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Krisenfest 

Wie wir unsere Wirtschaft verändern können, um unsere Zukunft zu sichern

von Sigrid Stagl, Patricia McAllister-Käfer

ISBN: 9783710609732
Sprache: Deutsch
Themen: Gesellschaft und Sozialwissenschaften
Gesellschaft und Kultur, allgemein
Erscheinungsdatum: 26.08.2026
Verlag: Brandstätter Verlag
Umfang: 208 Seiten
Format: Hardcover
Preis: € 25,00
Kurzbeschreibung des Verlags

Wie sichern wir unsere Zu­kunft in Zei­ten wach­sen­der Kri­sen? In ihrem hoch­aktuel­len Buch zeigt die re­nom­mierte Öko­no­min Sigrid Stagl, wie ein Wirt­schaf­ten aus­se­hen kann, das uns Sicher­heit gibt und zu­gleich unse­re na­tür­li­chen Le­bens­grund­la­gen er­hält. Da­bei ist es ent­schei­dend, das Fun­da­ment unse­res Wohl­stands zu stär­ken: Ener­gie, Ar­beit, Er­näh­rung, ge­sell­schaft­li­cher Zu­sam­men­halt und ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit dem, was uns trägt. An­hand vie­ler le­ben­dig er­zähl­ter Bei­spie­le aus Öster­reich macht sie sicht­bar, wo un­ser heu­ti­ges Sys­tem an Gren­zen stößt, und wo be­reits trag­fä­hi­ge Lö­sun­gen ent­ste­hen: regio­na­le Ar­beits­plät­ze, ver­läss­li­che Ener­gie­ver­sor­gung, hoch­wer­ti­ge Lebens­mit­tel, sta­bi­le Ge­mein­schaf­ten, zu­kunfts­fä­hi­ge Ge­mein­den. Da­bei wird deut­lich, dass der Schutz von Um­welt und Res­sour­cen keine Fleiß­auf­gabe ist, son­dern inte­gra­ler Be­stand­teil wirt­schaft­li­cher Vor­sor­ge und klu­ger Stand­ort­poli­tik. Stagl ar­gu­men­tiert ru­hig, klar und er­mu­ti­gend: Ein lang­fris­tig aus­ge­rich­te­tes Wirt­schafts­sys­tem er­wei­tert unse­ren Hand­lungs­spiel­raum für Poli­tik, Unter­neh­men und Ge­sell­schaft. Ein Buch für alle, die ihr Land er­hal­ten wol­len – und ver­ste­hen, dass Zu­kunfts­si­che­rung Ver­än­de­rung braucht.

FALTER-Rezension

"Das Ziel wäre, mich selbst ab­zu­schaf­fen"
Katharina Kropshofer in FALTER 36/2026 vom 02.09.2026 (S. 42)
Nur weil etwas grün ist, tut es nicht auto­ma­tisch der Natur gut. Die­se Er­kennt­nis hat­te Sigrid Stagl früh. Sie wuchs auf einem Bauern­hof im Wald­vier­tel auf, half gerne bei der Erd­äpfel­ernte. Ihr Va­ter, kon­ven­tio­nel­ler Bauer und als Boku-Ab­sol­vent inter­es­siert an neuen Sor­ten, hat­te stets For­scher­kol­le­gen auf dem Hof. Als die acht­jäh­rige Stagl mit ei­nem von ih­nen bei der Jau­se am Feld saß, schüt­tel­te die­ser den Kopf und er­klär­te, dass die Fich­ten-Mono­kul­turen in der Um­ge­bung öko­lo­gisch nicht sehr wert­voll seien.
Es stellte Stagls Iden­ti­tät in­frage - und bil­de­te die Ba­sis ihrer Kar­riere als ers­te Pro­fes­so­rin für Öko­lo­gi­sche Öko­no­mie. Sie ist auch be­son­ders ge­fragt, wenn es um die Be­wer­tung der Re­gie­rungs­ar­beit geht. Nun hat Stagl ihr ers­tes Buch ge­schrie­ben. Und wie­der eini­ge Vor­schläge parat.

Falter: Frau Stagl, ver­gan­ge­ne Wo­che hat sich die Koa­li­tion auf ein lang aus­stän­di­ges Klima­ge­setz ge­ei­nigt. Wie be­wer­ten Sie den Ent­wurf?

