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Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart

von Volker Weiß

ISBN: 9783768198608
Themen: Gesellschaft und Sozialwissenschaften
Gesellschaft und Kultur, allgemein
Kontrolle, Privatsphäre und Sicherheit in der Gesellschaft
Soziale und ethische Themen
Erscheinungsdatum: 16.05.2026
Verlag: Cotta
Umfang: 128 Seiten
Format: Taschenbuch
Preis: € 18,50

Kurzbeschreibung des Verlags

Die Ideologie hinter Peter Thiel, Donald Trump und Co.

Vom Tech-Milliardär Peter Thiel bis hin zum russischen Ultranationalisten Alexander Dguin – neuerdings bemühen alle ein biblisches Motiv: den Katechon. Als geheimnisvolle Kraft kann er das Böse aufhalten, seine irdische Gestalt soll wahlweise Trump oder Putin sein. Über eine Figur der politischen Theologie, mit der alles begründet, aber nichts erklärt werden kann. 

Wer ist der »Katechon«? Seit einiger Zeit verkünden rechte und religiöse Fundamentalisten, dass eine höhere Kraft den »falschen Verheißungen« des »Antichristen« entgegentrete. Diese Verlockungen gaukeln als Werte einer demokratischen und aufgeklärten Gesellschaft den Menschen Sicherheit und Stabilität vor, während sie doch in Wahrheit nur Werke des Teufels sind. Mit dem Katechon als »Aufhalter« dieses Bösen wird nun eine theologische Figur in den Dienst genommen, um die Politik der extremen Rechten zu legitimieren. Der Essay geht den Spuren des »Katechon«-Motivs bis in die Schriften des deutschen Staatsrechtlers Carl Schmitt nach.

FALTER-Rezension

Die Angst vor Peter Thiel

Matthias Dusini in FALTER 23/2026 vom 03.06.2026 (S. 16)

Der Antifaschismus schlief. Am Eingang des Odeon Theaters prüften Polizisten die Besucher, die sich am vergangenen Freitag einfanden. Drinnen, in der Säulenhalle der ehemaligen Getreidebörse, sollte über den Auftritt eines Festwochen-Gastes diskutiert werden. Festivalchef Milo Rau wollte wissen, ob das Volk für oder gegen den Besuch des Tech-Oligarchen Peter Thiel sei. Hunderte Interessierte waren dem spontanen Aufruf Raus gefolgt, über das Für und Wider zu beraten.
Ein Besucher hielt ein Täfelchen in die Höhe, auf dem stand: "No platform for Techfascism!" Spontanen Applaus bekam eine ehemalige Politikerin, die vorschlug, man könne Thiel doch als Kunstaktion verhaften lassen. Ansonsten blieb es erstaunlich ruhig im Saal, eine Mehrheit der Rednerinnen und Redner plädierte sogar dafür, Thiel sprechen zu lassen. So vehement, dass Festwochen-Dramaturgin Sara Abbasi irgendwann der Kragen platzte: "Bitte mehr kritische Fragen. Wir sind uns zu einig." Er werde seine Entscheidung am folgenden Tag bekannt geben, ließ Rau wissen.

Mit Peter Thiel, Jahrgang 1967, kontaktierte das Festival eine der mächtigsten und umstrittensten Figuren der Gegenwart. Thiel steht für den Rechtsruck im Silicon Valley. Er verfügt über ein Milliardenvermögen, das er mit Investitionen in Unternehmen wie Facebook, PayPal und Palantir verdiente. Mit diesem Gewicht mischt er sich in die Politik ein. Ökonomisch bekämpft der Libertäre jede staatliche Regulierung. Politisch wiederum liebäugelt der bekennende Katholik mit der Abschaffung der Demokratie.

