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SPÖ in der Krise?

06.10.2026: von Peter Michael Lingens

Wäre Markus Marter­bauer ge­sund, die SPÖ sähe nach dem Zwi­schen­spiel mit der For­de­rung Ger­hard Zei­lers, ihren Vor­sitz zu über­neh­men, deut­lich ge­stärkt in die Zu­kunft: Mar­kus Marter­bauer wäre neuer Par­tei­chef, Vize­kanz­ler und künf­ti­ger Kanz­ler­kan­di­dat. Aber er hat Krebs und so ist es vor­erst nur zur zweit­bes­ten Lö­sung ge­kom­men: Der Finanz­mi­nis­ter wird erst im kom­men­den Jahr Vize­kanz­ler sein, denn die­se bei­den Funk­tio­nen schei­nen nach Ende einer Chemo­thera­pie ver­ein­bar. Bab­ler wird de facto ab­ge­löst, in­dem ihm Klub­ob­mann Philip Kucher und Wis­sen­schafts­mi­nis­terin Eva-Maria Holz­leit­ner zur Seite ge­stellt wer­den, wo­bei ihm Holz­leit­ner als „ge­schäfts­füh­rend“ de facto über­ge­ord­net ist. Die­ses Trio führt die Par­tei jeden­falls in den kom­men­den Monaten.

Danach gibt es zwei Mög­lich­kei­ten: Sollte Mar­ter­bauer seine Krebs­er­kran­kung völ­lig über­wun­den ha­ben, kann er auch den Par­tei­vor­sitz über­neh­men, ist er ge­sund­heit­lich noch nicht so weit, bleibt es vor­erst beim Duo Kucher-Holz­leitner.

Eine schlechte Lösung ist auch das nicht: Beide wer­den die Stand­punkte der SPÖ in TV-Dis­kus­sio­nen elo­quen­ter als Bab­ler ver­tre­ten. Ich per­sön­lich habe nie ver­stan­den, dass er an die Spit­ze der SPÖ ge­langt ist. Eine poli­tisch düm­mere Be­haup­tung als die, die EU sei „das ag­gres­sivste poli­ti­sche Bünd­nis, das es je ge­ge­ben hat“, kann man als Er­wach­se­ner kaum ma­chen. Bab­ler war ein hoch­an­stän­di­ger, tüch­ti­ger Bür­ger­meis­ter von Trais­kir­chen und es spricht für ihn, dass er Mar­ter­bauer als Finanz­mi­nis­ter wollte, aber zum Par­tei­vor­sit­zen­den war er in mei­nen Au­gen nie ge­eig­net. Schon sein da­ma­li­ger Wider­sacher Hans Peter Dos­ko­zil hat zu­min­dest keine ver­gleich­bar dum­me Be­haup­tung zur EU ge­macht und hät­te den Vor­teil ge­habt, von der Be­völ­ke­rung als mi­gra­tions­kri­tisch wahr­ge­nom­men zu wer­den. Marter­bauer zie­he ich per­sön­lich bei­den als SPÖ Chef deut­lich vor, ob­wohl er nicht den Vor­teil hat, als mi­gra­tions­kri­tisch zu gel­ten. Aber er hat den Vor­teil öko­no­misch un­gleich ge­bil­de­ter zu sein und das scheint mir es­sentiell. 

Die SPÖ kaputtschreiben = die FPÖ fördern

Ob die SPÖ aus den Ent­schei­dungen der letz­ten Tage ge­stärkt her­vor­geht, wird vor al­lem da­von ab­hän­gen, wie die Me­dien die­se Ent­schei­dun­gen be­ur­tei­len. Un­mit­tel­bar nach­dem die ZIB2 sie be­kannt ge­ge­ben hat, ha­ben unter der Lei­tung von Su­sanne Schna­bel Chris­tian Nus­ser für die Kronen­zeitung, Gerold Ried­mann für den Standard, Johanna Hager für den Kurier und Anne­liese Roh­rer für die Presse da­rüber dis­ku­tiert und es ein­hel­lig als desas­trös be­urteilt.

