von Elfriede Jelinek

Kurzbeschreibung des Verlags
Die Wege des Geldes sind unergründlich. Trotzdem bestimmt es unser Leben, also verfolgt Elfriede Jelinek hartnäckig seine Spur. Von der Bibel bis zu René Benko, von blanker Gier bis zu raffiniert getarnter Korruption, von Klassenkampf bis zu blutigen und kostspieligen Kriegen reicht die ewig währende Geschichte, die Jelinek diesmal jedoch ganz aus der Sicht von Tieren erzählt. Immer verständnisloser, dafür mit wachsendem Sarkasmus betrachten Kühe, Schweine, Tauben, das Lamm Gottes oder auch der «Für und Widder» uns Menschen dabei, wie wir konsequent an unserem selbst verschuldeten Unglück arbeiten – und am Ende ungebremst und fröhlich in die Apokalypse des Kapitalismus rasen. Denn klar ist in Unter Tieren : Die Welt ist aus den Fugen, und der Finanzmarkt wird es wohl nicht richten.
«Elfriede Jelineks virtuose Radikalität wirft ein Licht auf Schattenzonen unserer Zeit, das gleißender nicht sein könnte.» Neue Zürcher Zeitung
FALTER-Rezension
Tanz den René Benko!
Klaus Nüchtern in FALTER 25/2026 vom 17.06.2026 (S. 28)
Die Viecher sind gut drauf. Jedenfalls auf dem Cover von Elfriede Jelineks aktuellem Opus "Unter Tieren". Hase, Affe, Kuh &Co legen eine flotte Sohle aufs Parkett.
Sie sind freilich gar nicht echt, sondern aus Plüsch, und wer mit dem Œuvre der Literaturnobelpreisträgerin von 2004 nur einigermaßen vertraut ist, wird ahnen, dass der Schein der Gaudi trügt.
Und just so verhält es sich auch. Im Text selbst, der übrigens keine Genrebezeichnung trägt, werden die letzten Dinge verhandelt: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Oder um es mit dem monetären Twist auszudrücken, der die meisten dieser zwischen Existenzphilosophie und Geldtheorie changierenden Reflexionen auszeichnet: "Woher kommt das Geld, wohin geht es, was ist es, warum ist es was und warum so wenig?"
Haben sich viele Linke zuletzt identitätspolitischen Fragestellungen zugewandt, in deren Mittelpunkt die Kategorien race, gender und -deutlich seltener -class stehen, so bleibt die notorisch pessimistische Feministin Jelinek hartnäckig beim guten alten "It's the economy, stupid!". Sie interessiert sich weniger für kulturelle als für finanzielle Appropriation; und wie schon in ihrer Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" (2009) ist die im typischen Jelinek-Sound vorgetragene Suada mit zahlreichen Realien gespickt, die als "Fall" und "Skandal" vor nicht allzu langer Zeit durch die Medien gerauscht sind.
Eine Figur wie Thomas Schmid, einst Alleinvorstand der Staatsholding ÖBAG sowie Handlanger von Bundeskanzler Sebastian Kurz und mittlerweile Kronzeuge in der sogenannten Casinos-Affäre, werden die meisten noch kennen. Namentlich nicht genannt findet er sich - weil die Leute immer "so viel in ihre diversen Kleingeräte schreiben müssen" - mit einer Abwandlung seines berühmtesten "Sagers" vertreten, der hier einer Stockente in den Schnabel gelegt wird: "Versteht ihr nicht, ich habe doch vorhin schon gesagt: Diese Christl-Partei ist die Hure der Reichen?"
Ein Dachböden ausbauender Schulabbrecher ist unschwer als der Investor und Konkurskaiser René Benko zu identifizieren, Helga K. schon nicht mehr ganz so leicht als jene Finanzbeamtin, die dem "Sigi", also dem Manager Siegfried Wolf, zu einer satten Steuererleichterung hätte verhelfen sollen.
Es wäre freilich nicht Jelinek, hätte es mit diesen tagespolitischen Bezügen sein Bewenden. Abseits davon geht ein wahrer Platzregen an Anspielungen, Assoziationen und Referenzen hernieder: von der antiken Mythologie -wer war schnell noch einmal Epaphos? - über Parmenides, Platon und Marx (sowohl Karl als auch Groucho) bis hin zu dem im Anhang bedankten Wirtschaftssoziologen Aaron Sahr.
Der hat sich in seinen Büchern mit digitalem Geld und dem mysteriösen Wesen des Kredits befasst, von dem sich auch die Autorin fasziniert zeigt -mit den Worten eines Fuchses und in alter s-Schreibung: "Sie glauben doch nicht, daß Eigentum als Sicherheit für einen Kredit nötig ist? Es ist keinesfalls die Bedingung dafür, höchstens ein Mittel zu seiner Aushandlung. [] Sie können den Rohbau Ihres Häuschens also gleich wegschmeißen, die Bank braucht ihn nicht, niemand braucht das, was schon da ist."
"Sie werden lachen, die Bibel!", hat Bert Brecht einst die Frage nach seiner Lieblingslektüre beantwortet. Man ist geneigt, Elfriede Jelinek ein ähnliches Faible zu unterstellen. "Ich bin gespannt, werde es aber leider nicht abwarten können, daß ich eine christliche Schriftstellerin werde", beteuert sie nicht unkokett in ihrem jüngsten Opus hinter der Maske eines Esels. Ihre Verwurzelung im Kosmos der christlichen Ideenwelt und Mythologie belegen allein schon ihre drei von sieben Todsünden gewidmeten Romane "Lust"(1989),"Gier"(2000) und - nur online veröffentlicht -"Neid" (2008); und im Interview mit dem Falter, das anlässlich der Uraufführung ihres Stückes "Das Werk" im April 2003 geführt wurde, gestand sie: "Ja, ich bin ein kleines barockes Racheengerl."
Der Verweis auf den Barock ist gleich mehrfach triftig. Mit dem Sprachfuror eines Bußpredigers ebenjener Epoche liest Jelinek gleich der ganzen Gattung Mensch die Leviten, predigt dieser, dass alles irdische Streben, erst recht jenes nach dem Mammon eitel und alles Fleisch wie Gras ist: "Dann das liebe Geld. Tod und Geld, sie sind Geschwister, und sie haben Arschgesichter." Abraham a Sancta Clara hätte es nicht bündiger sagen können.