­rüt­telnde Streit­schrift Empört Euch! des großen Stéphane Hessel. Aller­dings fällt Bern­hard Heinzl­maiers Be­stands­auf­nahme weni­ger opti­mis­tisch aus:

„Die Politik, so wie wir sie bisher ge­kannt haben, ist da­bei, zu ver­schwin­den. Was von ihr noch übrig ist, ist eine An­samm­lung von hand­lungs­un­fä­hi­gen hoh­len Ge­fäßen, ge­nannt Par­teien, deren Äu­ße­res zwar ar­tig und adrett aus­sieht, deren In­nen­le­ben aber he­run­ter­ge­kom­men und ver­rot­tet ist.“

„Während früher die Parteien Träger von Ideen, Ide­alen und Welt­an­schau­ungen, von Vi­si­onen und großen Ge­sell­schafts­ent­wür­fen waren, sind sie heu­te nicht mehr als sich un­ter dem Ein­fluss des Zeit­geis­tes wan­deln­de mo­di­sche For­men. Sie sind weit­ge­hend auf ihr äu­ße­res Er­schei­nungs­bild re­du­ziert, weil die großen Er­zäh­lungen, wie der Li­be­ra­lis­mus, der So­zia­lis­mus oder der Kon­ser­va­tis­mus, an Strahl­kraft ver­loren ha­ben. Wo die al­ten Welt­an­schau­ungen nicht mehr prä­sent sind, tritt an ihre Stel­le die Äs­the­tik.“

Bernhard Heinzlmaier seziert die öffentliche Per­for­mance der Par­teien mit dem schar­fen Blick des pro­fessio­nel­len Markt­for­schers:

„Aber auch die Ästhetik der Parteien ist, sieht man ge­nauer hin, nichts als wert­lo­ser Flit­ter, von em­pa­thie- und geist­lo­sen PR- und Wer­be­agen­turen ge­schaf­fener bil­li­ger Kom­mu­ni­kations­kitsch, be­ste­hend aus tri­via­ler, ein­falls­lo­ser und re­dun­dan­ter Bild­äs­the­tik und plat­ter, scha­ler und ba­na­ler Rhe­to­rik.“

„Die Politik ist heute weitgehend genauso oppor­tu­nis­tisch wie der durch­schnitt­liche Soft­drink-Kon­zern. Wie die schlimms­ten Pro­duk­te der Kul­tur­in­dus­trie, neh­men wir hier als Bei­spiel Helene Fischer, schmiegt die Po­li­tik sich gur­rend und schnur­rend an die vul­gä­ren Über­zeu­gun­gen und äs­the­ti­schen Be­dürf­nisse des Durch­schnitts­men­schen an und um­garnt sein Ego mit hin­ge­bungs­vol­len Treue-, Nutzen- und Sym­pa­thie­ver­spre­chen, von de­nen sie in dem Au­gen­blick, in dem sie sie ab­gibt, schon weiß, dass sie sie nicht hal­ten wird. So wie die Be­sucher­Innen des Helene-Fischer-Kon­zer­tes am Ende mit einem Packen re­ali­täts­fer­ner Il­lu­sio­nen in ihren freud­lo­sen All­tag zu­rück­ge­schickt wer­den, er­wachen die Wähler­Innen, wenn ihr von der mani­pu­la­tiven Über­zeu­gungs­kom­mu­ni­ka­tion her­vor­ge­ru­fe­ner Ge­sin­nungs­rausch aus­ge­schla­fen ist, mit Kopfs­chmer­zen und lee­ren Hän­den dort, wo sie sich im­mer schon be­fan­den, außer­halb des In­ter­es­ses und der Auf­merk­sam­keit der herr­schen­den po­li­ti­schen Elite.“