Bleiben die von ihnen ver­tre­te­nen Zei­tun­gen bei die­sem Ur­teil, dann hat die SPÖ ge­ringe Chan­cen und der fort­ge­setzte Triumph­zug der FPÖ ist ge­si­chert. Aber zu­min­dest der erste große Kom­men­tar des Standard deckte sich nicht mit der Aus­sage Ried­manns, der mei­nes Er­ach­tens ein sehr viel bes­se­rer Or­gani­sa­tor als Kom­men­ta­tor der von ihm ge­führ­ten Zei­tung ist. Der Kurier, als mitt­ler­weile reine ÖVP-Zei­tung und die Presse, die das im­mer war, dürf­ten bei dem von Hager und Anne­liese Roh­rer ver­tre­te­nen Ur­teil blei­ben, ob­wohl die­se Ab­wer­tung der SPÖ die von ÖVP-Chef Chris­tian Stocker ge­führte Re­gie­rung mas­siv zu Las­ten der FPÖ schwä­chen muss. Der erste Kom­men­tar der Kronen­zei­tung nennt den Zu­stand der SPÖ zwar eben­falls „desas­trös“, be­grün­det die­ses Ur­teil aber in aber in kei­ner Wei­se. Ent­schei­dend dürf­te die Be­richt­er­stat­tung des ORF sein. Nimmt auch er keine Kor­rek­tur des in mei­nen Au­gen fal­schen Bil­des einer cha­oti­schen Ent­wick­lung der SPÖ vor, so wird auch er zum Wahl­hel­fer der FPÖ.

Falscher EU-Politik ist keine Mitte gewachsen

Den Abstieg der SPÖ, in Wirk­lich­keit der sozi­al­demo­kra­ti­schen Par­teien fast al­ler Län­der der EU zu er­klä­ren, fällt den Me­dien durch­wegs denk­bar schwer. Der Standard be­män­gelt etwa zu­recht die Zer­strit­ten­heit in­ner­halb der SPÖ, aber auch die längst nicht so zer­strit­tene SPD tau­melt. Doch auch die christ­lich-sozia­len oder die grü­nen Par­teien, in Wahr­heit al­le Par­teien der Mit­te, ver­lie­ren an Zu­stim­mung ge­gen­über Rechts­po­pulisten.

Die entschei­dende Ur­sache da­für ist in der EU das Zu­sam­men­tref­fen ihrer grund­sätz­lich fal­schen Wirt­schafts­poli­tik mit der durch di­ver­se Krie­ge aus­ge­lös­ten star­ken Mi­gra­tion. Ob­wohl für seri­öse Öko­no­men klar ist – man be­fra­ge die künst­li­che In­telli­genz – dass je­mand sich ver­schul­den muss, um Wachs­tum zu ge­ne­rie­ren, ver­bie­tet die EU-Kom­mis­sion mit den Maast­richt-Kri­te­rien die der­zeit not­wen­dige Ver­schul­dung des Staates. Gleich­zei­tig hat sie, ob­wohl das ihre Auf­gabe wäre, nicht ver­hin­dert, dass Deutsch­land mit sei­ner Lohn­zu­rück­hal­tung al­len EU-Mit­glie­dern ein nied­ri­ges Lohn­ni­veau auf­ge­zwun­gen hat, unter dem vor al­lem die unte­ren so­zia­len Schich­ten lei­den, die zu­gleich durch die Zu­wan­de­rung aus är­me­ren Län­dern Druck auf die Löhne und Kon­kur­renz bei So­zial­leis­tun­gen ver­spü­ren. So­lange die EU bei die­ser Poli­tik bleibt, wer­den die rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­teien die demo­kra­ti­schen Par­teien, seien sie christ­lich-sozi­al oder so­zia­lis­tisch, an die Wand drän­gen, gleich­gül­tig ob Andreas Bab­ler oder Hans-Peter Dos­kozil die SPÖ führen.

