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Funkenschwestern 

Wie Feminismus alles besser macht

von Barbara Blaha

ISBN: 9783222151644
Sammlung: Feminismus
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Verlag: Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
Erscheinungsdatum: 12.02.2026
Umfang: 208 Seiten
Format: Hardcover
Preis: € 25,00
Kurzbeschreibung des Verlags


Barbara Blaha
weiß, wovon sie spricht. Aufgewachsen als Kind einer Arbeiter­fami­lie mit vie­len Ge­schwis­tern, aber wenig Geld, kennt sie das Gefühl, über­se­hen zu werden.
Ihr feministisches Bühnenprogramm ist ein über­wäl­ti­gen­der Er­folg: Tau­sende ha­ben es be­reits ge­se­hen, jede Vor­stel­lung ist aus­ver­kauft. Da­mit zeigt sie, dass Femi­nis­mus end­lich in der 
Mitte der Gesellschaft angekommen ist.


In ihrem Buch verbindet  sie
persönliche Geschichten mit Zahlen, Fakten und Studien  und zeigt, warum 
ökonomische Fragen  immer auch
femi­nis­ti­sche Fra­gen  sind. Sie macht sicht­bar, warum Frauen sel­te­ner füh­ren dür­fen, öfter unter­bro­chen und schlech­ter be­zahlt wer­den, wes­halb in Bran­chen mit ho­hem Frauen­an­teil die Löhne sin­ken und selbst ein Voll­zeit­job nicht vor der zwei­ten Schicht zu Hause schützt.

„Barbara Blaha schreibt mit kompromiss­loser Prä­zi­sion und der Wut einer Frau, die nichts mehr hin­nimmt. Ein klu­ges, kraft­vol­les, not­wen­di­ges Buch.“ Mareike Fallwickl
 

FALTER-Rezension

Gleichberechtigung beginnt vor der Waschmaschine

Julia Kospach in FALTER 10/2026 vom 04.03.2026 (S. 16)

Nach 15 Jahren gereizter Ehe­de­bat­ten zum Thema Haus­ar­beit wollte es Bar­bara Blaha genau wis­sen und lis­te­te in ei­nem Excel-Sheet alle un­be­zahl­ten Tätig­kei­ten und Or­gani­sations­schrit­te auf, die in ei­nem Fami­lien­haus­halt mit Kin­dern wie dem ihren an­fal­len. Vor dem Aus­fül­len der Lis­te gaben sie und ihr Mann eine Schät­zung zur ver­mu­te­ten Las­ten­ver­tei­lung in ihrer Be­zie­hung ab. Sei­ne Pro­gno­se: 60:40. Ihre Pro­gno­se: 70:30. Das Er­geb­nis schockier­te beide. Es lag bei 80:20.
Mit "dieser krassen Fehlein­schät­zung" seien sie und ihr Mann durch­aus nicht al­lein, schreibt Bar­bara Blaha in ihrem neuen Buch "Funken­schwes­tern. Wie Femi­nis­mus al­les bes­ser macht" und zi­tiert eine ak­tuel­le Stu­die, nach der Män­ner da­von über­zeugt sind, dass sie halbe-halbe machen. Tat­säch­lich be­tei­li­gen sich aller­dings auch jene unter ihnen, die es mit der Gleich­stel­lung ernst mei­nen, zu­hause im Schnitt nicht sehr viel mehr als ihre Väter früher.

Auch das belegt Blaha, Wiener Autorin und Unter­neh­merin, femi­nis­ti­sche Polit-Enter­tai­nerin so­wie Grün­de­rin und Lei­terin des sozial­poli­ti­schen Think­tanks Momen­tum Insti­tut, mit Stu­dien­material.

"Während sich bei der bezahlten Arbeit also etwas bewegt, tut sich zu­hause an der Wasch­ma­schine, am Staub­sau­ger und am Wickel­tisch gar nichts", schreibt Blaha und pa­riert auch gleich ein oft ge­hör­tes Ge­gen­ar­gu­ment zu die­ser Ge­men­gen­lage: Es sei doch lo­gisch, dass Frauen mehr Haus­ar­beit über­näh­men, wo sie doch im Schnitt weni­ger ver­dien­ten. Falsch. Denn "Frauen leis­ten so­gar dann den Groß­teil der Haus­ar­beit, wenn sie mehr ver­die­nen". All diese un­be­zahl­te Frauen­ar­beit läp­pert sich, übers Jahr ge­rech­net, auf 23 Pro­zent der öster­rei­chi­schen Wirt­schafts­leistung.

Eine Warnung vorweg: Wenn Sie Blahas Buch lesen - und Sie soll­ten es le­sen! -, könnte Ihnen zwi­schen­durch leicht das sprich­wört­liche G'impfte auf­ge­hen. Denn die pa­tri­ar­chalen My­then rund ums Thema Gleich­stel­lung zwi­schen Män­nern und Frauen, die Blaha zu­sam­men­trägt, sind zahl­reich, wirk­mäch­tig und schwie­rig ab­zu­streifen.

Blaha verhandelt Fragen wie: Warum sinkt das Prestige von Bran­chen, so­bald mehr Frauen ein­stei­gen? Wa­rum wer­den Frauen, die of­fen­siv ihre Ge­häl­ter ver­han­deln, als un­sym­pa­thisch wahr­ge­nom­men? Wa­rum kata­pul­tiert es Paare, so­bald Kin­der ins Spiel kom­men, in ihren Be­zie­hungs­me­cha­nis­men so rasch zu­rück in die 1950er-Jahre?

Aus einer kinderreichen Arbeiter­familie mit we­nig Geld stam­mend, ist Bar­bara Blaha eine pas­sio­nier­te Auf­klä­re­rin und Akti­vis­tin an der Schnitt­stel­le zwi­schen Ge­sell­schafts­poli­tik und For­schung. Auch "Fun­ken­schwes­tern" wird sie - pa­ral­lel zum Buch -als gleich­na­mi­ges Büh­nen­pro­gramm un­ters Volk bringen.

Im Buch verknüpft sie Un­mengen an Zah­len, Da­ten und Fak­ten mit per­sön­li­chen Er­fah­run­gen als Frau und Be­rufs­tä­tige. Over­sharing von Pri­va­tem? Nein, son­dern ein durch­or­ches­trier­tes Do­ku­ment ent­lang al­ler Lebens­be­reiche.

Was hier sehr deutlich wird: Pa­tri­ar­chat und Sexis­mus sind Glau­bens­sys­teme, ge­gen die nur Be­wusst­seins­bil­dung und Auf­klä­rung hel­fen. Un­ter die­sen Vor­zei­chen eine Part­ner­schaft auf Augen­höhe zur füh­ren, ar­gu­men­tiert Blaha, be­nö­tige die ak­tive Be­reit­schaft al­ler Be­tei­lig­ten, wo­mit klar wäre, dass Femi­nis­mus nie­mals nur Frauen­sache sein kann. Wie das mit der Part­ner­schaft auf Au­gen­höhe funk­tio­nie­ren und ein "Femi­nis­mus von un­ten" aus­se­hen könnte, er­klärt Bar­bara Blaha im Buch eben­falls. Es liegt noch ziem­lich viel Ar­beit vor uns.

Posted by Wilfried Allé Sunday, March 8, 2026 4:06:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft/Gesellschaft
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Nach der Eroberung 

Wie Autokraten Medien kontrollieren

Wie Autokraten Medien kontrollieren, Insiderchronik der Übernahme unabhängiger Medien in Ungarn.

Herausgegeben von Wahrheitsperlen Verlag GmbH

ISBN: 9783982786704
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Verlag: Wahrheitsperlen Verlag
Übersetzung: Eva Zador
Erscheinungsdatum: 01.03.2026
Empf. Lesealter: ab 18 Jahre
Umfang: 255 Seiten
Format: Taschenbuch
Preis: € 30,90
Kurzbeschreibung des Verlags

Das politische Sachbuch "Nach der Erobe­rung. Wie Auto­kra­ten Me­dien kon­trol­lieren. Insider­chro­nik der Über­nahme un­ab­hän­gi­ger Me­dien in Un­garn" er­zählt als ers­tes Buch in Deutsch­land von der sys­te­ma­ti­schen Gleich­schal­tung der un­ga­ri­schen Medien­land­schaft - ver­ur­sacht durch Vik­tor Orbáns poli­ti­sche Sys­tem, in ei­nem Mit­glied­staat der EU.
Der Autor, Àkos Tóth, der als Jour­na­list und Chef­re­dak­teur die­se Ent­wick­lung aus un­mit­tel­ba­rer Nähe er­lebte, er­läu­tert, wie die Über­nahme der Me­dien­land­schaft er­folgte, gibt Ein­blicke da­rü­ber, wie ei­ne Gene­ra­tion von Jour­na­lis­ten und Me­dien­unter­neh­men auf Linie ge­bracht wur­den und zeigt auf, wie es den­jeni­gen er­geht, die Wider­stand leisten.
Neben datenbasierten Marktanalysen schil­dert der Autor per­sön­li­che Er­fah­run­gen, wie etwa das Ver­schwin­den ei­ge­ner Re­dak­tio­nen, die in­nere Zer­ris­senh­eit ei­nes Be­rufs­stands im Wür­ge­griff der Macht. Er zeigt auf, mit wel­chen Mit­teln eine Macht, die keine Gren­zen mehr kennt, kri­ti­sche Stim­men zum Ver­stum­men bringt: von poli­ti­schem Druck über fi­nan­ziel­le Er­pres­sung und Ein­schüch­te­rung bis hin zu ei­nem Netz­werk von loya­len Funk­tio­nä­ren, zy­ni­schen Profi­teu­ren und aus­län­di­schen Eigen­tümern, die ihre Ver­ant­wor­tung leicht­fer­tig ab­geben. Die­ses Buch er­scheint als ein­dring­li­che War­nung an alle, die an Demo­kra­tie und freie Öf­fent­lich­keit glauben.