„Eine jede Politik, der es um Er­folg ab­seits von Über­zeu­gun­gen geht, die Wähler­Innen als Mani­pu­la­tions­ob­jekte be­trach­tet, die sie mit Maß­nah­men der stra­te­gi­schen Kom­mu­ni­ka­tion mal mehr und mal we­ni­ger sub­til dort­hin zu brin­gen ver­sucht, wo­hin sie sie ha­ben will, ist po­pu­lis­tisch. Po­pu­lis­tisch ist letzt­end­lich jede Po­li­tik, die von In­di­vi­duen be­herrscht wird, die in ers­ter Li­nie die Macht wol­len und de­nen es egal ist, mit Hil­fe wel­cher Ideen, In­hal­te, Aktio­nen und Kom­mu­ni­katio­nen sie zu die­ser kom­men. Po­pu­lis­mus ist die pure Lust an der Macht, die ohne Wer­te und Grund­über­zeu­gungen aus­kommt. Ge­lie­fert wird das, was sich dem Bür­ger am bes­ten ver­kau­fen lässt. Und das sind in der ge­gen­wär­ti­gen Si­tua­tion jene Ideen, deren Grund­lage ir­ratio­na­le Ängs­te und unter­drück­ter Hass sind. Po­li­tik hat heu­te dort Er­folg, wo sie an die Res­sen­ti­ments der Mas­sen an­knüpft, an deren unter­­drück­ten Är­ger, der sich da­durch zur Ent­la­dung brin­gen und für den Vor­teil der ei­ge­nen Par­tei ins­tru­men­ta­li­sieren lässt, wenn man ein pas­sen­des Opfer­lamm an­bie­tet, das dar­ge­bracht wird, um die ei­gene Schuld an der miss­li­chen Lage zu süh­nen und ver­ges­sen zu ma­chen. Die ei­gene Un­fähig­keit der mit­tel­eu­ro­päi­schen Be­völ­ke­rung, mit der Zu­wan­de­rung emo­tio­nal fer­tig­zu­wer­den, wird durch die ri­tu­elle Stig­ma­ti­sie­rung, Ab­wer­tung und Aus­schlie­ßung der Flücht­linge kom­pen­siert. Nicht die xeno­pho­ben, ver­un­sicher­ten und ängst­li­chen Bür­ger­Innen sol­len da­ran schuld sein, dass das Zu­sam­men­le­ben mit den Flücht­lin­gen nicht klappt, der Flücht­ling ist es, mit sei­nem un­zi­vili­sier­ten Be­tra­gen, sei­ner ge­lo­genen Not, sei­ner un­ge­zü­gel­ten Sexuali­tät.“

Nicht zufällig hat Bernhard Heinzl­maier sei­nen ak­tuel­len Essay am Vor­abend zahl­rei­cher Wah­len ver­fasst, in denen sich rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­teien an­schicken, im­mer mehr Par­la­men­te zu er­o­bern und Eu­ropa nach­hal­tig zu ver­än­dern. Wel­che Klien­tel be­die­nen die­se Par­teien ei­gent­lich? Wo wer­den sie bei den kom­men­den Wahlen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern (4.9.), Nieder­sachen (11.9.) und Ber­lin (18.9.), aber auch bei der er­neu­ten Bun­des­prä­si­den­ten­wahl in Öster­reich am 2. Ok­to­ber punk­ten kön­nen? fragt und ana­ly­siert Bern­hard Heinzl­maier im ab­schlie­ßenden Teil seines Essays.