Sigrid Stagl: Öster­reich hat seit 2020 keine ver­bind­li­chen Re­duk­tions­ziele. 2025 sind die Emis­sio­nen wie­der ge­stie­gen. Wir wis­sen also, was bei einer Klima­poli­tik ohne Rah­men pas­siert. Dass jede Maß­nahme im Klima­fahr­plan des Klima­ge­set­zes mit einer Schät­zung der Emis­sio­nen unter­legt wer­den soll, ist gut. Aber die EU schreibt ein Mi­nus von 48 Pro­zent der Emis­sio­nen bis 2030 vor. Wir lie­gen schon heu­te deut­lich un­ter dem Ziel­pfad. Wenn der Klima­fahr­plan erst Ende 2027 kommt, feh­len wie­der zwei Jahre, in de­nen die Lücke wächst.

Die Regie­rung plant Kor­rek­tur­me­cha­nis­men statt Sank­tio­nen bei Über­schrei­tung des Ziel­pfads. Kann das funk­tio­nieren?

Stagl: Ein Korrek­tur­me­cha­nis­mus ist so­gar das bes­sere Ins­tru­ment, eine Stra­fe im Nach­hi­nein senkt kei­ne ein­zi­ge Ton­ne. Aber die Sank­tio­nen exis­tie­ren schon längst! Wenn wir unser EU-Ziel ver­feh­len, müs­sen wir bis zu 2,9 Mil­liar­den Euro Stra­fe zah­len. Ob die Bun­des­län­der da­für auch auf­kom­men, hal­te ich für die wich­tigs­te of­fene Fra­ge des Gesetzes.

Neben einem Klima­gesetz gibt es nun auch Dür­re­hil­fen. Sie be­schäf­ti­gen sich viel mit der Land­wirt­schaft und schrei­ben: Die Kos­ten von Le­bens­mit­teln ent­spre­chen oft nicht der Rea­li­tät. Inwiefern?

Stagl: Es geht hier nicht um den er­ho­be­nen Zeige­finger, son­dern um bes­sere Struk­tu­ren. Wenn man die Kos­ten für Men­schen und Na­tur mit­rech­net, passt das meis­tens nicht mit dem Preis zu­sam­men. Ein Apfel aus Chile ist oft güns­ti­ger als hei­mi­sche Alter­na­ti­ven. Auch dass Bio-Pro­dukte teu­rer sind als kon­ven­tio­nell pro­du­zier­te, zeigt, dass die Prei­se nicht die volks­wirt­schaft­li­chen Kos­ten re­flek­tie­ren. Denn ei­gent­lich müss­te es um­ge­kehrt sein.

Kann man Bio­di­ver­si­tät einen mone­tä­ren Wert geben?

Stagl: Wir öko­lo­gi­schen Öko­no­min­nen ver­wah­ren uns da­ge­gen, da­rauf einen Preis­sticker zu ge­ben - das wäre will­kür­lich. Wir brau­chen Maß­nah­men, die sicher­stel­len, dass die Ar­ten­viel­falt nicht ge­fähr­det wird. Nicht einen neuen Markt.

Die EU hat vor kurzem be­schlos­sen, dass Tier­be­stän­de nicht mehr schrump­fen dür­fen. Viele Land­wirte muss­ten aber ihre Tiere auf­grund der Trocken­heit schlachten.

Stagl: Tierische Pro­dukte ha­ben einen kul­tu­rel­len Wert. Das muss man an­er­ken­nen. Aber es gibt auch genug Evi­denz, dass so viel Fleisch zu es­sen nicht ge­sund ist. Zwei Drit­tel der Pro­te­ine soll­ten laut Er­näh­rungs­pyra­mide aus pflanz­li­chen Quel­len kom­men. Tieri­sche Pro­duk­tion er­for­dert außer­dem viel Ener­gie we­gen der gro­ßen Fut­ter­men­gen und hat grö­ße­re Um­welt­aus­wir­kun­gen. Trotz­dem flie­ßen 82 Pro­zent der EU-Gel­der der Ge­mein­sa­men Agrar­poli­tik in die Tier­pro­duk­tion, also Mil­liar­den an Euro. Das ver­zerrt das Bild.

Wie gewinnt man die Land­wirte für diese Trans­for­ma­tion?