Über den Autor

Àkos Tóth, Jahr­gang 1968, ge­bo­ren in Un­garn. Er ist Jour­na­list, Redak­teur, ver­hei­ratet. Er war Res­sort­lei­ter und spä­ter stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur der größ­ten un­ga­ri­schen Tages­zei­tung Népszabadság, an­schlie­ßend Chef­redak­teur der Wochen­zei­tung 168 Óra. Er ist Grün­dungs­redak­teur der Online-Zeit­schrift Jelen. Er ist Trä­ger zahl­rei­cher Aus­zeich­nun­gen, da­run­ter meh­re­re Népszabadság-Preise, der Bossányi-Preis, der Preis der Freien Pres­se so­wie der Táncsics-Preis. Ge­mein­sam mit dem Poli­to­lo­gen Zoltán Lakner ist er Mit­autor der Bände „Rendszerváltás“ (Die Wende) und „Volna itt egy ország“ (Es gäbe hier ein Land). Unter an­de­rem war er Heraus­geber des Ban­des „Frontsebészet“ (Front­chirur­gie), der die Re­gie­rungs­zeit des ehe­ma­li­gen Premier­minis­ters Gordon Bajnai auf­ar­bei­tet. Heute lebt er in Budapest.

Pressestimmen

Auszug aus der Kolumne von Prof. Paul Lendvai: "Gleich­zei­tig er­scheint die­ser Tage eine um­fas­sende und in die­ser Art bei­spiel­lose "Insider­chro­nik der ge­ziel­ten Über­nah­me un­ab­hän­gi­ger Me­dien in Ungarn" in deut­scher Spra­che, ver­fasst von dem füh­ren­den Jour­na­lis­ten Àkos Tóth, glän­zend über­setzt von Eva Zador und heraus­ge­ge­ben von dem deut­schen "Wahr­heits­perlen­ver­lag". Sie zeigt, dass das Schick­sal des "Klub­rádiós" nur die Spit­ze des Eis­ber­ges dar­stellt. Tóth war stell­ver­tre­ten­der Chef­redak­teur der links­libe­ra­len Tages­zei­tung Népszabadság und Chef­redak­teur der un­ab­hän­gi­gen Wochen­zei­tung 168 Óra. Beide Blät­ter wur­den im Zuge der Orbán­schen Flur­be­rei­ni­gung li­qui­diert. Dank sei­ner Kennt­nisse und Er­leb­nisse kann er die Sta­tionen der Ent­ste­hung des von der Re­gie­rung und ihres nahe­ste­hen­den Oli­garchen kon­trol­lier­ten un­ga­ri­schen Me­dien­rei­ches span­nend wie ei­nen Detek­tiv­roman be­schrei­ben. Das Buch Nach der Erobe­rung – Wie Auto­kra­ten Me­dien kon­trol­lie­ren zeigt die of­fi­ziel­le Heuche­lei vor dem Vor­hang und die bru­ta­le Ab­rech­nung mit un­bot­mä­ßi­gen Re­dak­teuren hin­ter den Kulis­sen. Es sollte als Pflicht­lek­türe zum Ver­ständ­nis der Ge­fahren die­nen, die auch im Wes­ten die Medien­frei­heit be­drohen." (Der Standard, 03.03.2026)

Leseprobe ->

Posted by Wilfried Allé Wednesday, March 4, 2026 4:47:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft/Politik
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Muskismus 

Aufstieg und Herrschaft eines Technoking

Technologie, Macht und Größenwahn – wie Elon Musk die Demokratie herausfordert
von Quinn Slobodian, Ben Tarnoff

ISBN: 9783518001318
Reihe: edition suhrkamp
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Verlag: Suhrkamp
Übersetzung: Stephan Gebauer
Erscheinungsdatum: 18.02.2026
Umfang: 281 Seiten
Format: Taschenbuch
Preis: € 22,70
Kurzbeschreibung des Verlags

Wie wurde aus dem genia­lischen Nerd eine ket­ten­sä­gen­schwin­gende Ikone der glo­ba­len Rechten?

Mit Paypal hat Elon Musk die Finanz­branche auf­ge­mischt, mit Tesla den Markt für E-Autos re­vo­lu­tio­niert, nach sei­ner Über­nahme Twitter kurzer­hand auf rechts ge­dreht. Im US-Wahl­kampf 20204 schwang er sich zu ei­nem der wich­tigs­ten Ein­flüs­te­rer Donald Trumps auf, an­schlie­ßend mach­te er sich mit sei­ner Ab­tei­lung für Re­gie­rungs­ef­fi­zienz (DOGE) da­ran, den ame­ri­ka­ni­schen Staat zu zerlegen.

Wie wurde aus dem genialischen Nerd eine ketten­sä­gen­schwin­gende Ikone der glo­ba­len Rech­ten? Um die Welt zu be­grei­fen, die Musk er­schafft, müs­sen wir die Wel­ten ver­ste­hen, die Musk er­schaf­fen haben. Quinn Slo­bo­dian und Ben Tar­noff zeich­nen nach, wie sich im Si­li­con Val­ley um die Vor­stel­lun­gen von Dis­rup­tion und toll­küh­nen CEOs ein regel­rech­ter Kult bil­dete, wie so­zia­le Me­dien und Video­spiele die Er­zäh­lung vom hel­den­haf­ten Ein­zel­gän­ger eta­blier­ten und wie ras­sis­ti­sche Memes und Ver­schwö­rungs­theo­rien Ein­gang fan­den in die Ge­dan­ken­welt des reichs­ten Men­schen der Erde. Der Mus­kis­mus, so Slo­bo­dian und Tar­noff, ist ein franken­stein­sches Mons­ter des zeit­ge­nös­si­schen Kapi­ta­lismus.

Posted by Wilfried Allé Thursday, February 26, 2026 10:23:00 AM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Politische "Klassiker" der Neuen Rechten 

Antidemokratische Denker aus der Weimarer Republik

von Armin Pfahl-Traughber

ISBN: 9783801206789
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Verlag: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH
Erscheinungsdatum: 07.10.2025
Umfang: 208 Seiten
Format: Taschenbuch
Preis: € 20,60
Kurzbeschreibung des Verlags

Einflussreiche anti­demo­kra­ti­sche Den­ker gab es be­reits in der Wei­ma­rer Repu­blik. Da­zu ge­hör­ten Edgar Julius Jung und Ernst Jünger, Arthur Moel­ler van den Bruck und Ernst Nie­kisch, Carl Schmitt und Os­wald Speng­ler. Trotz man­cher ideo­lo­gi­scher Dif­fe­ren­zen – agi­tiert ge­gen die li­be­rale Demo­kra­tie ha­ben sie alle. Auf­klä­rung und Indi­vi­dua­li­tät, Men­schen­rechte und Plu­ra­lis­mus lehnte man mit großer Wort­gewalt ab. Auch heute noch gibt es An­hän­ger die­ser "Klas­siker", ins­be­son­dere bei den intel­lek­tuel­len Rechts­ex­tre­mis­ten der Neuen Rech­ten. Blickt man auf die Auto­ren, of­fen­ba­ren sich anti­demo­kra­ti­sche Ge­sin­nun­gen, frei nach dem Mot­to: "Sage mir, auf wen Du dich be­rufst und ich sage Dir, wo Du stehst."
Auch auf die AfD wir­ken die er­wähn­ten »Klas­siker« und fin­den dort ideo­lo­gi­sche und poli­ti­sche Zu­stim­mung. Ihr auto­ri­tä­res Ge­dan­ken­gut kann so auch hun­dert Jahre spä­ter noch seine anti­demo­kra­ti­sche Rele­vanz ent­fal­ten. Man sollte da­her diese ideo­lo­gi­schen Auf­fas­sun­gen ken­nen und sie einer kri­ti­schen Re­fle­xion unterziehen.