Warum der Contrarian, also Andersdenkende, der sich als radikaler Intellektueller inszeniert, überhaupt nach Wien eingeladen wurde, hat mit Thiels Bibellektüre zu tun. Die Festwochen widmen sich 2026 dem Einfluss von Religionen. Da wirkte es wie ein Coup, den düsteren US-Propheten zu präsentieren. Nun erweist sich der Treffer als Flop, der Raus bisher erfolgreiche Arbeit beschädigt.

In Vorlesungen vor ausgewähltem Publikum, zuletzt in Rom, interpretiert Thiel eine Stelle aus dem Neuen Testament. Darin geht es um den göttlichen Plan einer Wiederkunft Christi. Die frühen christlichen Gemeinden rechneten mit einer baldigen Erlösung. Der Apostel Paulus warnte jedoch davor, die Anzeichen falsch zu deuten.

Fake-Propheten würden Sicherheit und Frieden versprechen. Für Paulus war das eine List des Antichristen. Zugleich hatte Paulus eine frohe Botschaft für die Verunsicherten. Es gebe eine Kraft, die sich dem falschen Messias in den Weg stelle: den Katechon, das griechische Wort für Aufhalter. Seit Thiel mit dem Katechon daherkam, werden Feuilletonisten zu Bibelforschern. Die Rede vom Antichristen wirkt skurril, aber auch angsteinflößend. Denn der Tech-Oligarch verknüpft sie mit einer politischen Agenda.

Wie der deutsche Autor Volker Weiß in seinem neuen Buch "Katechon" schreibt, diente die Figur des Aufhalters stets dazu, irdische Herrschaft zu legitimieren. Das Heilige Römische Reich verstand sich als Schutzmacht der Christenheit. Heute rechtfertigt Thiel mit dem Aufhalter seine Unterstützung der US-Regierung.

Auf den Katechon stieß Thiel durch die Lektüre des katholisch geprägten Juristen Carl Schmitt (1888-1985), eines Parteigängers der Nationalsozialisten. Schmitt machte aus der Bibel eine Waffe gegen die in seinen Augen verderbliche moderne Welt. Liberalismus und Sozialismus formulierten das trügerische Versprechen von Sicherheit und Frieden, so Schmitt. Sie würden die Menschen einlullen und ihnen die Fähigkeit nehmen, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden.

Dieser Deutung folgt Thiel. In düsteren Farben schildert er den Untergang. Er beschwört einen apokalyptischen Endkampf zwischen Gut und Böse im mythischen Armageddon. Bei ihm trägt der Antichrist die Züge eines "weltweiten Einheitsstaates", der die Individuen überwache und reguliere. Schmitts Freund-Feind-Logik folgend sucht Thiel nach Gegnern. Dazu gehört etwa die Aktivistin Greta Thunberg. Für ihn steht sie für technikfeindliche Regulierung. Thiels Theologie lehnt, reichlich unchristlich, die Segnungen des Sozialstaates ab. In einer Rede von 2009 brachte Thiel seine Vorbehalte auf den Punkt: "Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar."

Der springende Punkt in der Rede vom großen Widersacher ist die Rolle des Katechons. Bei Paulus bleibt sie vage. Schon die mittelalterlichen Theologen waren unsicher, ob damit ein Reich oder eine Person gemeint sei. Derzeit könnte es Donald Trump sein, den Thiel schon in dessen erster Kandidatur unterstützte. Oder US-Vizepräsident JD Vance, dessen Aufstieg Thiel finanziell ermöglichte. Es klinge nach dem Drehbuch eines James-Bond-Films, wenn ein steinreicher Unternehmer mit apokalyptischer Erwartung eine politische Haltung mit biblischen Bezügen untermauere, schreibt Volker Weiß. "Im Tech-Kapitalismus konnte das Szenario Realität werden."

Die Sprengkraft von Thiels Ansichten zeigt sich in einem größeren Zusammenhang. In rechten Zirkeln ist der Katechon nichts anderes als ein Codewort für die militante Ablehnung der Demokratie. In dieser extremen Denkschule fällt die Rolle des Aufhalters Russland zu. Putin habe die Aufgabe, die alte christliche Ordnung in einer Welt der Sünde zu verteidigen.