„Das Ressentiment ist immer mit Neid ver­bunden. Man be­nei­det die, denen et­was ge­ge­ben wird, das man selbst nicht ha­ben kann. Dem Res­sen­ti­ment­be­la­denen geht es gar nicht pri­mär da­rum, dass das Un­recht ge­tilgt wird und er selbst das be­kommt, von dem er glaubt, dass es ihm zu­steht. Viel lie­ber ver­zich­tet er auf den ei­ge­nen Vor­teil, wenn er sich da­für an der Be­stra­fung derer, die aus sei­ner Sicht un­be­rech­tigt ge­nos­sen ha­ben, mit per­ver­sem Ver­gnü­gen de­lek­tie­ren kann. Und so blüht der Neid­bür­ger auf, wenn der Mi­grant in sein de­so­la­tes Her­kunfts­land ab­ge­scho­ben wird, die wei­nen­den Kin­der am Arm hin­ter sich her­zie­hend, die ge­rade alle ihre emo­tio­nal wich­tigen Be­zugs­per­sonen ver­loren ha­ben. Sein geis­ti­ges Auge sieht die Un­ge­be­tenen und Un­ge­lieb­ten be­reits jetzt, wäh­rend er vor dem Fern­seh­ap­pa­rat sit­zend deren Ver­la­dung in Trans­port­ma­schi­nen be­obach­tet, wie sie auf hilf­lo­ser Her­bergs­su­che durch ihnen fremd ge­wor­dene halb­zer­stör­te Städte irren. Und um das Herz wird es ihm ganz leicht, weil er sich ein klein wenig als Ur­heber des Straf­ge­richtes sieht, dass die Ar­men nun stell­ver­tre­tend für jene über sich er­ge­hen las­sen müs­sen, die er wirk­lich hasst, aber die er nicht has­sen darf, weil es ihm sein na­tio­na­lis­ti­sches Über-Ich ver­bie­tet: die öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Eli­ten sei­nes Lan­des.“


Bernhard Heinzlmaier ist seit über zwei Jahr­zehnten in der Jugend­for­schung tätig. Er ist Mit­be­grün­der des Insti­tuts für Jugend­kul­tur­for­schung und seit 2003 ehren­amt­licher Vor­sitzen­der. Haupt­be­ruf­lich lei­tet er das Markt­for­schungs­unter­nehmen tfactory in Ham­burg. 2013 er­schien im Archiv der Jug­end­kul­turen Ver­lag von ihm: Per­former, Styler, Ego­isten. Über eine Jugend, der die Al­ten die Ideale ab­ge­wöhnt haben.

Posted by Wilfried Allé Saturday, October 30, 2021 8:39:00 PM Categories: Belletristik/Essays Feuilleton Interviews Literaturkritik
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Pillen vor die Säue 

Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden

von Rupert Ebner , Eva Rosenkranz

ISBN 9783962382063
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 256 Seiten
Format: Taschenbuch
Erscheinungsdatum: 16.03.2021
Verlag: oekom verlag
Preis: € 20,60

Kurzbeschreibung des Verlags:

»Dieses Buch ist eine eindrückliche Warnung, dass es so nicht weitergehen kann – weder für die Tiere noch für uns.« Tanja Busse
Es ist, als liefen wir sehenden Auges in die Katastrophe: Um unseren Fleischhunger zu stillen, müssen möglichst viele Tiere auf möglichst wenig Raum möglichst rasch »Schlachtgewicht« erreichen – und das geht nur mit hohem Antibiotikaeinsatz. Dies ist nicht nur den Tieren, den Landwirten und der Umwelt gegenüber unverantwortlich; es beschleunigt auch die Entwicklung resistenter Keime und gefährdet damit die gesamte Humanmedizin: Ohne die bisherige Wunderwaffe in Tropf und Tablette werden Operationen riskant und selbst kleine Infektionen potenziell gefährlich.
Wie verwundbar wir und unser Gesundheitssystem sind, hat uns die Corona-Pandemie eindrücklich vor Augen geführt. Damit bakterielle Infektionen nicht zur nächsten globalen Gesundheitskrise werden, müssen wir umsteuern. Rupert Ebner und Eva Rosenkranz zeigen, was jetzt geschehen muss – für mehr Tierwohl, gesunde Menschen und eine intakte Umwelt.

FALTER-Rezension

"Die größte Gesundheitskrise unserer Zeit ist da...

... und sie heißt nicht Corona." Ba­ga­tel­len wie eine Zahn­ent­zün­dung oder eine Blasen­in­fek­tion kön­nten künf­tig wie­der töd­lich en­den, Opera­ti­onen oder Krebs­thera­pien kaum noch durch­ge­ührt wer­den. Der Grund: Durch den inflationären Einsatz von Antibiotika, den Wunderwaffen der Medizin, entwickeln sich immer mehr resistente Keime. Die Wirkstoffe helfen nicht mehr. "Schon heute ster­ben in Deutsch­land pro Jahr min­des­tens 15.000 Men­schen in­folge sol­cher nicht be­herrsch­barer In­fek­tionen", schrei­ben der Tier­arzt Rupert Ebner und die Autorin Eva Rosen­kranz in ihrem auf­rüt­telnden Buch "Pil­len vor die Säue".

