von Bill McKibben

Kurzbeschreibung des Verlags
Every eighteen hours, the world puts up a nuclear power plant's-worth of solar panels. At the same time, combustion continues to melt the poles, poison our bodies and drive global inequality. It is no longer necessary: For the first time in 700,000 years, we know how to catch the sun's rays and convert them into energy.In Here Comes the Sun, Bill McKibben tells the story of the spike in power from the sun and wind. McKibben traces the arrival of plentiful, inexpensive solar energy, which, if it accelerates, gives us a chance not just to limit climate change's damage but to reorder the world. Getting there means overcoming obstacles like Big Oil, but McKibben sees a chance for a new civilisation that looks to the sun as the star that fuels our world.
FALTER-Rezension
"Klimaaktivisten waren lange Spaßbremsen"
Katharina Kropshofer in FALTER 24/2026 vom 10.06.2026 (S. )
Bill McKibben ist sich sicher: Wir stehen gerade an einem Kipppunkt. Doch er meint das nicht unbedingt negativ. Lange hatte der 65-Jährige vor dem Klimawandel gewarnt, mit "Das Ende der Natur" lieferte er 1989 das erste populärwissenschaftliche Buch über die Erderhitzung. Er gründete die Organisation 350.org, organisiert Klimaproteste für alle Altersgruppen, gilt als einer der wichtigsten Berater des Vermonter Senators und ehemaligen demokratischen Prävsidentschaftskandidaten Bernie Sanders und prägte den Begriff "Divestment", also "Desinvestition". Regierungen, Unternehmen oder Universitäten stecken ihr Geld oft in Fonds, die fossile Energie fördern. McKibben brachte bis ins Jahr 2024 mehr als 1600 Organisationen dazu, ihre fossilen Veranlagungen aufzugeben. Dem Ölgeschäft fehlten dadurch 40 Trillionen US-Dollar.
Nun, 50 Jahre nach dem Beginn seiner Aktivitäten, hat er sichtlich gute Laune. Nicht nur, weil es dem amtierenden Präsidenten Donald Trump bei den im Herbst anstehenden Midterms an den Kragen gehen könnte (sein Krieg gegen den Iran ist nicht sonderlich populär), sondern weil er gerade den Beginn einer kleinen Revolution wahrnimmt. Zu tun hat das mit dem "guten Wetter", der Sonne, die an diesem Maitag über seinem Haus in Vermont scheint.
Falter: Herr McKibben, was macht Solarstrom so überzeugend -auch im Vergleich zu anderen erneuerbaren Quellen?
Bill McKibben: Ein simpler Grund: Sonnenenergie ist billig. Für Geothermie muss man etwa tief graben, viele Schächte und Leitungen bauen. Das dauert. China hat vergangenen Frühling drei Gigawatt an Solarenergie gebaut - pro Tag. Das entspricht der Energie eines ganzen Kohlekraftwerks. Und Solarenergie ist furchtbar simpel: Alles, was sie braucht, ist ein rudimentäres Stahlgerüst und ein Stück Glas. Im Moment verdoppeln wir die Anzahl der Solaranlagen weltweit alle 18 Monate. Dabei sinkt der Preis jedes Mal um ein Viertel. Auch Atomkraft kann da preislich nicht mithalten.
Vor rund einem Monat ging die Santa-Marta-Konferenz in Kolumbien zu Ende. 57 ambitionierte Staaten kamen zusammen, um den Abschied von fossilen Brennstoffen zu beschleunigen. Die USA wurden gar nicht erst eingeladen. Gibt es Klimaschutz ohne den historisch größten Verschmutzer?
Bill McKibben: Die USA sind weiterhin für elf Prozent der globalen Emissionen verantwortlich - das ist viel. Außerdem exportiert das Land nicht nur massenhaft Öl, sondern auch die wahnsinnigen Ideen und Klimalügen unseres Präsidenten. Aber Fortschritt ohne die USA ist natürlich möglich. Donald Trump ist nicht Jesus.
Man könnte Trump auch "danken". Mit dem Angriff auf den Iran und den daraus resultierenden hohen Ölpreisen wurde der Ausbau Erneuerbarer weiter beschleunigt.