Radikale Nationalisten wie Alexander Dugin, der seinen Blog Katechon nennt, rufen gemeinsam mit der orthodoxen Kirche dazu auf, den "satanischen" Westen zu besiegen. Sie nennen den Angriff auf die Ukraine einen heiligen Krieg. Zu den Maßnahmen des Aufhalters könnte nach Ansicht des russischen Politologen Sergej Karaganov auch der Einsatz einer Atomwaffe gehören, einer "Armageddon-Waffe", gegen eine westliche Stadt. "Um allen, die die Angst vor der Hölle verloren haben, zu zeigen, dass diese existiert."

Bekannt wurde Thiel als genialer Investor, der auf Außenseiter setzte. Er finanzierte Facebook, als Anleger darin noch eine Uni-Kontaktbörse sahen. Anders als Donald Trump oder Elon Musk tritt Thiel nicht als Showman auf. Der leidenschaftliche Schachspieler zieht lieber im Hintergrund die Fäden. Wenn er doch einmal das Rampenlicht sucht, erlebt das Publikum einen verunsicherten Redner, der unter vielen Ähs abschweift.

Vor allem seine Beteiligung an Palantir, das auf die Verwertung personenbezogener Daten spezialisiert ist, machte Thiel zum Feindbild der Linken. Das lange defizitäre Unternehmen unterstützt US-Behörden beim Aufspüren von Migranten ohne Papiere oder liefert der israelischen Armee Informationen für Ziele in Gaza.

Den Kritikern reicht der Begriff Autoritarismus nicht aus, um zu beschreiben, was in Trump-Amerika derzeit geschieht: die willkürliche Deportation von Migranten, der Personenkult um den Präsidenten und die Einschränkung von Frauen-und Transgender-Rechten. Sie nennen das Faschismus.

Für sie ist es unvorstellbar, dass Thiel bei einem Festival auftritt, das für Diversität und Opposition steht. Darf man jemandem, der mit biblischer Rhetorik die Zerstörung der Demokratie fordert, das Mikrofon überreichen?

Festwochen-Chef Milo Rau versucht, politische Brisanz in die Kunst zu holen. Dafür entwickelte er Formate, die juristische und politische Institutionen nachahmen. Anfang des Jahres inszenierte er am Hamburger Thalia Theater einen "Prozess gegen Deutschland". Ein Gremium sollte prüfen, ob die rechte Partei Alternative für Deutschland verboten werden solle. Kläger und Verteidiger traten auf. Experten argumentierten dafür und dagegen. Der Prozess fand enorme Resonanz. Ganz Deutschland diskutierte, wie ein Rechtsstaat mit Feinden der Demokratie umgehen soll.

Einige Kommentatoren kritisierten, dass Rau AfD-Vertreter wie die frühere Vorsitzende Frauke Petry sprechen ließ. So würden rechtsextreme Inhalte normalisiert, lautete der Vorwurf. Auch bei den Wiener Festwochen inszeniert Rau Prozesse. 2024 ging es um den Vorwurf, die Regierung habe im Zuge der Covid-19-Pandemie zu stark in Grundrechte eingegriffen. Heuer organisiert Rau in der "Republic of Gods" Glaubenstribunale. Dort geht es um den politischen Missbrauch von Religionen.

Der Theatermacher stellt linke Wahrheiten infrage. Das Dogma "Nicht mit Rechten reden" hat an Überzeugungskraft verloren. Der Boykott konnte den Aufstieg von MAGA, FPÖ und AfD nicht stoppen. Die Verweigerung erwies sich auch deshalb als stumpfe Waffe, weil Demagogen sich in Telegram-Kanälen und Podcasts ihre eigene Öffentlichkeit schufen. So geschickt Rau bisher Kontroversen anzettelte, so hilflos wirkt er als Regisseur der Thiel-Show.

