AZ-Neu

Die Informationsplattform für ArbeiterInnen, Angestellte, KMUs, EPUs und PensionistInnen

von Günther Walter , Arthur Hoffmann-Ostenhof

Verlag: Naturbaden Verlag
ISBN: 9783200041493
Umfang: 156 Seiten
Genre: Reisen/Reiseführer
Erscheinungsdatum: 01.07.2015
Format Taschenbuch
Preis: € 14,85

 

Kurzbeschreibung des Verlags

Für Badefreudige und Natur­lieb­haber ist ein ein­zig­ar­ti­ger Frei­zeit­füh­rer er­schie­nen: Im neuen Buch „Die schöns­ten Bade­teiche in Wien und Um­ge­bung“ wer­den die 26 schöns­ten Natur­bade­ge­wäs­ser in Wien und Um­land prä­sen­tiert.
Zu jedem Natur­bade­ge­wäs­ser gibt es eine aus­führ­liche Be­schrei­bung, mehrere Fotos, de­tail­lierte Infos zur Infra­struk­tur, eine De­tail­kar­te und ge­naue An­fahrts­an­gaben für öf­fent­liche Ver­kehrs­mit­tel und Auto.
Interessante Hinter­grund­infos, Ab­stecher in die Ver­gan­gen­heit und prak­tische Hin­weise runden das Buch ab.

FALTER-Rezension

Ein Volk von Nichtschwimmern

Natürlich will Elisabeth Kellner nicht, dass ir­gend­jemand – egal, ob Kind oder Er­wach­sener – er­trinkt. Ganz im Gegen­teil. Aber nach 34 Jah­ren im „Ge­schäft“ weiß sie nur zu genau, wie das Spiel mit der Auf­merk­sam­keit funk­tio­niert: „Es müs­sten Kin­der er­trin­ken. Dann kommt der Auf­schrei. Da­nach pas­siert was.“ Ja, sagt die Wie­ner Landes­re­fe­ren­tin für Ret­tungs­schwim­en beim Öster­reichi­schen Jugend­rot­kreuz, der Ge­danke sei bru­tal und zy­nisch. Nur: „Wir sind rat­los. Wir wis­sen nicht, wie wir die Leu­te er­rei­chen kön­nen.“

Über das Jugendrotkreuz wird auch das Wiener Schul­schwim­men ko­or­di­niert. Denn „Schwimm­kom­pe­tenz“ steht auch in den Lehr­plä­nen: In der drit­ten Klasse Volks­schule kann dem­nach je­des Kind schwim­men. Steht auf amt­li­chem Pa­pier.

Abgesehen davon, dass das viel zu spät ist, sieht die Wirk­lich­keit, mit der Elisa­beth Kellner kon­fron­tiert ist, anders aus: „Die Hälfte der Kin­der kann schlicht und ein­fach nicht schwim­men. Keinen Meter. Fal­len sie ins Was­ser, ge­ra­ten sie in Panik und gehen unter.“ Kellner legt nach: „Et­liche Acht­jährige waren noch nie im Was­ser.“ Nein, be­teu­ert sie, „das ist kein Scherz. Leider.“

Nichtschwimmen diskriminiert nicht: Es ist ge­schlechts­neu­tral und geht durch alle Schich­ten, Reli­gi­onen und Ethnien. „Ziem­lich gleich­mäßig ver­teilt.“ Und das Schwim­men­ler­nen sei – zu­min­dest in Wien – kein kul­tu­rel­les Problem, „weil Wien das Schwim­men mit Bur­ki­ni Gott sei Dank er­laubt hat. Die Bade­hose eines 80-Jähri­gen ist ver­mut­lich un­hygie­ni­scher als der Bur­kini einer 14-Jähri­gen.“

Den Knackpunkt des Nicht­schwimmens sieht die Vor­schwim­merin auch gar nicht in der Schule, son­dern da­heim, bei den El­tern. „Wenn die nicht schwim­men kön­nen, gehen sie mit den Kin­dern weder ans noch ins Was­ser.“ Das, weiß Kellner, sei zwar nicht neu, ver­schärfe sich aber. Weil Nicht­schwim­men erb­lich ist: „Wir haben es mittler­weile schon mit einer Eltern­gene­ration zu tun, die nie schwim­men ge­lernt hat.“