FALTER-Rezension

Das Denken der Rechten

Robert Misik in FALTER 5/2026 vom 28.01.2026 (S. 23)

Eine neue Generation von Neo­nazis ist ent­stan­den, zu­gleich hat sich ein Mi­lieu der radi­ka­len Neuen Rech­ten ver­här­tet, das im­mer stär­ker in die FPÖ hi­nein­wirkt - das hat ge­rade der ak­tuel­le "Rechts­ex­tre­mis­mus­be­richt" im Auf­trag von Innen-und Jus­tiz­minis­te­rium ver­deut­licht. Ins­be­son­dere die Netz­wer­ke der Neuen Rech­ten sind von Den­kern ge­prägt, die in den Zwan­zi­ger­jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts und hier vor al­lem in der Wei­ma­rer Repu­blik schon große Num­mern wa­ren und spä­ter dann vor al­lem in oder im Umf­eld der NSDAP lan­de­ten. Armin Pfahl-Traugh­ber, seit Jahr­zehn­ten der Ex­perte für die ultra­rechte Szene schlecht­hin, hat nun in ei­nem lesens­wer­ten Band "Poli­ti­sche 'Klas­si­ker' der Neuen Rech­ten" por­trä­tiert. Wer ver­ste­hen will, auf wel­che "Den­ker" sich die neue Rech­te be­zieht, fin­det hier einen ex­zel­len­ten Über­blick.

Da geht es von Arthur Moeller van den Bruck, des­sen Diktum lau­tete, "an Libe­ra­lis­mus ge­hen die Völ­ker zu Grunde", über Os­wald Speng­ler ("Unter­gang des Abend­lan­des") und dem "Natio­nal­bol­sche­wiken" Ernst Nie­kisch bis zu den bei­den Säulen­hei­li­gen der Neuen Rech­ten, Carl Schmitt und Ernst Jün­ger. Schmitt, bril­lan­ter Ju­rist, war von Be­ginn an ein ord­nungs­fana­ti­scher An­häng­er auto­ri­tä­ren Re­gie­rens und wurde nach Hit­lers Macht­über­nahme "Kron­jurist" der Nazis ge­nannt. "Der Füh­rer schützt das Recht", legi­ti­mierte er noch schlimms­ten Macht­miss­brauch. Heute zählt Schmitt zur Stan­dard­lek­türe der US-Rech­ten, Peter Thiel nennt sich Schmit­tia­ner. Jün­ger wie­de­rum, spä­ter auch in der Bun­des­repu­blik ver­ehrt, star­te­te seine Kar­rie­re beim Völ­ki­schen Beo­bach­ter. Seine Ar­bei­ten fei­erten Sol­da­ten­tum, Krieg, das Ver­we­gene, prie­sen das Harte, ver­ach­te­ten die Ver­weich­li­chung. Hass auf "den Wes­ten", Liebe zur "Tiefe" der deut­schen Kul­tur, teil­weise "Russo­philie", Ver­ach­tung von Demo­kra­tie und Sehn­sucht nach Cäsa­ris­mus, Fas­zi­na­tion von Ge­walt - all das ver­bin­det die he­tero­genen Ge­währs­leute der Neuen Rechten.

Posted by Wilfried Allé Friday, January 30, 2026 1:20:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft/Politik
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Reichensteuer 

Aber richtig! | Warum Milliardäre zu wenig Steuern zahlen und wie wir das ändern

von Gabriel Zucman

ISBN: 9783518001387
Reihe: edition suhrkamp
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Verlag: Suhrkamp
Übersetzung: Ulrike Bischoff
Umfang: 63 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.01.2026
Format: Taschenbuch
Preis: € 12,40
Kurzbeschreibung des Verlags

Ende Gabriel Zucman gehört zu den be­kann­tes­ten und re­no­mmier­tes­ten Öko­no­men welt­weit. Seit Jah­ren forscht er zu Steuer­ge­rech­tig­keit und Steuer­ver­mei­dung. Ge­ra­de die­jeni­gen, so sein Be­fund, die ein im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes un­vor­stell­ba­res Ver­mögen an­ge­häuft ha­ben, leis­ten oft keinen an­ge­mes­se­nen Bei­trag zur Fi­nan­zie­rung öf­fent­li­cher Kas­sen. Das ist nicht nur ein Prob­lem für die Staats­fi­nan­zen, son­dern auch eine ekla­tante Ver­let­zung des Gleich­heits­grund­satzes.

Im Februar 2025 votierte die französische Natio­nal­ver­samm­lung für die »Taxe Zucman«: eine Steuer von zwei Pro­zent für Super­reiche. Seit­her steht Gabriel Zucman im Zent­rum einer hit­zi­gen De­batte. Wäh­rend ei­ner der reichs­ten Men­schen der Welt ihn per­sön­lich dif­fa­mier­te, wird er auf den Stra­ßen Frank­reichs gefeiert.
In seinem neuen Buch er­läu­tert er sei­nen Vor­schlag so kom­pakt wie ver­ständ­lich und er­klärt, wie seine Steuer auch in Deutsch­land funk­tio­nieren kann.

Posted by Wilfried Allé Monday, January 19, 2026 10:31:00 AM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Atlas der KI 

Die materielle Wahrheit hinter den neuen Datenimperien

von Kate Crawford

ISBN: 9783406837678
Reihe: Beck Paperback
Erscheinungsdatum: 01.12.2025
Verlag: C.H.Beck
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Übersetzung: Frank Lachmann
Sammlung: Neue Taschenbücher
Umfang: 336 Seiten
Format: Taschenbuch
Preis: € 18,50
Kurzbeschreibung des Verlags

Weder künstlich noch intelligent eine kritische Analyse der KI-Industrie

Wir tendieren dazu, künstliche Intelligenz als eine wunder­same und kör­per­lose Form der ma­schi­nel­len Klug­heit zu be­trach­ten. Von der preis­ge­krön­ten Wis­sen­schaft­lerin Kate Craw­ford ler­nen wir hin­ge­gen, dass KI in Wahr­heit we­der künst­lich noch in­tel­li­gent ist, son­dern in ihrer ma­te­riel­len Wirk­lich­keit auf Res­sour­cen­aus­beu­tung und Macht­kon­zen­tra­tion hinaus­läuft.

Crawford nimmt uns mit auf eine faszi­nie­ren­de Reise zu Li­thi­um­mi­nen und Klick­fa­bri­ken, zu auto­ma­ti­sier­ten Ar­beits­plät­zen und rie­si­gen Daten­ar­chiven, zu AI-Trai­nings­camps und zum algo­rith­mi­schen Kriegs­füh­rungs­team des Pen­ta­gon. Auf die­se Weise zeich­net sie ei­nen At­las der künst­li­chen Intel­li­genz, der die ver­schie­de­nen Be­rei­che ihrer kon­kre­ten Rea­li­tät kar­tiert, um unser kri­ti­sches Auge zu schu­len. Ge­stützt auf ein Jahr­zehnt ori­gi­nä­rer For­schung zeigt Craw­ford, dass KI in ers­ter Li­nie eine Techno­lo­gie der Ex­trak­tion ist der Ab­schöp­fung von Mi­ne­ra­lien, bil­li­ger Ar­beits­kraft und ei­ner un­er­mess­li­chen An­zahl von Da­ten. Das pla­ne­ta­re Netz­werk der KI schä­digt un­se­re Um­welt mas­siv, ver­tieft so­zi­ale Un­gleich­hei­ten und be­droht demo­kra­tische Prin­zi­pien. Craw­fords Buch lie­fert uns ei­nen dring­li­chen Be­richt, was auf dem Spiel steht, wenn große Unter­neh­men und staat­liche Ins­ti­tu­tio­nen KI nut­zen, um die Welt um­zu­ge­stalten.

"Kate Crawford zeigt auf, wo KI von Ausbeutung profi­tiert und da­bei Demo­kra­tien ge­fähr­det." Sach­buch-Bes­ten­liste von der lite­ra­ri­schen WELT, NZZ, RBB Kul­tur und Radio Österreich 1

Posted by Wilfried Allé Monday, January 12, 2026 11:21:00 AM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft/Gesellschaft
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Demokratie sucht Zukunft 

Wie Parteien neu gedacht werden müssen

 Mit Gastbeiträgen von Othmar Karas und Nikolaus Kowall

von Kurt Guwak, Judith Kohlenberger, Laurenz Ennser-Jedenastik

ISBN: 9783990605370
Erscheinungsdatum: 08.11.2025
Verlag: Goldegg Verlag GmbH
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Format: Hardcover
Umfang: 208 Seiten
Preis: € 27,00
Kurzbeschreibung des Verlags

Ein neuer Blick auf die gegenwärtige Krise der Parteien und ihre Auswirkung auf die Demokratie


Die Krise der westlichen Demokratien

Westliche Demokratien – von den USA über Deutsch­land bis nach Öster­reich – ste­hen an einem Scheide­weg. Trotz aller Unter­schiede sind sie alle mit ähn­li­chen Pro­ble­men kon­fron­tiert:
zunehmende Polarisierung,
abnehmende Kooperationsfähigkeit
und zunehmender Opportunismus. Das Resultat: Die Fähig­keit die gro­ßen, schwie­ri­gen Zu­kunfts­fra­gen kons­truk­tiv zu be­ar­bei­ten schwindet und
extreme politische Positionen werden gestärkt.

