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Nelka 

Roman - Welche Spuren die gewaltvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts und Zwangsarbeit hinterlassen haben, ...

von Svenja Leiber

ISBN: 9783518432761
Sprache: Deutsch
Themen: Belletristik
Historischer Roman
Erscheinungsdatum: 18.02.2026
Verlag: Suhrkamp
Umfang: 204 Seiten
Format: Hardcover
Preis: € 24,70
Kurzbeschreibung des Verlags

Lemberg, 1941. Die sech­zehn­jäh­rige Nelka wird von Sol­da­ten auf­ge­grif­fen und mit zahl­rei­chen Mäd­chen und Frauen nach Wes­ten ver­schleppt. Auf einem nord­deut­schen Guts­hof wer­den sie zu schwe­rer Ar­beit ge­zwun­gen. Ihr Va­ter hat­te Nelka früh im Obst­bau unter­rich­tet, und schon als Kind hat­te sie ihm beim Ver­edeln der Apfel­bäu­me ge­hol­fen. Dank die­ses Wis­sens kann sie sich an­fäng­lich der Zu­dring­lich­keit des Guts­ver­wal­ters er­weh­ren. Sie plant den Apfel­an­bau für ihn, und die Plan­ta­gen be­sche­ren ihm nach dem Krieg ein Ver­mö­gen. Jahr­zehnte spä­ter kehrt Nelka an den Ort ihres Lei­dens zu­rück. Sie will, dass Mar­ten sich an das er­innert, wo­von sie selbst sich end­lich be­freien muss.

Welche Spuren die gewalt­vol­le Ge­schichte des 20. Jahr­hun­derts und Zwangs­ar­beit hin­ter­las­sen ha­ben, bis in die Ge­gen­wart und Land­schaf­ten hi­nein, das macht Svenja Leiber in ihrem neuen Roman sich­tbar. Sie er­zählt von Frauen, deren Wis­sen und Kör­per aus­ge­beu­tet wur­den, die sich in Freund­schaft ver­ban­den und sich so ge­gen Er­nied­ri­gung und Bru­ta­li­tät stemm­ten. Nelka be­leuch­tet ihre Schick­sale hell­wach und sen­si­bel – und be­wahrt die Er­inne­rung an sie.

FALTER-Rezension

Die verlorene Unschuld der Apfelbäume

Julia Kospach in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 16)

Über alles wächst irgend­wann irgend­was, Haut, Gras, Nar­ben, Rinde“, denkt der alt ge­wor­dene Mar­ten Wil­helm­sen, um sich zu be­ruhi­gen. Den nord­deut­schen Apfel­plan­ta­gen­be­sit­zer hat ein Brief er­reicht, der ihn wie „et­was sehr Dump­fes und Dunk­les über­kommt“. Er ent­hält keine Dro­hungen oder For­de­run­gen wie die Briefe, die seit eini­gen Jah­ren auch bei an­de­ren Be­woh­nern der Ge­gend ein­tref­fen, son­dern die An­kün­di­gung eines Be­suchs. „Nicht dass er nie mehr an sie ge­dacht hät­te, aber wenn, dann in dem Ver­such, eben nicht an sie zu den­ken. Über Jahre war ihm das auch ge­lungen.“

Diese Szene bildet den Auf­takt zu Svenja Leibers neuem, sechs­tem Roman „Nelka“. Er er­zählt eine fik­tive Ge­schichte, ist je­doch ins­pi­riert vom rea­len Brief einer ehe­ma­li­gen ukrai­ni­schen Zwangs­ar­bei­te­rin, die als Mäd­chen in das schles­wig-hol­stei­ni­sche Her­kunfts­dorf der Auto­rin ver­schleppt wor­den war – wie diese im Nach­wort schreibt.

Es ist ein Schicksal, das rund 20 Mil­lio­nen Men­schen vor al­lem aus der Ukra­ine und Po­len er­eilte, die wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs in Nazi-Deutsch­land Zwangs­ar­beit leis­ten muss­ten. Auch Leibers Titel­hel­din, die 16-jäh­rige Nelka, wird im Som­mer 1941 aus ihrem Lem­ber­ger Le­ben ge­ris­sen, in einen Zug ge­pfercht und steht bald da­rauf in einer lan­gen Reihe, an der Bauern, Grund­be­sit­zer, Ver­wal­ter und Fabri­kan­ten ent­lang­schrei­ten, die „Ge­bis­se und Hän­de“ der Ver­schlepp­ten ta­xie­ren und sich Ar­beits­skla­vin­nen aus­wählen.