Wobei es da eine Unschärfe zu be­ach­ten gibt: Erlebnis­bäder, Was­ser­rut­schen und andere hippe Attrak­tio­nen mit Was­ser- Action sind nicht Teil des Themen­kom­plexes „Schwim­men“, son­dern Kon­kur­renz. Und damit Teil des Pro­blems: „Bei uns geht es nicht um Spaß und Action. Auch nicht um Sport: Schwim­men ist eine grund­le­gen­de Kul­tur­tech­nik. So, wie ich weiß, wie ich eine Straße si­cher über­quere, muss ich schwim­men kön­nen, wenn ich ins Was­ser falle.“

Deshalb sei in der Aus­bil­dung von Volks­schul- und Kin­der­garten­päda­go­gen und -päda­go­gin­nen der „Helfer­schein“ (eine Vor­stufe zum Rettungs­schwim­mer) ver­bind­lich vor­ge­schrie­ben: Ers­tens aus Sicher­heits­grün­den. Zwei­tens, weil man ja mit den Kin­dern schwim­men zu gehen hat. Kellner nimmt diese Prü­fung ab: „Bei einem der letz­ten Ter­mine für Kin­der­garten­pä­da­go­gin­nen hat­ten wir 47 Kan­di­da­tin­nen. Ledig­lich acht konnten 15 Minu­ten schwim­men.“ Und von denen schaff­ten auch nur vier die nächste Hür­de: einen Kopf­sprung plus 15 Meter Strecken­tauchen. „Unter­tauchen ist für viele ein ech­tes Prob­lem.“

Auch wenn das ein Polaroid und keine Studie ist, weiß die Was­ser­ret­terin: „Das ist die Reali­tät.“ Reali­tät ist aber auch, dass Kinder im Was­ser an­ders „funk­tio­nieren“ als Er­wach­sene: Statt zu stram­peln, zu schreien und alles zu tun, um mit dem Kopf über die Was­ser­ober­flä­che zu kom­men, gehen sie unter. Be­wegungs­los. Still. Schnell. Das kind­li­che Reak­tions­schema, der Ins­tinkt, rich­tet den Fokus aus­schließ­lich auf „Atmen“, nicht auf „Be­wegen“.

Das macht Ertrinken zur zweit­häufig­sten kind­lichen Un­fall­todes­ur­sache. „Er­trin­ken pas­siert laut­los und inner­halb weni­ger Mi­nu­ten“, warnt Holger Till, der Präsi­dent des Komi­tees „Große schützen Kleine“. „Kinder darf man des­halb im Was­ser nie aus den Au­gen las­sen“, lässt der Vor­stand der Gra­zer Uni­ver­si­täts­kli­nik für Kin­der­chi­rur­gie hier „keiner­lei Kom­pro­misse und Spiel­räume“ zu. Auch nicht, wenn sie sich die Schwimm-grund­kompe­tenz schon an­ge­eignet haben: „Sie sind im Was­ser nicht sicher. Vor allem, wenn sie schwim­men im Schwimm­bad ge­lernt haben und nun in einem See oder im Meer schwim­men.“

Diese permanente Aufsichtspflicht macht die Nähe zum Was­ser für vie­le El­tern „un­be­quem“, weiß Harald Fritz: „Wenn das Kind am Spiel­platz vom Klet­ter­ge­rüst fällt, schreit es. Im Was­ser ist es ein­fach weg. Du musst im­mer voll da sein: ‚Fire & Forget‘? Ist nicht.“

Am Nordrand Wiens, im Bisam­berger Berndl­bad, brin­gen die Trai­ner sei­nes Vereins „Aus­dauer­coach“ Kin­dern Sicher­heit im Was­ser bei. „Wer Kin­dern im Was­ser zu­sieht, merkt: An­fangs schwim­men sie nicht, son­dern tau­chen. Weil Tau­chen ein­facher ist. Sie kom­men nur zum Luft­holen rauf.“ Einer der Tricks des Kin­der­schwim­mens sei es, der Lust am Ab­tauchen die Sicher­heit des Wieder­hinauf­kom­mens so zur Seite zu stel­len, dass es zum Auto­ma­tis­mus wird: „Schwim­men ist keine ‚Kann‘-Option, kein ‚Nice to have‘: Ich muss nicht Ski fahren kön­nen. Schwim­men schon.“ Der Maß­stab sei längst de­fi­niert: „Der Frei­schwim­mer: 15 Minuten.“