Die ehemals tragenden Säulen der modernen Demokratie, unsere Parteien, wirken heute wie gelähmt.
Stillstand, Vertrauensverlust und mangelnde Reformbereitschaft
lassen Bürgerinnen und Bürger an Parteien zweifeln. Und auch wenn in der medi­a­len Poli­tik-Dis­kus­sion im­mer wie­der ein­zel­nen Per­so­nen in den Vor­der­grund ge­stellt wer­den, so lie­gen die Ur­sa­chen die­ser katas­tro­pha­len Ent­wick­lungen doch meist tie­fer, in den inne­ren Dy­na­mi­ken von Parteien.
 

Neue Perspektiven für unsere politische Zukunft

Anstatt sich mit Pessimismus abzufinden, bieten Kurt Guwak, Judith Kohlen­ber­ger und Lau­renz Ennser-Jede­nas­tik einen
ganzheitlichen, interdisziplinären Ansatz, der Poli­tik­wis­sen­schaft, Or­gani­sa­tions-Sozio­lo­gie und der poli­ti­schen Praxis ver­bin­det. Par­teien wer­den als so­zia­le Sys­teme ver­stan­den. Da­raus er­geben sich
neue, fokussierte Einsichten und um­setz­ba­re Lö­sungs­ansätze.

In "Demokratie sucht Zukunft“ analy­sie­ren die Auto­ren die tief­grei­fen­den Ur­sa­chen der ak­tuel­len Par­teien­krise. Mit Gast­bei­trägen von 
Othmar Karas und Nikolaus Kowall
bietet das Buch eine fundierte und viel­schich­tige Per­spek­ti­ve auf den Zu­stand und die Zu­kunft der Par­teien­land­schaft. An­hand kon­kre­ter Bei­spiele und mit neuen Zu­gängen wer­den die in­nere Dy­na­mik in Par­teien offen­ge­legt und ge­zeigt, wie fest­ge­fah­rene Struk­tu­ren über­wun­den, Ver­trauen zu­rück­ge­wonnen und
politische Erneuerung aktiv gestaltet werden können.


Was erwartet Sie in dem Buch

·  Dem Problem in die Augen sehen
– Warum die Eigeninteressen von Parteien im­mer mehr Ge­wicht be­kom­men, es im­mer mehr „Innen­kar­rie­ren“ gibt und „gute Leute“ kaum mehr be­reit sind in die Poli­tik zu gehen

·  Parteien reformieren
– Warum das politische System wenig inno­va­tiv ist und wie sich Par­teien ent­wickeln müss­ten, um kons­truk­ti­ve Ak­teure in einer mo­der­nen Demo­kratie zu sein

·  Vertrauen zurückgewinnen
– Welche Rolle die Zivil­ge­sell­schaft spie­len kann, und wie wir unser poli­ti­sches Sys­tem wie­der in Ba­lance bringen


Für eine lebendige Demokratie mit Zukunft!

Dieses Buch ist ein Weckruf für poli­tisch Inter­es­sier­te, Ent­schei­dungs­trä­ger:innen und all jene, die an eine bes­sere Zu­kunft glau­ben. Wenn wir den Still­stand über­win­den wol­len, müs­sen wir uns in­for­mie­ren, ver­ste­hen und handeln.

·  Ideal für alle, die sich mit Poli­tik, Demo­kra­tie und Par­teien­wan­del be­schäf­tigen

·  Klare Analysen, ver­ständ­lich erklärt

·  Konkrete Lösungen für eine zu­kunfts­fähige Demo­kratie

Warum sich unsere Demokratie in einer Sack­gasse befindet und wie wir ge­mein­sam den Weg nach vorne finden.
 

FALTER-Rezension

Eine Therapiestunde für Parteien und Wähler

Jürgen Klatzer in FALTER 52/2025 vom 24.12.2025 (S. 28)

Anhand der USA kann man nahezu täg­lich mit­er­leben, wie eine Demo­kra­tie ihren Wert ver­liert. Nein, da­ran ist nicht allein Do­nald Trump schuld. Der amtie­ren­de Prä­si­dent ist ledig­lich ein Pro­dukt einer Ent­wick­lung, die er zu­sätz­lich ver­stärkt: Die US-Poli­tik ist zu ei­ner Show, der US-Kon­gress zu ei­ner Arena ver­kom­men, in der das Spek­ta­kel mehr zählt als Sach­lich­keit. Statt über die Zu­kunft des Lan­des zu dis­ku­tie­ren, wird ge­strit­ten und blockiert. Der Kon­flikt zwi­schen Repu­bli­ka­nern und Demo­kra­ten ist so ver­fah­ren, dass sich selbst mün­di­ge Wäh­ler zu höri­gen Fans re­du­zie­ren. Sie ver­göt­tern "ihre" Par­tei und ver­teu­feln die anderen.
Man könnte das als singu­läres Pro­blem an­sehen, das jen­seits des At­lan­tiks liegt. Weit ge­fehlt, wie Organi­sations­be­rater Kurt Guwak, Mi­gra­tions­for­sche­rin Judith Koh­len­ber­ger und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Lau­renz Ennser-Jedenas­tik in ihrem neuen Buch dar­legen. "Demo­kra­tie sucht Zu­kunft" han­delt von Par­teien, die ei­gene Inter­es­sen über das Ge­mein­wohl stel­len, die über­grif­fi­ger wer­den, statt der poli­ti­schen De­bat­te Raum zu ge­ben, und die nicht so recht wis­sen, was sie tun sollen.

Das Buch beginnt mit einer Diagnose: Das poli­tische Sys­tem ge­rät in eine Schief­lage. Das liegt an den Par­teien. Sie seien, schrei­ben die Auto­ren, "zu wenig poli­tisch": Der Satz mutet skur­ril an. We­der kann man sich eine Poli­tik ohne Par­teien noch Par­teien ohne Poli­tik vor­stellen.

Aber Parteien sind halt auch soziale Sys­teme. Sie wol­len wach­sen und mäch­ti­ger wer­den. Nur wie wol­len sie das in Zei­ten tun, in denen sie in der Be­völ­ke­rung an Rele­vanz ver­lieren? Die Mit­glie­der­zah­len sin­ken und das Ver­trauen schwindet.

Die Parteien betreten die Showarena und stel­len sich einem pau­sen­lo­sen Wahl­kampf. Was für Wahl­kämpfe ty­pisch ist: Der Inh­alt rich­tet sich in die­ser Arena weni­ger nach der ei­ge­nen Pro­gram­ma­tik als viel­mehr nach dem, was die "Fans" hö­ren wol­len. Nie­mand will wis­sen, dass we­gen des knap­pen Bud­gets der Rot­stift an­ge­setzt werden muss.

Die Erkenntnis ist nicht neu. Parteien tun mittler­weile fast al­les, um zu über­leben. Sie wol­len mehr vom Ku­chen, was legi­tim ist. Sie müs­sen Mie­ten und Per­so­nal zah­len, haben ei­ge­ne Par­tei­aka­de­mien, die fi­nan­ziert wer­den müs­sen. In Öster­reich ist der Topf da­für be­kannt­lich be­son­ders groß: 2024 wurden auf Bundes-und Landes­ebene 270 Mil­lionen Euro an För­de­run­gen aus­ge­schüttet.

Die Autoren regen deshalb an, stärker über diesen Eigen­trieb von Par­teien nach­zu­den­ken. Was wol­len sie? Und was soll­ten sie tun? Müss­ten nicht längst alle ver­su­chen, Ant­wor­ten auf die gro­ßen Fra­gen zu lie­fern, von der öko­lo­gi­schen und digi­ta­len Trans­for­ma­tion über die Mi­gra­tion bis hin zur Bil­dungs­krise und der altern­den Ge­sell­schaft? Ver­mut­lich ja. Doch die Par­teien sind mit sich selbst be­schäf­tigt, mit in­ter­nen Gra­ben­kämp­fen, PR-Schlach­ten und mit der Su­che nach "Wun­der­wuzzis", die Wäh­ler zu Fans machen.

Es wäre sinnvoll, das System wieder auszu­balan­cie­ren. Ge­rade Wah­len bö­ten sich ja an, die Par­teien an das Poli­ti­sche zu er­in­nern. Auch Quali­täts­me­dien könn­ten sie regel­mäßi­ger da­von ab­halten, nur im ei­ge­nen Inter­esse zu han­deln. Die trau­ri­ge Bot­schaft des Bu­ches lau­tet: Wah­len sind als ulti­ma­ti­ve Kon­troll­ins­tanz zwar wich­tig, aber nur be­grenzt wir­ksam. Und Me­dien ha­dern selbst mit ihrem Macht­verlust.