Nelka und einige Leidens­genos­sin­nen lan­den auf dem von Marten ver­wal­te­ten Gut. Er holt sie – ein fürch­ter­li­ches Pri­vi­leg – von der Feld­ar­beit ins Haus und beu­tet sie über Jahre in mehr­facher Hin­sicht aus. Zum ei­nen stellt Nelkas Wis­sen über den Obst­bau, das sie von ihrem er­mor­de­ten Va­ter hat, die Vor­aus­set­zung für Martens Nach­kriegs­wohl­stand dar; zum an­de­ren wird ihr Kör­per zur Kampf­zone: Der deut­sche Her­ren­mensch be­gehrt ihn und fürch­tet zu­gleich, sich zu be­su­deln. Es ist ein Teufels­tanz zwi­schen All- und Ohn­macht, der in sei­ner schwe­len­den, all­ge­gen­wär­ti­gen Be­dro­hung für die Pro­ta­go­nis­tin von der Auto­rin gran­dios ins­ze­niert wird.

Leiber erzählt in Rück­blicken, die Marten und Nelka um­trei­ben, wäh­rend sie ein­an­der in der Rah­men­hand­lung des Ro­mans nach Jahr­zehn­ten für ei­nen Abend wie­der­be­geg­nen. Das Er­lit­tene hat Nelka, in­zwi­schen Groß­mut­ter und in ihren Sech­zi­gern, „für immer er­schöpft“. Nun soll Marten an das er­in­nert wer­den, was sie end­lich ab­schüt­teln möchte.

Das Wieder­sehen mit ihrem ehe­ma­li­gen Pei­ni­ger ist weni­ger Ab­rech­nung als wort­kar­ges Kam­mer­spiel. Die eigent­li­che Hand­lung voll­zieht sich in den Köp­fen der bei­den, die nach dem ge­mein­sa­men Abend­es­sen schlaf­los in ihren Bet­ten lie­gen. Ihr Le­ben zieht in Ge­dan­ken an Nelka vor­über, wäh­rend Marten seine Auf­ge­wühlt­heit hin­ter der typi­schen Selbst­recht­fer­ti­gungs­rhe­to­rik ei­nes nie be­straf­ten NS-Tä­ters und Profi­teurs zu ver­ber­gen trachtet.

In ruhigen, knap­pen Sät­zen, die die vie­len Zwi­schen­töne umso kla­rer klin­gen las­sen, er­zählt Svenja Leiber in „Nelka“ ihre tief­trau­ri­ge Ge­schichte ei­ner stil­len, wider­stän­di­gen Über­le­ben­den. Zu­gleich spie­gelt sich in die­ser das ge­samte his­to­ri­sche Un­recht von Zwangs­ver­schlep­pung, Ge­walt, Miss­brauch und Ab­hän­gig­keit, die ihre Spu­ren nicht nur in Kör­pern, Frauen­kör­pern zu­mal, hin­ter­las­sen ha­ben, son­dern eben­so in der Land­schaft, die bis in die Ge­gen­wart sicht­bar von den Hän­den der Ver­sklav­ten mit­ge­stal­tet wurde.

In „Nelka“ sind es die Obst­bäume, die, vor Jahr­zehn­ten ge­setzt, im­mer noch für die Sicht­bar­keit der Ver­gan­gen­heit sor­gen. Auch Nelka selbst er­in­nert sich an das, was ihr ihr Vater einst über das Auf­zie­hen jun­ger Apfel­bäu­men bei­ge­bracht hat: „Es sei wie bei den Men­schen, man müs­se sie leh­ren, so zu wach­sen, dass ihnen größere Last leich­ter werde.“ In man­chen Mo­men­ten ist die­ser Ge­dan­ke der jun­gen Zwangs­ar­bei­te­rin eine Stütze.

Posted by Wilfried Allé Saturday, August 15, 2026 10:20:00 PM Categories: Belletristik/Hauptwerk vor 1945 Historischer Roman
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