Zum einen würden Ärzte Anti­bio­tika zu oft ver­schrei­ben und Patien­ten die Ein­nahme­re­geln nicht be­folgen. Vor allem aber treibe die In­ten­siv­tier­hal­tung Re­sis­ten­zen voran. Anti­bio­tika seien dort sys­tem­im­ma­nent: Ohne sie würde in der auf ex­treme Ef­fi­zienz ge­trimmten Hal­tung ein großer Teil der Tiere das Schlacht­ge­wicht nie er­rei­chen.

Ebner kennt die Schweine-und Hühner­ställe von innen, er ar­bei­tet seit Jahr­zehn­ten in einer Praxis für so­ge­nannte Nutz­tiere. "Nicht ein kran­kes Tier wird be­han­delt", er­klä­ren die Au­toren, "son­dern alle, weil ein ein­zi­ges kran­kes Tier in großen Be­stän­den die an­deren an­stecken könnte." Mast­hähnchen zum Beis­piel er­hielten im Schnitt während eines Fünf­tels ihres kur­zen Lebens Anti­bio­tika, im Schnitt drei ver­schie­dene Wirk­stof­fe. Die Au­toren plä­dieren für eine von Grund auf an­dere Tier­hal­tung, weni­ger Fleisch laute das Ge­bot der Stunde.

Die im Stall gezüchteten re­sis­ten­ten Keime sprin­gen näm­lich leicht auf den Men­schen über: di­rekt über das Fleisch, über Gülle, die Ab­luft von Stäl­len oder wenn ein Land­wirt als Trä­ger sol­cher Keime ins Spi­tal kommt und sie dort ver­brei­tet. Die Auto­ren er­zählen die Ge­schich­te des deut­schen Fuß­ball-National­spie­lers Matthias Sammer, der sich nach einer Knie­opera­tion mit multi­resis­ten­ten Kei­men in­fi­zier­te und bei­nah ge­stor­ben wäre. Erst nach drei Wo­chen wirkte end­lich das aller­letzte Mit­tel.

Reserveantibiotika nennen sich diese aller­letzten Mit­tel, die zum Ein­satz kom­men, wenn sonst nichts mehr an­schlägt. Bei Tuber­ku­lose zum Bei­spiel, denn mehr als die Hälfte die­ser Er­kran­kungen ver­ur­sachen heute multi­resis­tente Bak­terien. Doch auch die Wir­kung der Re­serve­anti­bio­tika sinkt, weil selbst sie den Tieren in großem Stil ver­ab­reicht wer­den. So wird der glo­bale Medi­zin­schrank im­mer leerer.

Laut Tanja Busse, die das Vorwort für das Buch ver­fasst hat, haben Wis­sen­schaft­ler auch vor der Klima­krise und vor Pan­de­mien seit Jah­ren ver­geb­lich ge­warnt: "Wie wäre es, wenn wir beim The­ma Anti­bio­ti­ka­miss­brauch zur Ab­wechs­lung nicht war­ten, bis die Ka­tastrophen über uns herein­brechen?"

Noch sieht es nicht danach aus. Im Septem­ber haben die EU-Par­la­men­ta­rier da­ge­gen ge­stimmt, dass Re­serve­anti­bio­ti­ka nur noch für Men­schen und ein­zel­ne Tiere ein­ge­setzt wer­den dür­fen. Weiter­hin wer­den also ganze Grup­pen von Tieren mit Mit­teln be­han­delt, die für vie­le Men­schen die letzte Ret­tung be­deu­ten - aber bald wir­kungs­los wer­den könnten.

Gerlinde Pölsler in Falter 41/2021 vom 15.10.2021 (S. 51)

Posted by Wilfried Allé Monday, October 18, 2021 11:17:00 AM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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