Stagl: Ein Drittel der Treib­haus­gase kommt aus dem Er­näh­rungs­sys­tem. Wir kön­nen also nicht klima­neu­tral wer­den, ohne das Er­näh­rungs­sys­tem zu ver­än­dern. Gleich­zei­tig sind das un­sere Le­bens­grund­lagen. Ich habe den Ein­druck, Bauern füh­len sich von vie­len be­drängt, mit Re­geln über­frach­tet und zu ge­ring be­zahlt. Stall­an­la­gen sind oft mit Kre­di­ten finan­ziert, die lang­fris­tig ab­be­zahlt wer­den. Des­we­gen kön­nen wir nicht von heu­te auf mor­gen al­les um­stel­len. Aber jetzt den Bauern zu sig­na­li­sie­ren: "Der Tier­be­stand darf auf kei­nen Fall sin­ken, baut wei­ter Ställe aus, ver­schul­det euch" - das finde ich proble­ma­tisch.

Es gibt jetzt ein Klima­gesetz. Bei Klima­schutz­maß­nah­men hat die Re­gie­rung aber deut­lich ge­spart. Wie opti­mis­tisch sind Sie noch?

Stagl: Dieser Sommer zeigt, dass man­che Beo­bach­tun­gen selbst mit den pes­si­mis­tischs­ten Sze­na­rien nicht in Ein­klang zu brin­gen sind. Vor al­lem die Tempe­ra­tur der Welt­meere steigt schnel­ler und stär­ker als er­war­tet. Wie das auch Öster­reich tref­fen kann, zeigt der Sep­tem­ber 2024, als Ost­öster­reich unter Was­ser stand. Das warme Mit­tel­meer hat den ex­tre­men Re­gen be­güns­tigt und uns eine Mil­liarde ge­kos­tet. Auf der an­de­ren Seite se­hen wir, dass die Markt­reife man­cher Klima­tech­no­lo­gien viel schnel­ler war als er­war­tet. Die Kos­ten für Photo­vol­taik­an­lagen, Bat­te­rien oder E-Fahr­zeuge hät­te man vor fünf Jah­ren noch ganz anders ein­ge­schätzt.

Werden sich diese Techno­lo­gien von selbst durch­setzen?

Stagl: Die niedrigen Strom­kosten hel­fen bei der Klima­bilanz: Fos­sile Ener­gie­er­zeu­gung ren­tiert sich be­triebs­wirt­schaft­lich ein­fach nicht mehr. Es braucht aber nicht nur den nied­ri­gen Preis, es braucht auch die Wid­mung der Flä­chen und ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz. Selbst Do­nald Trump hat es bis­her nicht ge­schafft, Kohle­gru­ben of­fen zu hal­ten. Wind­pro­jek­te hat er hin­ge­gen ge­stoppt, in­dem er etwa die Be­trei­ber da­für be­zahlt. Um den Sieges­zug der Er­neuer­ba­ren zu brem­sen, muss man also aktiv da­ge­gen­arbeiten.

Österreich hat im Ver­gleich zu den USA kaum Gas oder Öl im Bo­den. Trotz­dem geht der Er­neuer­baren Aus­bau nur schlep­pend voran. Sie sind im Wald­vier­tel auf­ge­wach­sen. Ge­rade dort gibt es im­mer wie­der viel Pro­test ge­gen Wind­kraft­an­lagen. Was tun?

Stagl: Selbst wenn wir jetzt Erd­gas aus dem Bo­den hol­ten, wür­den sich die Fix­kos­ten erst nach Jahr­zehn­ten rech­nen - wo wir schon längst keine fos­si­le Ener­gie mehr nut­zen wol­len. Wir müs­sen er­neuer­ba­re Ener­gie­anla­gen dort posi­tio­nie­ren, wo sie die höchste Ak­zep­tanz ha­ben. Wir ken­nen das Er­folgs­re­zept aus der For­schung: Leute, die be­reits Wind­rä­der in ih­rem be­rühm­ten "Backyard" ha­ben, stö­ren neue An­lagen weni­ger. Auch junge Leute ha­ben weni­ger Prob­leme da­mit: Laut der Ö3-Jugend­um­frage sa­gen 83 Pro­zent der Jugend­li­chen, dass in ihrer Nähe ein Wind­rad auf­ge­stellt wer­den kann. Der drit­te Fak­tor ist direk­ter Pro­fit. Be­kommt eine Ge­mein­de etwa einen nied­ri­geren Strom­preis, hilft das bei der Ak­zep­tanz.