Österreichs Chance durch Marterbauer

Markus Marter­bauer hat den großen Vor­teil, zu wis­sen, wie falsch die Poli­tik der EU ist, ob­wohl er ver­sucht, unser Defi­zit­ver­fah­ren, das dümms­ter Aus­druck die­ser fal­schen Poli­tik ist, mög­lichst scho­nend ab­zu­wickeln. Doch er ge­hört zu den weni­gen Poli­ti­kern, die ver­su­chen wer­den, in­ner­halb der EU- Kom­mis­sion Ver­bün­dete für eine Re­form der Maast­richt- Kri­terien zu fin­den. Des­halb ist so sehr zu hof­fen, dass er ge­sund wird und die SPÖ in ihrer Ge­samt­heit über­nimmt.

Es ist keine „un­mensch­li­che Zu­mu­tung“ (Anne­liese Rohrer), dass er dem­nächst trotz sei­ner Er­kran­kung die Funk­tion des Vize­kanz­lers über­nimmt, son­dern das Ver­trauen so vie­ler Men­schen, das damit ver­bun­den ist, ist ge­eig­net, sei­ne Ge­sun­dung be­för­dern. Es ist wirk­lich das Kaputt­schrei­ben der SPÖ, das Öster­reichs Chance, ei­ner Re­gie­rung der rechts­ex­tre­men FPÖ zu ent­ge­hen, mini­miert. Die Re­gier­ung Stocker, Marter­bauer, Beate Meinl-Reisin­ger kann sich über die­se Wahl­perio­de hi­naus hal­ten, wenn es Marter­bauer an­ders als Bab­ler ge­lingt, sei­ne bei­den Part­ner da­von zu über­zeu­gen, dass adä­qua­te ver­mögens­be­zo­gene Steu­ern der ein­zi­ge gang­bare Weg aus der von der EU-Kom­mis­sion ver­ur­sach­ten öko­no­mi­schen Pro­ble­ma­tik sind. Im Mo­ment könnte mit den Ein­nah­men aus die­sen Steu­ern eine zu­sätz­li­che Ver­schul­dung ver­mie­den wer­den und in Zu­kunft könnte man die Lohn­steu­ern um den Be­trag sen­ken, den ver­mö­gens­be­zo­gene Steu­ern – voran adä­quate Grund­steu­ern und eine Erb­schafts­steuer – ein­brin­gen. Nur das dämpf­te die Un­zu­frie­den­heit, die Ge­ring­ver­die­ner der­zeit durch­wegs die FPÖ wäh­len lässt.

Ich möchte die­se meine Be­haup­tung ein­mal mehr öko­no­misch unter­mauern: Die Wirt­schaft kann nur wach­sen, wenn Unter­neh­men mehr ver­kau­fen. Sie kön­nen nur mehr ver­kau­fen, wenn mehr ein­ge­kauft wird. Dem Staat wird durch die Maast­richt-Kri­te­rien wei­test­ge­hend ver­boten, mehr ein­zu­kau­fen. In die­sem Klima spa­ren aber im­mer auch die Kon­su­men­ten und kau­fen eben­falls nicht mehr ein. Das ist die öko­no­mi­sche Basis der Wachs­tums­schwäche der EU. Da­ge­gen ver­wan­del­ten Ein­nah­men aus adä­qua­ten ver­mö­gens­be­zo­ge­nen Steu­ern, vor­an Grund­steu­ern und Erb­schafts­steu­ern, große Tei­le des von den Kon­su­men­ten und Unter­neh­men der­zeit ge­spar­ten Gel­des in Geld, das der Staat trotz vor­ge­schrie­be­nem Spa­rens in­ves­tie­ren könnte. Er könnte da­mit mehr Ein­käufe tä­ti­gen, d.h. die Wirt­schaft an­kur­beln. Dass ÖVP und NEOS (und übri­gens auch Ger­hard Zei­ler) sich die­ser Er­kennt­nis so stur ver­schlie­ßen, zeugt von man­geln­dem volks­wirt­schaft­li­chem Ver­ständ­nis: Bei­de wol­len ihre Klien­tel be­die­nen, statt zu be­grei­fen, dass es auch der am bes­ten ginge, wenn der Staat mehr aus­gäbe und mehr Men­schen mehr ver­dien­ten, um mehr ein­zu­kaufen.

Posted by Wilfried Allé Tuesday, October 6, 2026 7:14:00 AM
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