McKibben: Trump wird als größter Elektro-Verkäufer in die Geschichte eingehen! Wir schwimmen allerdings weiter in unserem eigenen Öl. Aber die wegweisenden Entscheidungen werden ohnehin woanders getroffen: in Indien, Malaysia oder Vietnam. Leute auf der ganzen Welt blicken Richtung Iran und verstehen, dass Sonnenlicht zwar 150 Millionen Kilometer auf die Erde wandern muss, aber nichts davon durch die Straße von Hormus.
Beobachten wir gerade also das Ende der fossilen Brennstoffe in Echtzeit?
McKibben: Auf gewisse Weise ja. Zumindest verstehen wir, wie wir sie bremsen können. Aber auch, wie die Öl-und Gasindustrie dagegenhält. Ihre Werkzeuge sind Geld, Korruption und Missinformation. Unsere Stärken sind Organisation, Information -und seit kurzem auch die Ökonomie. Die Klimabewegung hat ihren Kampf 35 Jahre in einer Welt geführt, in der fossile Brennstoffe günstig und erneuerbare Energiequellen relativ teuer waren. Nun hat sich die Gleichung umgekehrt.
Es ist nicht das erste Mal, dass Menschen die Sonne als Energiequelle nutzen wollen. In seinem Buch "Here Comes the Sun" (das bisher nur auf Englisch erschienen ist) zeichnet McKibben auch die Ideengeschichte dieser Energieform nach: von Leonardo da Vinci, der bereits darüber nachdachte, wie man Sonnenenergie "ernten" könnte.
Über die Bell Labs, die 1954 Chips aus Silikon dafür entwickelten. Länder wie Pakistan, die vom Nachbarn China profitieren und innerhalb eines Jahres ein Drittel ihres Stromnetzes bauten. Und über die politischen Maßnahmen, die nun zu dem gewaltigen Preissturz geführt haben: Einspeisetarife in Deutschland, den Anstieg der Nachfrage, die wiederum eine Neuausrichtung Chinas bewerkstelligt haben. Die Herausforderungen heute sind also politischer und bürokratischer Natur -nicht technischer. McKibben betont eines immer wieder: Diese Energieform ist nicht nur für die Eindämmung des Klimawandels gut, sondern auch äußerst demokratisch.
Es scheint einen Link zwischen fossilen Brennstoffen und autoritären Regimen zu geben. Was wäre das politische Äquivalent für Erneuerbare?
McKibben: Erneuerbare Energiequellen sind nicht die Garantie für andere, demokratische Ergebnisse. Dafür müssen Sie nur nach China schauen. Aber sie haben das Potenzial zu einer befreienden Kraft, weil sie dezentral sind: Die meisten Orte der Welt haben kein Öl, kein Gas und keine Kohle. Aber jeder Mensch kann Solarpaneele installieren. Auch wenn es Solar-Milliardäre geben wird, werden sie niemals so reich werden wie der König von Saudi-Arabien oder John D. Rockefeller.
Wieso wird "Big Oil" nicht zu "Big Solar"?
McKibben: Der Chef des Energiekonzerns ExxonMobile hat es vergangenes Jahr selbst erklärt: Sie werden nie in Erneuerbare investieren, weil sie keine "überdurchschnittlichen Renditen für Investoren" hergeben. Viele Ölfirmen haben über Jahre floriert, weil sie ein Produkt haben, das sie horten und verteilen können, wie sie wollen. Die Idee, dass die Sonne jederzeit gratis Energie erzeugen kann, ist in ihren Augen das schlechteste Geschäftsmodell aller Zeiten. Also versuchen sie es natürlich zu stoppen. Der Wandel würde schneller passieren, könnte Exxon die Sonne besitzen.
Wie bremsen Ölfirmen den Ausbau?
McKibben: In Form von bezahlter Missinformation oder im Falle der USA, indem diese Unternehmen einfach politische Parteien kaufen. Trump sagte öffentlich, dass die Ölindustrie alles, was sie will, bekommt - solange sie ihn monetär unterstützt. Am Ende waren es eine halbe Milliarde in Form von Spenden, Werbung und Lobbying.
Sie schreiben, dass sich Medien oft in den Geschichten rund um die "dunkle Seite" der Erneuerbaren verlieren: die unethischen Arten, wie seltene Erden abgebaut werden, etwa. Kann man all das wirklich einfach so beiseiteschieben?