Wie kann die Regierung die Brems­klötze lösen?

Stagl: Die Regierung müsste sich kon­kret an­schauen: Wer sind die Ge­win­ner und wer sind die Ver­lie­rer? Und im nächs­ten Schritt: Wie kann man die Gewin­ner moti­vie­ren und wie die Ver­lie­rer kom­pen­sie­ren? Das sind Teile der Indus­trie, die momen­tan noch gut ver­dienen und hof­fen, dass es im­mer so weiter­geht wie bisher.

Sie meinen die Mobilitätsbranche?

Stagl: Wir haben nun 15 Jahre lang zu­ge­schaut, wie die deut­sche Auto­in­dus­trie am Ver­bren­nungs­mo­tor fest­hält, ob­wohl schon klar war: Eine Tech­no­lo­gie, die über­holt ist, kann man nicht ret­ten. Die ist nicht krisen­fest. Es bräuchte ei­nen früh­zei­ti­gen, kla­ren Über­gangs­pro­zess. Für gan­ze Be­triebe und Re­gi­onen, wie für die Kohle­indus­trie. Es gab in Öster­reich auch ein­mal wun­der­ba­re Füll­feder­pro­du­zen­ten. Aber wir sind in keine rie­si­ge Wirt­schafts­krise ge­schlit­tert, als es sie nicht mehr gab.

Die Autoindustrie ist aber doch größer als die Füll­feder­pro­duktion.

Stagl: Das stimmt, da geht es allein in Öster­reich um 80.000 Ar­beits­plätze. Als das Steyr-Werk 2021 über­nom­men wurde, soll­ten russi­sche Lkw mit Ver­bren­nungs­mo­toren her­ge­stellt wer­den. Ich dachte mir: "Echt jetzt? Die armen Arbeit­neh­mer!" Sie muss­ten wie­der einen neuen Pro­duk­tions­pro­zess ler­nen - der nicht nach­hal­tig ist. Wir müss­ten uns schon längst über­le­gen, wie wir das um­ge­stal­ten, wel­che Steu­ern es bräuchte, um das zu len­ken. Wie wir statt Ver­bren­nungs­mo­toren Auto­teile für die E-Mobi­li­tät oder Was­ser­stoff­pro­duk­tion zu­lie­fern können.

Gibt es ein konkretes Beispiel für ge­lun­ge­ne Trans­for­mation?

Stagl: Ich nenne immer gerne das Klima-Aus­bil­dungs­zentrum im nieder­öster­rei­chi­schen Sig­munds­her­berg. Ein Bäcker mit Staub­aller­gie kann dort zum Um­welt­tech­ni­ker um­lernen. In­klu­si­ve Kin­der­be­treu­ung und Wohn­mög­lich­kei­ten vor Ort. Es braucht aber nicht nur Inno­va­tion, son­dern auch "Ex­nova­tion". Bei den Berg­bauern ist das gut ge­lungen. Öster­reich hat nicht aus Über­zeu­gung 27 Pro­zent Bio-An­teil, son­dern we­gen der Geo­grafie. Der Staat hat früh er­kannt, dass am Berg keine indus­triel­le Be­wirt­schaf­tung mög­lich ist. Statt­des­sen wur­den die Berg­bauern finan­ziell unter­stützt und be­fähigt, ihre Pro­dukte an­ders zu ver­kaufen. Sie sa­gen heute: Unsere Kühe ste­hen auf der Alm, sind ge­sün­der, und die Milch hat so­mit eine an­de­re Quali­tät. Noch dazu sind Alm­wie­sen bio­di­ver­ser. Für mich heißt das: Wir soll­ten keine Cow­boys, son­dern Astro­nauten sein.

Was meinen Sie damit?

Stagl: Das geht zurück auf den Öko­no­men Kenneth Boul­ding. Cow­boys rei­ten al­lein durch die Prä­rie und schmei­ßen ihren Müll ein­fach weg. Bei den weni­gen Cow­boys, die es gab, war das nicht so wild. Aber es leben nun acht Mil­liar­den Men­schen auf der Erde. Wir soll­ten uns also ge­rade in Euro­pa wie Astro­nau­ten ver­hal­ten: Wir ha­ben selbst nicht viele Res­sour­cen, müs­sen eini­ges im­por­tie­ren. Umso wich­ti­ger sind die Spe­zia­li­sie­rung - das ma­chen wir schon recht gut - sowie Kreis­lauf­wirt­schaft. Neh­men wir die sel­te­nen Erden. Es macht kei­nen Sinn, die in Euro­pa ab­zu­bauen. Wir könn­ten aber die Ers­ten sein, die ler­nen, sie ordent­lich zu recyceln.