Mit einem knappen Statement sagte Rau den Hauptact des Festivals ab. Obwohl sich sowohl der Publikumsbeirat als auch der Expertenbeirat der Festwochen für die Einladung ausgesprochen hatten, zog Rau den Stecker. Immer mehr Beteiligte des künstlerischen Programms hätten ihre Teilnahme abgesagt, heißt es in dem Schreiben. Daher die Entscheidung: "Thiel ja, aber nicht um jeden Preis."

Die Festwochen ziehen ein junges, politisch waches Publikum an, das in Thiel nicht den Aufhalter, sondern den Beelzebub sieht. "Verdammt jämmerlich dieser asoziale Milliardär", schrieb ein User auf Facebook. "Psychos unter sich", ätzte ein anderer. Erste Teilnehmer zogen Konsequenzen. Der französische Soziologe Geoffroy de Lagasnerie sollte über "Kunst und Widerstand" sprechen und sagte ab. Man könne nicht Faschismus bekämpfen und zugleich einen seiner aktivsten Vertreter legitimieren, schrieb de Lagasnerie.

Um den Protest aufzufangen, ließ Rau im Odeon Theater über Pro und Contra diskutieren. Auf dem Podium saß neben Rau auch der Innsbrucker Theologe Wolfgang Palaver, der Thiel seit dem Studium in Stanford kennt. Er war für den 7. Juni im Hotel Intercontinental als Gesprächspartner des Tech-Denkers vorgesehen. Palaver kündigte an, Thiels "gefährliche Vermischung von Politik und Religion" zu kritisieren.

Die Politikwissenschaftlerin Monika Mokre gab Contra: "Thiels Theologie ist nicht das Problem, sondern dass er mit seinem Geld die Politik beeinflusst." Rau schilderte das Verfahren. Mehrere Experten würden Thiels Ausführungen kommentieren. Der Stargast habe auch Fragen aus dem Publikum akzeptiert.

Doch ganz so free speech war das geplante Event nicht. Ursprünglich wollte Rau, dass der Falter die Debatte moderiert, aber das lehnte Thiel ab. Der Falter sei nicht neutral genug, schrieb er unter anderem an Chefredakteur Florian Klenk. Eine amüsante Pointe in dieser Posse um Redefreiheit. Natürlich handelt es sich bei Palaver auch nicht um eine kritische Instanz, sondern einen alten Kumpel, der von Thiel zum Abendessen nach Los Angeles eingeflogen wird.

Woher kam also Raus Rückzieher? Offenbar rollte hinter den Kulissen bereits eine Boykottwelle, die nicht nur Rau selbst, sondern dem ganzen Festival geschadet hätte, nach dem Motto: "Fahrt nicht zu den Wiener Faschismuswochen!"

Der Umfaller zeichnete sich schon in einem Gespräch ab, das der Falter am 28. Mai mit der Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) führte. Darin ging Kaup-Hasler auf Distanz zu ihrem einstigen Liebling Rau, den sie 2024 nach Wien geholt hatte: "Als Intendantin würde ich solchen Faschisten keine Plattform bieten, denn eine solche Einladung muss sehr bedacht eingebettet werden."

Die Absage Thiels entlarvt Raus "Republik" als Farce. Der Intendant verschanzt sich hinter Beiräten und Beratungsgremien. Zuerst schickt er den linksliberalen Falter vor, um die erwartbare Empörung abzulenken. Am Ende knickt er vor einem angeblichen Shitstorm ein, dessen Urheber anonym bleiben.

Es sei blauäugig, Demagogen entzaubern zu wollen, warnte Kaup-Hasler. Auf die Frage, ob ein berühmter Mann wie Thiel vom Bürgermeister empfangen würde, antwortete sie: "Auf keinen Fall. Das Rathaus besteht auf Maximalabstand." Möglicherweise bekreuzigte sich ein Erzengel im Rathaus, als der Leibhaftige aus Trumpistan aufgehalten wurde.

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