McKibben: Es ist wichtig, dass wir darüber nachdenken und am Recycling arbeiten, aber es ist kein Grund, den Ausbau zu verlangsamen. Nehmen wir das Beispiel Lithium. Der Abbau ist problematisch. Aber packt man es in eine Batterie, dann bleibt es dort für 25 Jahre. Baut man Kohle ab, dann verbrennen wir sie sofort - und müssen wieder zurück in den Bergbau. Es landet dann als CO2 in der Atmosphäre. Das Rocky Mountain Institut hat berechnet, dass die Menge an Bergbau, die wir bis 2050 für Batterien brauchen, kleiner ist als die Menge an Kohle, die wir alleine vergangenes Jahr abgebaut haben. Und es gibt bereits den Trend in China, statt Lithium Sodium für die Batterien zu verwenden -das fünft-oder sechsthäufigste Element der Erdkruste.
Die Menschenrechtsverletzungen beim Abbau von Lithium gibt es aber trotzdem.
McKibben: Das stimmt. Aber wir müssen sie in Relation sehen: Neun Millionen Menschen sterben pro Jahr an den Folgen von Verbrennungsmotoren und dem Feinstaub, den sie einatmen. Es gibt aber nicht neun Millionen Kobalt-oder Lithium-Bergleute auf der Welt.
Lange Zeit war McKibbens Ausblick düster. In seinem ersten Buch "Das Ende der Natur" argumentierte er, dass es keine Natur mehr ohne menschlichen Einfluss gebe. Immerhin haben Menschen selbst die Atmosphäre verändert, der sich kein Lebewesen entziehen kann. Schon damals plädierte er für eine neue Verbindung zur Natur, in der die Gesundheit der nicht-menschlichen Welt nicht mehr von der menschlichen getrennt gesehen wird.
Auch heute glaubt McKibben daran. Und er weiß, wie man diese Botschaften verpackt. Manchmal klingt das nach Slogans, die man schon oft gehört hat. Etwa wenn er sagt, dass wir andere Geschichten brauchen, um diese neue Welt auch in den Köpfen der Menschen entstehen zu lassen. Doch es sind auch leichte, positive Botschaften - die man gerne glaubt: "Jeder wird Batterien haben, sie zu Mittag laden und sein Haus in der Nacht mit gespeicherter Sonnenenergie betreiben." Oder anders gesagt: Es könnten Zeiten eines enormen Energieüberschusses bevorstehen.
Erneuerbare heißen auch "alternative" Energien. Sollten wir sie umbenennen?
McKibben: Wir müssen die Menschen überzeugen, dass sie nicht nur eine "Alternative" sind, sondern die Norm. 2024 wurden 80 Prozent des weltweiten Zuwachses bei der Stromerzeugung durch erneuerbare Energien und Kernenergie bereitgestellt. Aber auch Umweltschützer wie ich haben lange nur über die Nachteile geredet, sind sehr gut im Kritisieren gewesen. Das hat uns zu Spaßverderber gemacht -wir müssen auch lernen zu feiern!
Welche neuen Geschichten bräuchte es?
McKibben: Wir dürfen nicht aufhören, über die wissenschaftliche Notwendigkeit und die wirtschaftlichen Vorteile dieser Transformation zu sprechen. In Spanien und anderen EU-Ländern, die auf Erneuerbare gesetzt haben, sind die Energiepreise in den vergangenen Monaten nicht so stark gestiegen wie anderswo. Ein elektrisches Auto ist nicht nur aus Umweltgründen besser, es ist leiser, sanfter, billiger; ein Induktionsherd viel schneller und gesünder als ein Gasofen. Immerhin erkranken immer noch viele Kinder an Asthma, wenn sie in einem Haus mit Gasherd leben. Ich bin froh, dass wir nach all diesen Jahren schlechter Nachrichten endlich eine Waffe gegen die ärgsten Probleme gefunden haben -und noch dazu eine so schöne! Menschen hatten schon immer eine tiefe Verbindung zur Sonne. Sie bringt uns Licht, Wärme, lässt Pflanzen wachsen. Nicht umsonst haben ihr so viele Musiker Lieder gewidmet.