Sie waren vielfach die "Erste". Wie radi­kal ist es heute noch, Öko­lo­gie in Öko­no­mie mit­zu­denken?

Stagl: Bis vor sieben Jahren war es das. Da haben Nicholas Stern und Andrew Oswald - zwei Main­stream-Öko­no­men - in ei­nem News­letter der World Econo­mic Society einen Auf­ruf ver­öffent­licht: Wenn wir uns nicht so­fort um Um­welt-und Klima­fra­gen küm­mern, wer­den wir als Öko­no­men auf der fal­schen Seite der Ge­schichte ste­hen. Sie hat­ten die wich­tigs­ten Fach­zeit­schrif­ten analy­siert: Es gab mehr wirt­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen zu Base­ball als zum Klima­wandel.

Das heißt, die Ökologische Ökono­mie ist im­mer noch eine Nischen­dis­zi­plin?

Stagl: Es wird besser. Wirt­schaft ba­siert im­mer auf bio­physi­ka­li­schen Grund­lagen. Die Aus­wir­kun­gen auf Um­welt und Ge­sell­schaft müss­ten also bei al­len Ar­beits­markt­analy­sen, indus­trie­poli­ti­schen Über­le­gun­gen, makro­öko­no­mi­schen Model­lie­rungen be­rück­sich­tigt werden.

Sie müssten sich also selbst ab­schaf­fen?

Stagl: Genau das wäre mein Ziel.

Posted by Wilfried Allé Wednesday, September 23, 2026 8:19:00 PM Categories: Gesellschaft und Kultur, allgemein Gesellschaft und Sozialwissenschaften
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Links, rechts, islamistisch 

Die wahren Feinde der Demokratie

von Susanne Schröter

ISBN: 9783451036712
Sprache: Deutsch
Themen: Gesellschaft und Sozialwissenschaften
Gesellschaft und Kultur, allgemein
Gesellschaftliche Gruppen, Gemeinschaften und Identitäten
Erscheinungsdatum: 19.05.2026
Verlag: Verlag Herder
Umfang: 240 Seiten
Format: Taschenbuch
Preis: € 22,70

Kurzbeschreibung des Verlags

Um die Demo­kra­tie ist es schlecht be­stellt. Nicht nur glo­bal, auch in Deutsch­land. Eine auto­ri­tär auf­tre­tende Linke ver­spielt die Er­run­gen­schaf­ten, die sie selbst er­kämpft hat; eine auto­ri­täre Rechte möchte eine zwei­fel­haf­te Ver­gan­gen­heit wie­der­auf­le­ben las­sen. Und bei­de Grup­pie­run­gen schlie­ßen Alli­an­zen mit ei­nem er­star­ken­den Is­la­mis­mus, der von Pa­ral­lel­ge­sell­schaf­ten he­raus in Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten vor­dringt. Die in­nere Zer­reiß­probe un­se­rer Ge­sell­schaft fin­det vor dem Hin­ter­grund sich dra­ma­tisch ver­schie­ben­der glo­ba­ler Macht­ver­hält­nis­se statt, die uns in un­ge­ahn­tem Maß heraus­for­dern. Die wich­tigste Fra­ge der Ge­gen­wart ist, wie sich Frei­heit und Demo­kra­tie in die­ser exis­ten­ziel­len Kri­se be­wah­ren las­sen. Das neue Buch von Su­sanne Schrö­ter gibt Ant­worten.

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Katechon 

Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart

von Volker Weiß

ISBN: 9783768198608
Themen: Gesellschaft und Sozialwissenschaften
Gesellschaft und Kultur, allgemein
Kontrolle, Privatsphäre und Sicherheit in der Gesellschaft
Soziale und ethische Themen
Erscheinungsdatum: 16.05.2026
Verlag: Cotta
Umfang: 128 Seiten
Format: Taschenbuch
Preis: € 18,50

Kurzbeschreibung des Verlags

Die Ideologie hinter Peter Thiel, Donald Trump und Co.