Je früher man schwimmen lernt, umso besser. Be­gin­nend mit Baby­schwimm­kur­sen gibt es spe­zi­ell in Wien An­ge­bote zu­hauf. Spä­tes­tens mit vier oder fünf Jahren, meint auch Peter Steiner von der Wiener Schwimm­schule Steiner, sei es „an der Zeit, die Grund­fertig­keit“ zu er­lernen – spezi­ell die Som­mer­zeit wäre da­für ideal.

Wäre. Denn obwohl der Familien­betrieb Steiner sich über 37 Jahre da als echte Ins­tanz eta­bliert hat, gibt es just in den Ferien keine Kurse: Das Stadt­hallen­bad, die „Hood“ der Steiners, ist bis Ende Au­gust ge­schlos­sen. Die fünf an­de­ren Steiner-Loca­tions sind teils ur­laubs­be­dingt ge­schlos­sen. Oder aber man kann oder will dort im Som­mer keine Res­sour­cen bin­den, sprich: Bahnen für Kurse blockieren. Da­zu kommt die Wetter­un­sicher­heit: „Reine Frei­bad-Kurse für Kin­der sind wet­ter­be­dingt ein Roulette­spiel“, be­dauert Steiner.

Die städtischen Bäder aber gibt es. Und ihr Personal auch. Ein Großteil der Bademeister ebendort hat als „geprüfte Sportbadewärter“ (so lautet die offizielle Titulierung) auch die Befugnis, Schwimmkurse zu geben. Man gibt auch welche. Sieben Euro kostet eine 20-Minuten-Einheit. „Unsere Leute geben die Kurse seit ewig. Es hat sich nur nie herumgesprochen“, sagt Wiener-Bäder-Sprecher Martin Kotinsky.

Neu im Portfolio der Stadt-Schwimm­stätten sind heuer aber spezi­elle Kin­der-Schwimm­kurse. Seit Som­mer­be­ginn fin­den sie in et­li­chen Bä­dern statt: Neun Grup­pen­ein­hei­ten à 50 Mi­nu­ten kos­ten 100 Euro – in­klu­diert ist da auch der Ein­tritt einer Begleit­per­son. Das sei eine Idee von sei­nem Chef, Hubert Teuben­bacher, ge­wesen, er­klärt Kotins­ky von der MA 44, „uns ist es näm­lich nicht wurscht, dass so viele Kin­der nicht schwim­men kön­nen: Viele Fa­mi­lien haben halt nur in den Ferien Zeit.“ Die Idee schlug ein: Die Som­mer­kurse sind aus­ge­bucht, eine Fort­setzung oder Weiter­führung im Herbst ist so gut wie sicher.

Elisabeth Kellner sieht derlei „mit großer Freude“, warnt aber gleich­zei­tig vor zu großen Er­war­tungen oder Eu­pho­rie: „Wir, also das Jugend­rot­kreuz, haben auch schon Kurse an­ge­boten. Im ers­ten Jahr war das was Neues und ging dem­ent­spre­chend gut. Im zwei­ten kam dann kein Kurs mehr zu­stande: Es gab zu wenige An­mel­dun­gen. Schwim­men ist zu wenig Action, das inter­essiert ein­fach nicht. Da­rum ist Schul­schwim­men ja so wich­tig: 19.000 Schü­ler­innen und Schü­ler kom­men pro Woche. Ob sie Sport­schwim­mer wer­den, ist da voll­kom­men egal: Hier geht es ums Über­leben.“

Thomas Rottenberg in Falter 34/2018 vom 24.08.2018 (S. 34)

Posted by Wilfried Allé Sunday, July 24, 2022 10:06:00 PM Categories: Reisen/Reiseführer/Sportreisen
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