Die Autoren liefern eine andere Lösung: Die Zivil­ge­sell­schaft müs­se sich stär­ker poli­ti­sie­ren, wie einst in der anti­ken Polis. Denn die Quali­tät des poli­ti­schen Sys­tems hänge maß­geb­lich da­von ab, wie poli­tisch kom­pe­tent die Zivil­ge­sell­schaft ist.

Die Stärken des Buches liegen bei der aus­führ­li­chen Zu­stands­be­schrei­bung der über­grif­fi­gen Par­teien. Die vor­ge­schla­ge­nen Lö­sun­gen, um das Gleich­ge­wicht wie­der her­zu­stel­len, klin­gen uto­pisch. Aber um eine Polit­show wie jene in den USA zu ver­mei­den, nimmt man den uto­pi­schen An­spruch gerne in Kauf.

Posted by Wilfried Allé Sunday, January 4, 2026 5:43:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft/Politik
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MORALgorithmus 

Warum der Mensch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz unersetzbar bleibt

von Possard Marlon

ISBN: 9783200107298
Erscheinungsdatum: 09.10.2025
Verlag: Urban Forum
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Volkswirtschaft
Format: Taschenbuch
Umfang: 140 Seiten
Preis: € 20,00
Kurzbeschreibung des Verlags

Was passiert, wenn Algo­rith­men Ent­schei­dun­gen tref­fen – und nie­mand mehr fragt, ob sie rich­tig sind? Wir le­ben in ei­nem Zeit­al­ter, in dem Künst­li­che In­tel­li­genz (KI) unse­re Kom­mu­ni­ka­tion ver­än­dert, unse­re Ar­beit, unse­re Be­zie­hun­gen – ja, so­gar unser Ver­ständ­nis von Moral. In­mit­ten die­ser Trans­for­ma­tion stellt sich ei­ne ent­schei­den­de Fra­ge: Was bleibt vom Men­schen, wenn Ef­fi­zienz plötz­lich wich­ti­ger wird als Em­pathie?

In MORALgorithmus nimmt dich Marlon Possard auf eine sehr per­sön­li­che Rei­se durch die Welt der KI mit, die zu­gleich aber auch ge­sell­schaft­lich höchst bri­sant ist. Zwi­schen Be­geg­nun­gen mit Chat­bots, auto­no­men Sys­te­men und algo­rith­mi­schen Ur­tei­len er­zählt er von Mo­men­ten, in de­nen Tech­nik glänzt – und von je­nen, in denen sie ver­stummt, wenn das Mensch­li­che ge­fragt ist. Die­ses Buch ist ein lei­den­schaft­li­ches Plä­doy­er für ei­nen men­schen­zen­trier­ten Um­gang mit KI – fun­diert, emo­tio­nal, nach­denk­lich. Es zeigt, wa­rum Mensch­lich­keit kein Re­likt ist, son­dern der wich­tig­ste Maß­stab für eine Zu­kunft, die wir ge­stal­ten und eben nicht bloß be­rech­nen sollten.

Denn der Mensch ist eben kein simples Daten­kon­strukt und seine Wür­de darf nie­mals optio­nal sein.

Posted by Wilfried Allé Saturday, December 13, 2025 10:12:00 AM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft/Volkswirtschaft
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Versteckte Jahre 

Der Mann, der meinen Großvater rettete

von Anna Goldenberg

ISBN: 9783552073708
Erscheinungsdatum: 23.07.2018
Verlag: Zsolnay, Paul
Sammlung: 35 Bücher unter 35
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format: Taschenbuch
Umfang: 192 Seiten
Preis: € 22,70
Kurzbeschreibung des Verlags

Wien-Leopoldstadt, Sep­tem­ber 1942: Hansis El­tern und sein jün­ge­rer Bru­der müs­sen ins Sam­mel­la­ger, um nach There­sien­stadt um­ge­sie­delt zu wer­den. Gleich­zei­tig ver­lässt der 17-jäh­rige Hansi das Haus. Im Flur nimmt er den gel­ben Stern ab, steigt in die Straßen­bahn und fährt zum Kin­der­arzt Josef Feldner. Sei­ne Fa­mi­lie wird Hansi nie mehr wie­der­se­hen. Bis zum Ende des Krie­ges ver­steckt und ver­sorgt „Pepi“ den jun­gen Mann in sei­ner Woh­nung. Auch spä­ter bleibt Hansi mit sei­nem Ret­ter ver­bun­den, sie früh­stücken täg­lich mit­einan­der, fah­ren ge­mein­sam auf Ur­laub. Hans‘ Enke­lin, Anna Gol­den­berg, die Enke­lin von Hans und Hel­ga Feld­ner-Bustin, re­kon­stru­iert diese sin­gu­läre Fami­lien­ge­schichte als große Re­por­tage und als Por­trät eines Hel­den, der nie einer sein wollte.

FALTER-Rezension

Lücken der Erinnerung

Anna Goldenberg in FALTER 4/2025 vom 22.01.2025 (S. 25)

Eva Ribarits erzählt in Schu­len gerne die Sache mit dem Heu­ri­gen. Riba­rits kam 1943 als Toch­ter jüdi­scher Flücht­linge in Lon­don zur Welt. Als sie vier Jahre alt war, folg­ten die El­tern, über­zeugte An­hän­ger des Kom­mu­nis­mus, den Auf­ru­fen der KPÖ, nach Wien zu­rück­zu­keh­ren. Dort woll­ten sie den Sozia­lis­mus voran­trei­ben -doch statt­des­sen lan­de­ten sie mit­ten in der des­illu­sio­nier­ten Nach­kriegs­ge­sell­schaft. "Die Leu­te ha­ben den Krieg und ihre Ideo­lo­gie ver­lo­ren", sagt Riba­rits. "Das hast du in ihren Ge­sich­tern gesehen."
Die Familie fiel auf, auch op­tisch. Eva und ihre Schwes­ter hat­ten dunk­les, fast krau­ses Haar. "Ich habe ge­spürt, dass man mir feind­lich ge­gen­über­stand", sagt sie. Als Jüdin, als Kom­mu­nis­ten­kind, als ver­meint­lich Fremde. "Wir wä­ren als Fa­mi­lie nie zu ei­nem Heuri­gen ge­gangen."

Mit ihren Erfahrungen als Flücht­lings­kind könne sie zu den jun­gen Men­schen, de­nen sie über ihr Le­ben und das ihres Va­ters er­zählt, eine Ver­bin­dung auf­bauen, führt Riba­rits aus. Und viel­leicht sei das ja 80 Jahre nach Kriegs­ende eine Mög­lich­keit, zu ver­mit­teln, wa­rum es wich­tig ist, sich mit der NS-Zeit im All­ge­mei­nen und dem Holo­caust im Spe­ziel­len zu be­schäf­ti­gen. Vor al­lem in einer Ge­sell­schaft, die längst nicht mehr so homo­gen ist wie in den 50er-Jah­ren, als sich die Fa­mi­lie Nürn­ber­ger - so hieß Riba­rits' Fami­lie - nicht in Heu­rige traute. Es gibt in Wien kaum mehr eine Schul­klas­se, in der nicht zu­min­dest eine Per­son eine Flucht­ge­schichte hat.

Ribarits bezeichnet sich selbst als der "ein­ein­halb­ten" Gene­ra­tion zu­ge­hörig. Ihrer Mut­ter Hilde ge­lang 1937 die Flucht nach Eng­land mit­hilfe eines ge­fälsch­ten Pas­ses. Ihr Va­ter Arthur über­lebte die Kon­zen­tra­tions­la­ger Dachau und Buchen­wald und konnte 1939 nach Eng­land aus­rei­sen. Schon ihr Va­ter, ein um­trie­bi­ger, red­se­li­ger Mensch, er­zählte zu Leb­zei­ten jün­ge­ren Freun­den be­reit­wil­lig seine Ge­schichte.

Nicht nur Menschen wie Nürnberger, die als Er­wach­sene wäh­rend der NS-Zeit ver­folgt wur­den, sind längst ge­stor­ben; die so­ge­nann­te erste Ge­ne­ra­tion, also jene Men­schen, die sich über­haupt aus ers­ter Hand an die Ver­fol­gung er­in­nern kön­nen, ist ver­schwin­dend klein ge­wor­den. Erinnern.at, das Pro­gramm von Öster­reichs Agen­tur für Bil­dung und Inter­na­tio­na­li­sie­rung (OeAD), das für Leh­ren und Ler­nen über den Holo­caust und die NS-Zeit ver­ant­wort­lich ist und Zeit­zeu­gen­be­suche or­gani­siert, lis­tet nur noch zwölf Per­so­nen, die für Schul­be­suche zur Ver­fü­gung ste­hen. Zwei sind 1932 ge­bo­ren, alle an­de­ren frü­hes­tens 1936, wa­ren also, so wie auch Eva Riba­rits, wäh­rend der Kriegs­jahre (Klein)Kinder.