Vom Tech-Milliardär Peter Thiel bis hin zum russischen Ultranationalisten Alexander Dguin – neuerdings bemühen alle ein biblisches Motiv: den Katechon. Als geheimnisvolle Kraft kann er das Böse aufhalten, seine irdische Gestalt soll wahlweise Trump oder Putin sein. Über eine Figur der politischen Theologie, mit der alles begründet, aber nichts erklärt werden kann. 

Wer ist der »Katechon«? Seit einiger Zeit verkünden rechte und religiöse Fundamentalisten, dass eine höhere Kraft den »falschen Verheißungen« des »Antichristen« entgegentrete. Diese Verlockungen gaukeln als Werte einer demokratischen und aufgeklärten Gesellschaft den Menschen Sicherheit und Stabilität vor, während sie doch in Wahrheit nur Werke des Teufels sind. Mit dem Katechon als »Aufhalter« dieses Bösen wird nun eine theologische Figur in den Dienst genommen, um die Politik der extremen Rechten zu legitimieren. Der Essay geht den Spuren des »Katechon«-Motivs bis in die Schriften des deutschen Staatsrechtlers Carl Schmitt nach.

FALTER-Rezension

Die Angst vor Peter Thiel

Matthias Dusini in FALTER 23/2026 vom 03.06.2026 (S. 16)

Der Antifaschismus schlief. Am Eingang des Odeon Theaters prüften Polizisten die Besucher, die sich am vergangenen Freitag einfanden. Drinnen, in der Säulenhalle der ehemaligen Getreidebörse, sollte über den Auftritt eines Festwochen-Gastes diskutiert werden. Festivalchef Milo Rau wollte wissen, ob das Volk für oder gegen den Besuch des Tech-Oligarchen Peter Thiel sei. Hunderte Interessierte waren dem spontanen Aufruf Raus gefolgt, über das Für und Wider zu beraten.
Ein Besucher hielt ein Täfelchen in die Höhe, auf dem stand: "No platform for Techfascism!" Spontanen Applaus bekam eine ehemalige Politikerin, die vorschlug, man könne Thiel doch als Kunstaktion verhaften lassen. Ansonsten blieb es erstaunlich ruhig im Saal, eine Mehrheit der Rednerinnen und Redner plädierte sogar dafür, Thiel sprechen zu lassen. So vehement, dass Festwochen-Dramaturgin Sara Abbasi irgendwann der Kragen platzte: "Bitte mehr kritische Fragen. Wir sind uns zu einig." Er werde seine Entscheidung am folgenden Tag bekannt geben, ließ Rau wissen.

Mit Peter Thiel, Jahrgang 1967, kontaktierte das Festival eine der mächtigsten und umstrittensten Figuren der Gegenwart. Thiel steht für den Rechtsruck im Silicon Valley. Er verfügt über ein Milliardenvermögen, das er mit Investitionen in Unternehmen wie Facebook, PayPal und Palantir verdiente. Mit diesem Gewicht mischt er sich in die Politik ein. Ökonomisch bekämpft der Libertäre jede staatliche Regulierung. Politisch wiederum liebäugelt der bekennende Katholik mit der Abschaffung der Demokratie.

Warum der Contrarian, also Andersdenkende, der sich als radikaler Intellektueller inszeniert, überhaupt nach Wien eingeladen wurde, hat mit Thiels Bibellektüre zu tun. Die Festwochen widmen sich 2026 dem Einfluss von Religionen. Da wirkte es wie ein Coup, den düsteren US-Propheten zu präsentieren. Nun erweist sich der Treffer als Flop, der Raus bisher erfolgreiche Arbeit beschädigt.

In Vorlesungen vor ausgewähltem Publikum, zuletzt in Rom, interpretiert Thiel eine Stelle aus dem Neuen Testament. Darin geht es um den göttlichen Plan einer Wiederkunft Christi. Die frühen christlichen Gemeinden rechneten mit einer baldigen Erlösung. Der Apostel Paulus warnte jedoch davor, die Anzeichen falsch zu deuten.