Die Erinnerung an die NS-Zeit befindet sich an einem Wende­punkt, am Über­gang vom kom­mu­ni­ka­ti­ven zum kul­tu­rel­len Ge­dächt­nis. Die münd­li­chen Über­lie­fe­run­gen ein­zel­ner Per­so­nen wer­den durch ihren Nach­lass er­setzt, durch Auf­zeich­nun­gen und Nach­er­zäh­lun­gen. Mate­rial gibt es genug. Der Holo­caust und die NS-Zeit sind das wohl am bes­ten auf­ge­ar­bei­te­te Er­eig­nis der jün­ge­ren Ge­schichte.

Allein die Shoah Foundation an der University of Southern Cali­for­nia hat über 50.000 Inter­views mit Über­leben­den auf­ge­nom­men. Auch dank der auf per­verse Wei­se akri­bi­schen Büro­kra­tie der Nazis sind vie­le Doku­mente er­hal­ten ge­blie­ben. Ge­rade in Öster­reich gibt es zu­dem kaum einen Straßen­zug, der von der NS-Zeit nicht be­rührt wurde. Das Bun­des­denk­mal­amt lis­tet rund 2100 so­ge­nannte Opfer­orte auf. Kriegs­ge­fan­genen-und Zwangs­ar­beits­lager, KZ-Außen­stel­len und Eutha­na­sie-Stand­orte.

Aber wird das alles reichen? In einem Land, in dem eine Par­tei, die von ehe­ma­li­gen SS-Män­nern ge­grün­det wurde, dem­nächst den Kanz­ler stel­len könnte? In dem laut re­prä­sen­ta­ti­ver Um­frage des Doku­men­ta­tions­ar­chivs des öster­rei­chi­schen Wider­standes (DÖW) vom Vor­jahr 42 Pro­zent fin­den, Dis­kus­sio­nen über den Holo­caust und den Zwei­ten Welt­krieg soll­ten be­endet wer­den? Ge­rade des­halb scheint es so wich­tig wie nie, der nächs­ten Gene­ra­tion zu ver­mit­teln, wie es zum größ­ten Mas­sen­mord der Mensch­heits­ge­schichte kam.

Der österreichische KZ-Überlebende Hermann Langbein über­zeugte das Unter­richts­minis­te­rium da­von, 1978 den "Re­fe­rent­en­ver­mitt­lungs­dienst für Zeit­ge­schichte" zu star­ten. Mit dem so­ge­nann­ten Bio­gra­phical Turn in der Ge­schichts­for­schung, der ab den 1980ern auto­bio­gra­fische Schil­de­run­gen auf­wer­tete, stieg auch das Inter­esse an den Er­zäh­lungen von Opfern.

Es folgten die Waldheim-Affäre 1986, das Ein­ge­ständ­nis der Mit­schuld Öster­reichs an den NS-Ver­bre­chen durch den dama­ligen Bun­des­kanz­ler Franz Vra­nitz­ky von der SPÖ 1991 und die Grün­dung der Shoah Foun­da­tion durch den US-Re­gis­seur Steven Spiel­berg 1994. Mit der Kon­se­quenz, dass Zeit­zeu­gen­be­suche aus der zeit­ge­schicht­li­chen Bil­dung nicht mehr weg­zu­den­ken sind.

Dabei beruht das Konzept auf einem un­schar­fen Be­griff. Was ist das über­haupt, ein Zeit­zeuge? Im Eng­li­schen wird statt­des­sen ent­we­der von wit­ness, dem Zeu­gen, oder sur­vi­vor, dem Über­le­ben­den, ge­spro­chen. Von wel­cher Zeit sol­len die Über­le­ben­den Zeug­nis ab­legen -der ver­gan­ge­nen oder der ak­tuel­len? Der Be­griff scheint eine Brücke zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart zu schla­gen. Für den His­to­ri­ker Daniel Schuch von der Uni­ver­si­tät Jena dient die Fi­gur des Zeit­zeu­gen einem Er­lö­sungs­ver­spre­chen, und zwar "einer ver­bes­ser­ten Zu­kunft ohne Hass, Vor­ur­tei­le und In­dif­fe­renz". Von den Über­le­ben­den wird eine mo­ra­li­sche Bot­schaft er­wartet.

Doch viel wichtiger ist ein anderer Aspekt. "Wenn sie ein­mal an­ge­fan­gen ha­ben zu fra­gen, dann fällt ihnen im­mer mehr ein, das sie noch wis­sen wol­len", be­rich­te­te die jü­di­sche NS-Über­le­bende Ger­traud Fletz­ber­ger in ei­nem Inter­view über einen Schul­be­such, der vier Stun­den dau­erte. Fletz­ber­ger, Jahrgang 1932, ent­kam 1938 mit einem Kin­der­trans­port nach Schwe­den. "Je mehr sie fra­gen, umso mehr Ab­gründe, über­trie­ben ge­sagt, ma­chen sich auf."

Fragen zwingt zum Nachdenken - und zum Her­stel­len ei­ner Ver­bin­dung zu sich selbst. Es ent­steht so­mit eine "Er­zäh­lung von Ge­schichte als Ver­knüp­fung un­seres Ichs mit der Welt", so der Schwei­zer Wis­sen­schaft­ler Peter Gaut­schi. Die USC Shoah Foun­da­tion ex­peri­men­tiert mit inter­ak­ti­ven Videos, die mit­tels Sprach­er­ken­nungs­soft­ware die Fra­gen er­ken­nen und ein au­then­ti­sches Zeit­zeu­gen­ge­spräch simu­lieren. "Da sind wir kri­tisch", sagt Pat­rick Sie­gele, der Erinnern.at lei­tet. "Es sug­ge­riert et­was, das es nicht gibt. Dahin­ter steckt näm­lich nicht die Be­geg­nung mit einem ech­ten Men­schen, son­dern mit einer Ma­schine, die der Lo­gik von Algo­rith­men folgt."

Bei den persönlichen Gesprächen hingegen geht es um das Ler­nen aus Le­bens­ge­schich­ten. Er­zäh­len die Über­le­ben­den vom er­zwun­ge­nen Um­zug, vom Ver­lust eines Freun­des oder viel­leicht ein­fach nur da­von, ge­fro­ren zu ha­ben, weckt das Asso­zia­tio­nen bei den Schü­lern. Durch ge­teil­tes Er­leben ent­ste­hen Ver­bin­dungen.

So kann auch Eva Ribarits bei den Schülerinnen und Schülern an­docken. Die Flucht, das Fremd­sein, das Trauma der El­tern, das sind The­men, die auch im 21. Jahr­hun­dert noch prä­sent sind. "Die Kin­der fra­gen oft, ob ich lie­ber in ei­nem an­de­ren Land ge­lebt hätte", sagt Ribarits.

Erinnern.at, das als Ein­rich­tung des Bundes Holo­caust­ver­mitt­lung or­gani­siert und för­dert, setzt nun auf Men­schen wie Riba­rits, die Er­zäh­lun­gen ihrer El­tern und teils auch Groß­el­tern wei­ter­geben - die so­ge­nannte zwei­te und drit­te Gene­ra­tion. Schließ­lich lässt sich auch hier Authen­ti­zi­tät her­stel­len, und, vielvleicht noch wich­ti­ger, die Mög­lich­keit, Fra­gen zu stel­len. Ein sol­ches Pro­jekt mit Schul­be­su­chen von Nach­kom­men wird seit ver­gan­ge­nem Jahr auch wis­sen­schaft­lich be­gleitet.

"Nachkommengespräche können auch eine gute Mög­lich­keit sein", sagt Daniela Lackner. So viel Er­fah­rung hat sie da­mit noch nicht ge­macht, fügt sie hin­zu. Lackner ist Leh­re­rin für Ge­schichte, poli­ti­sche Bil­dung und Eng­lisch an der BAfEP 10, der Bun­des­bil­dungs­an­stalt für Ele­men­tar­päda­go­gik in Wien-Favo­riten. Im Schul­jahr 2022/23 star­tete sie erst­mals ein Ge­denk­pro­jekt mit einer Schüler­gruppe.

Gemeinsam erarbeiteten sie einen Er­in­ne­rungs­weg durch Favo­riten: Sechs Sta­tio­nen gab es, da­run­ter den ehe­ma­li­gen Humboldt-Tempel, eine Syna­goge mit 700 Sitz­plät­zen, die wäh­rend der No­vem­ber­po­grome 1938 zer­stört wurde, und den Ba­ranka-Park, einst Lager­platz für Roma, Sinti und Lo­vara. Einen Ge­denk­stein im Böh­mi­schen Pra­ter setzte die Schu­le selbst. Die Schü­ler über­setz­ten die In­halte auf Bos­nisch/Kroa­tisch/Ser­bisch, Rus­sisch, Ara­bisch und Türkisch.

Für eine Begegnung mit dem 1933 ge­bo­re­nen Kurt Hill­mann, der die NS-Zeit als so­ge­nann­ter "Misch­ling" über­lebte, reiste die Grup­pe da­mals nach Ber­lin. "Kaum hat er den Raum be­tre­ten, ist es ganz still ge­wor­den", er­innert sich Lackner. "Er hat­te noch gar nichts ge­sagt." In den Fol­ge­pro­jek­ten wird Lack­ner auf sol­che Be­geg­nun­gen wohl ver­zich­ten müs­sen. Was sind die Alter­na­tiven?

Je weniger Zeitzeugen sprechen, desto größ­ere Be­deu­tung er­hal­ten die Orte der Ver­fol­gung. Schließ­lich ver­mit­teln auch sie Au­then­ti­zi­tät, sind ein Zeug­nis der Zeit. Und sie hel­fen, Men­schen mit unter­schied­li­chen Ge­schich­ten zu ver­bin­den. In Lack­ners Grup­pen liegt der An­teil von Schü­lern mit Mi­gra­tions­hin­ter­grund bei gut 80 Pro­zent. Im­mer wie­der, er­zählt Lack­ner, höre sie dann von ei­ni­gen Schü­lern, dass sie sich für die Er­inne­rung an die NS-Zeit nicht wirk­lich ver­ant­wort­lich füh­len. "Das ist nicht un­se­re Ge­schichte, wir wa­ren nicht be­teiligt."

Oft wird dann erst einmal gemeinsam erarbeitet, welche Rolle ihre Her­kunfts­län­der wäh­rend der NS-Zeit spiel­ten. Wa­ren es Ver­bün­dete von Nazi-Deutsch­land, so wie die Tür­kei? Wur­den auch dort Kriegs­ver­bre­chen ver­übt, wie auf dem Bal­kan? Ver­or­tet man die Ge­schich­te im ei­ge­nen Grät­zel, im ei­genen Schul­bezirk, ent­steht etwas Ver­bin­den­des. "Dann ist es plötz­lich ihre Ge­schichte, weil sie davor­stehen", sagt Lackner.

Historische Orte haben eine eigene Kraft. Die meisten Men­schen, die das erste Mal die Ge­denk­stät­te des ehe­ma­li­gen Kon­zen­tra­tions­la­gers Maut­hau­sen be­su­chen wür­den, seien über­wäl­tigt von dem An­blick, sagt Gudrun Bloh­berger, die päda­go­gi­sche Lei­te­rin der Ge­denk­stät­te. Die Größe des Are­als, wie es auf dem Hü­gel thront, weit­hin sicht­bar, die lieb­li­che Land­schaft rund­he­rum. "Die Men­schen se­hen, dass es eine wahre Ge­schichte ist." Gut 4300 Ver­mitt­lungs­pro­gram­me fin­den je­des Jahr dort so­wie in den ehe­ma­li­gen Außen­la­gern Melk und Gusen statt.

Bei den Rundgängen ist der ehe­ma­li­ge Fuß­ball­platz der SS eine der ers­ten Sta­tio­nen. Heute ist dort nur noch eine Wiese, im Früh­ling blü­hen Wild­blu­men. Alte Auf­nah­men zei­gen, dass es Zu­schauer­tri­bü­nen gab. Men­schen aus der Um­ge­bung sa­hen also regel­mäßig zu. Der Fuß­ball­platz war mit einem Stachel­draht vom ehe­ma­li­gen Sani­täts­lager des KZ ab­ge­trennt, je­nen Ba­racken, in denen nicht mehr ar­beits­fä­hige Men­schen unter­ge­bracht wur­den. "Wir be­zeich­nen es heute als Ster­be­lager", sagt Blohberger.

Wer zum Fußballspiel kam, sah also ins Lager hinein. Tä­ter, Opfer und Zu­se­her tra­fen auf kleins­tem Raum auf­ei­nan­der. Wie konnte das sein? "Vie­le Be­su­cher ver­muten, dass die lo­kale Be­völ­ke­rung ge­zwun­gen wurde, die Spiele an­zu­se­hen", er­zählt Gudrun Bloh­berger. "Da­für gibt es in der Ge­schichts­schrei­bung aber keine Indizien."

Der Ort zwingt zur Auseinandersetzung und zum Fra­gen­stel­len, an die Ge­schichte und an sich selbst. "Kon­takt­zonen der Ge­schichts­ver­mitt­lung" nennt die öster­rei­chi­sche Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin Nora Stern­feld sol­che An­läsvse und Räume in ihrem gleich­nami­gen Buch -und wirft die Fra­ge auf, wel­ches Ver­hal­ten dort an­ge­messen ist.

Sie zitiert einen Überlebenden des KZ Bergen-Belsen: "An­ge­mes­se­nes Ver­hal­ten an diesem Ort - was ist das? Als ich hier war, wurde hier ge­mor­det und ge­stor­ben. Das war das an­ge­mes­sene Ver­hal­ten in Bergen-Belsen "

Die meisten jungen Menschen, die erstmals kommen, seien eher ängst­lich und an­ge­spannt, er­zählt Bloh­ber­ger. Da­bei dürf­ten Be­su­cher ohne­hin al­les sa­gen und fra­gen. Ver­gleicht bei­spiels­weise je­mand Gaza mit einem KZ, wird die Grup­pe ein­ge­bun­den. Wer denkt an­ders? Wie kommt die Per­son zu die­ser An­sicht?"Wir brau­chen Ver­glei­che, um uns in der Ge­schichte orien­tie­ren zu kön­nen", sagt Bloh­berger. "Aber wir müs­sen heraus­ar­bei­ten, was heute an­ders ist."

Das ist auch Eva Ribarits wichtig. Wenn sie den Schüler­in­nen und Schü­lern er­zählt, dass sie als Kind die Ab­leh­nung ihrer Um­ge­bung spür­te, fügt sie im­mer hin­zu, dass sich die Zei­ten ge­än­dert ha­ben. Die Ge­sell­schaft ist nun di­ver­ser und offe­ner. Auch beim Heurigen.
 

Die vielen Leben der Helga Feldner-Busztin

Anna Goldenberg in FALTER 44/2024 vom 30.10.2024 (S. 19)

Das muss es gewesen sein", sagte meine Groß­mut­ter. Sie stand vor einem gel­ben Wohn­haus in Tere­zín. Das ehe­ma­lige Garni­son­städt­chen im Nor­den Tsche­chiens hieß einst The­re­sien­stadt, in der NS-Zeit war hier ein Kon­zen­tra­tions­lager. 1943 hat­ten die Nazis meine da­mals 14-jährige Groß­mutter Helga aus Wien dort­hin ver­schleppt, weil sie Jüdin war. Durch di­ver­se glück­liche Fü­gun­gen über­leb­te sie bis zur Be­frei­ung über zwei Jahre später.

Und nun befanden wir uns wieder an diesem Ort. Es war Au­gust 2013, ich sollte über un­seren ge­mein­samen Aus­flug eine Re­por­tage schrei­ben. Helga, da­mals 84, brauchte keine Moti­va­tion meiner­seits, die eher trost­losen Straßen zu er­kunden. Im Gegen­teil. Die Ka­ser­nen­fens­ter, die Kir­che, der Markt­platz, das Stadt­tor - wenn sie etwas wie­der­er­kannte, er­zählte sie be­reit­willig.

Auch über L414, das ehemalige Mädchen­heim, vor des­sen Fas­sade wir nun stan­den. Auf Stroh­säcken hat­ten sie ge­schla­fen, die Bett­wan­zen wa­ren eben­so eine Qual ge­wesen wie der stän­di­ge Hun­ger. Im­mer war sie auf der Suche nach Ess­barem, seien es Reste oder Herunter­ge­fallenes.

Das Eingangstor des gelben Wohn­hauses war un­ver­sperrt, sie trat ein. Das Haus schien be­wohnt, aber ver­wahr­lost, Spinn­weben, Tau­ben, Ge­rüm­pel. Selbst­be­wusst stieg Helga den Halb­stock hi­nauf und blickte aus dem Fenster.

Ja, das sei es gewesen. Sie war zu­frie­den, wei­ter ins Haus vor­drin­gen wollte sie dann doch nicht.

Lange Jahre hatte ich meine Großmutter nur als Groß­mut­ter ge­se­hen. Und die­sen Job er­füllte sie in mei­nen Kin­der­au­gen sehr gut: Sie holte mich von der Volks­schule ab, hat­te stets Süßig­kei­ten da­bei und strickte bunte, warme Socken. Ihre Ge­schenk­e waren groß­zü­gig; wer krank wur­de, be­kam min­des­tens einen täg­lichen Anruf.

In anderen Belangen war sie aber eher untypisch. Sie nahm bis Mitte 80 an Aerobic-Stun­den im Fit­ness­cen­ter teil und ach­tete auf ihr Ge­wicht. Sie war schonungs­los ehr­lich und sprach aus, wenn sie den Lebens­wan­del ande­rer nicht gut­hieß. Weh dem, der rauchte! Außer­dem ar­bei­te­te sie bis in ihr 90. Lebens­jahr hinein als Ärztin.

Erst als ich älter wurde, begann ich, über den Zu­sam­men­hang mit ihrer Ver­gan­gen­heit nach­zu­den­ken. Der Hun­ger hat­te wohl ihr eigen­ar­ti­ges Ver­hält­nis zum Es­sen ge­prägt, die Lü­gen des NS-Regimes viel­leicht das Be­dürf­nis nach Wahr­haf­tig­keit. Und die­ser Ehr­geiz stammte mög­li­cher­wei­se von je­nem Er­leb­nis, das sie stets zu den schlimms­ten ihres Le­bens zähl­te: der Tag im Früh­jahr 1938, als sie, ge­rade ein­mal neun Jahre alt, aus ihrer Volks­schul­klas­se ge­wor­fen wur­de, weil sie Jüdin war.

Allen zu beweisen, dass sie kein Mensch zwei­ter Klas­se sei, das trieb sie an. Im Nach­kriegs­wien lernte sie mei­nen Groß­va­ter Hansi ken­nen, sie 16, er 19. Den Holo­caust hat­te er hier über­lebt, weil ihn sein ehe­ma­li­ger Schul­arzt ver­steckt hat­te; die El­tern und der jün­gere Bru­der wa­ren im KZ er­mor­det worden.

Hansi hatte gerade sein Medizinstudium begonnen, Helga ging noch zur Schule. Doch weil sie gleich­auf sein wollte, brach sie die Schule ab, be­suchte statt­des­sen einen Ma­tura­kurs - und pa­ral­lel die Medi­zin­vor­lesungen.

Vereint im Willen, aus diesem Leben, in dem schon so viel zer­stört wor­den war, et­was zu ma­chen, blie­ben Hansi und Helga 50 Jahre lang ein Paar. Helga wurde Ober­ärz­tin, sie be­kamen vier Kin­der und zo­gen aus der Ge­mein­de­woh­nung in ein Haus.

Was sie erlebt hatten, war präsent und doch nicht. Bei den Abend­es­sen sprach man eher über medi­zi­ni­sche Fäl­le als über die Ver­gan­gen­heit. Doch die Fa­mi­lie kannte die Ge­schich­ten, tru­gen die Kinder doch Namen der er­mor­de­ten Ver­wand­ten, und auch wir En­kel­kin­der wuss­ten, dass mein Groß­vater im Werk­zeug­kel­ler unter dem Lino­leum­boden ein manns­großes Ver­steck ge­baut hatte.

Der Holocaust hatte seinen selbst­ver­ständ­li­chen Platz im Hinter­grund des Le­bens. Sie sei nun ein­mal nicht senti­men­tal, sagte Helga. Aber viel­leicht hat­te sie nicht den Raum, um sich aus­zu­drücken. Den be­kam sie sehr spät. Erst Ende der 1980er-Jahre war die öster­rei­chi­sche Öf­fent­lich­keit be­reit, sich mit der Tä­ter­schaft wäh­rend der NS-Zeit zu be­schäf­ti­gen. 1998 gab Helga ihr ers­tes län­ge­res Inter­view - der von Steven Spiel­berg ge­grün­de­ten US-ameri­ka­ni­schen Shoah Foun­dation.

Nach und nach kamen in Österreich immer mehr enga­gier­te Men­schen, die sie be­frag­ten und ein­luden. Be­son­ders gerne ging sie an Schu­len. Wie­der und wie­der er­zähl­te Helga dort ihre Ge­schichte. Mit ihrem ruhi­gen, aber be­harr­li­chen Ehr­geiz machte sie sich an die neue Le­bens­auf­gabe. Sie ge­noss die ehr­li­che Auf­merk­sam­keit und die in­teres­sier­ten Fragen.

Ihre letzte Schulklasse besuchte sie heuer im März.

Posted by Wilfried Allé Sunday, November 2, 2025 9:46:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft
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Trump, Putin und ihre Marionetten 

von Helmut Brandstätter

ISBN: 9783218014830
Erscheinungsdatum: 24.09.2025
Verlag: Kremayr & Scheriau
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Sonstiges
Format: Hardcover
Umfang: 296 Seiten
Preis: € 26,00
Kurzbeschreibung des Verlags

Der russische Überfall auf die Ukraine läutete 2022 eine Zeiten­wende ein, doch mittler­weile ste­hen wir be­reits vor einem Zei­ten-Ende: Vor­bei ist eine 80 Jahre dau­ernde Peri­ode, in de­nen der Wes­ten Euro­pas auf die USA als lo­ya­len Part­ner in wirt­schaft­li­chen wie ge­sell­schaft­lic­hen Bel­an­gen bauen konnte. Statt­dessen formt sich vor unse­ren Augen eine neue auto­kra­tische Achse zwi­schen Trump und Putin, die die auf­ge­klärte EU und ihre Ide­ale zu zer­rei­ben droht – von außen und von innen. 
Mithilfe willfähriger rechter Parteien in Euro­pa spal­ten sie die Werte von Frei­heit und Rechts­staat und wol­len so die euro­pä­ische Allianz zer­stören. Die kom­men­den Jahre wer­den ent­schei­dend da­für sein, ob das euro­pä­ische Werk für Frie­den und Ver­söh­nung, das als Fol­ge des Zwei­ten Welt­kriegs ins Le­ben ge­ru­fen wurde, be­ste­hen bleibt. Helmut Brand­stätter nimmt uns mit hin­ter die Ku­lis­sen des Euro­pä­ischen Par­la­ments und deckt die Mecha­nis­men auf, mit denen Trump, Putin und Euro­pas Rechte die EU zer­set­zen wol­len – und zeigt, wie sich Euro­pa da­ge­gen wehren kann.

FALTER-Rezension

Einblicke in Lügenmaschinen

Margaretha Kopeinig in FALTER 44/2025 vom 29.10.2025 (S. 19)

Helmut Brandstätter liefert in seinem neuen Buch Argu­­mente und Fak­­ten, wie Pro­­pa­­ganda und Des­­in­for­­ma­­tion auto­­ri­­tä­rer Füh­­rer ent­l­arvt wer­­den kön­­nen. Er gibt einen tie­­fen Ein­b­lick in Russ­­lands ideo­­lo­­gische Streit­kräfte im Kampf um Köpfe. Der EU-Ab­­ge­­ord­n­ete (Re­new Eu­rope) ana­­ly­­siert kreml­­nahe Me­­dien, den Out­­put der "Troll­­fa­­bri­­ken" und die Flut an Lü­­gen und "Fake News". Er zeigt auf, wie da­­mit ge­­sell­­schaft­­liche Kon­­flikte im Wes­ten ge­schürt und rechte Par­teien da­bei als Be­schüt­zer natio­naler Inter­es­sen und des "ge­sun­den Men­schen­ver­stands" posi­tio­niert werden.

Brandstätter zerstreut Hoff­nun­gen so man­cher, Russ­land werde sich nach Ver­hand­lungen mit einem Teil der Ukra­ine zu­frie­den ge­ben. Nein. Aus den Sprach­roh­ren des Kremls er­fährt man an­de­res. Wladis­law Sur­kow, einst en­ger Be­ra­ter Putins, sagte erst kürz­lich dem fran­zö­si­schen Maga­zin L'Express, dass es um das Kon­zept der "rus­si­schen Welt ohne Gren­zen" gehe. Hin­zu kom­men die USA, die den­sel­ben Feind wie Russ­land im Fo­kus haben: "Das sa­ta­ni­sche Eu­ro­pa und die sa­ta­ni­sche EU." Der ehe­ma­lige Kurier-Chef­redak­teur und Heraus­ge­ber doku­men­tiert, wie oft Donald Trump nahezu wort­gleich die Pro­pa­ganda des Kremls wie­der­holte. Trumps Ex-Freund Elon Musk ist di­rek­ter, er wünscht sich eine enge Part­nerschaft zwischen Berlin und Moskau.
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Hoffnung macht das Buch mit Blick auf die Ukraine und ihren Abwehr­kampf gegen Russ­land. Hier gilt, was Jewgeni Pri­go­schin 2023 bit­ter über Russ­lands "Spe­zial­opera­tion" kons­ta­tierte: "Wir haben aus der Ukra­ine eine Nation ge­macht, die jetzt in der Welt be­kannt ist. Und was die De­mili­tari­sie­rung be­trifft, die hat­ten zu Be­ginn 500 Panzer, jetzt ha­ben sie 5000." Brand­stät­ter be­schreibt in sei­nem sehr gut recher­chier­ten Buch auch die ra­sante Ent­wick­lung des Rechts­popu­lis­mus in Euro­pa, der mit der Spal­tung der Ge­sell­schaft punk­tet. "Das ge­lingt, weil diese Poli­ti­ker­innen es ver­stehen, die Angst und die Wut der Men­schen zu ver­bali­sieren, ob­wohl sie keine Lö­sung an­zu­bieten ha­ben, sich selbst als Opfer dar­stel­len - und die Medien mit­spielen."

Posted by Wilfried Allé Wednesday, October 29, 2025 9:38:00 PM Categories: Gesellschaft Sachbücher/Politik Wirtschaft/Sonstiges
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