Fake-Propheten würden Sicherheit und Frieden versprechen. Für Paulus war das eine List des Antichristen. Zugleich hatte Paulus eine frohe Botschaft für die Verunsicherten. Es gebe eine Kraft, die sich dem falschen Messias in den Weg stelle: den Katechon, das griechische Wort für Aufhalter. Seit Thiel mit dem Katechon daherkam, werden Feuilletonisten zu Bibelforschern. Die Rede vom Antichristen wirkt skurril, aber auch angsteinflößend. Denn der Tech-Oligarch verknüpft sie mit einer politischen Agenda.

Wie der deutsche Autor Volker Weiß in seinem neuen Buch "Katechon" schreibt, diente die Figur des Aufhalters stets dazu, irdische Herrschaft zu legitimieren. Das Heilige Römische Reich verstand sich als Schutzmacht der Christenheit. Heute rechtfertigt Thiel mit dem Aufhalter seine Unterstützung der US-Regierung.

Auf den Katechon stieß Thiel durch die Lektüre des katholisch geprägten Juristen Carl Schmitt (1888-1985), eines Parteigängers der Nationalsozialisten. Schmitt machte aus der Bibel eine Waffe gegen die in seinen Augen verderbliche moderne Welt. Liberalismus und Sozialismus formulierten das trügerische Versprechen von Sicherheit und Frieden, so Schmitt. Sie würden die Menschen einlullen und ihnen die Fähigkeit nehmen, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden.

Dieser Deutung folgt Thiel. In düsteren Farben schildert er den Untergang. Er beschwört einen apokalyptischen Endkampf zwischen Gut und Böse im mythischen Armageddon. Bei ihm trägt der Antichrist die Züge eines "weltweiten Einheitsstaates", der die Individuen überwache und reguliere. Schmitts Freund-Feind-Logik folgend sucht Thiel nach Gegnern. Dazu gehört etwa die Aktivistin Greta Thunberg. Für ihn steht sie für technikfeindliche Regulierung. Thiels Theologie lehnt, reichlich unchristlich, die Segnungen des Sozialstaates ab. In einer Rede von 2009 brachte Thiel seine Vorbehalte auf den Punkt: "Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar."

Der springende Punkt in der Rede vom großen Widersacher ist die Rolle des Katechons. Bei Paulus bleibt sie vage. Schon die mittelalterlichen Theologen waren unsicher, ob damit ein Reich oder eine Person gemeint sei. Derzeit könnte es Donald Trump sein, den Thiel schon in dessen erster Kandidatur unterstützte. Oder US-Vizepräsident JD Vance, dessen Aufstieg Thiel finanziell ermöglichte. Es klinge nach dem Drehbuch eines James-Bond-Films, wenn ein steinreicher Unternehmer mit apokalyptischer Erwartung eine politische Haltung mit biblischen Bezügen untermauere, schreibt Volker Weiß. "Im Tech-Kapitalismus konnte das Szenario Realität werden."

Die Sprengkraft von Thiels Ansichten zeigt sich in einem größeren Zusammenhang. In rechten Zirkeln ist der Katechon nichts anderes als ein Codewort für die militante Ablehnung der Demokratie. In dieser extremen Denkschule fällt die Rolle des Aufhalters Russland zu. Putin habe die Aufgabe, die alte christliche Ordnung in einer Welt der Sünde zu verteidigen.

Radikale Nationalisten wie Alexander Dugin, der seinen Blog Katechon nennt, rufen gemeinsam mit der orthodoxen Kirche dazu auf, den "satanischen" Westen zu besiegen. Sie nennen den Angriff auf die Ukraine einen heiligen Krieg. Zu den Maßnahmen des Aufhalters könnte nach Ansicht des russischen Politologen Sergej Karaganov auch der Einsatz einer Atomwaffe gehören, einer "Armageddon-Waffe", gegen eine westliche Stadt. "Um allen, die die Angst vor der Hölle verloren haben, zu zeigen, dass diese existiert."

Bekannt wurde Thiel als genialer Investor, der auf Außenseiter setzte. Er finanzierte Facebook, als Anleger darin noch eine Uni-Kontaktbörse sahen. Anders als Donald Trump oder Elon Musk tritt Thiel nicht als Showman auf. Der leidenschaftliche Schachspieler zieht lieber im Hintergrund die Fäden. Wenn er doch einmal das Rampenlicht sucht, erlebt das Publikum einen verunsicherten Redner, der unter vielen Ähs abschweift.

Vor allem seine Beteiligung an Palantir, das auf die Verwertung personenbezogener Daten spezialisiert ist, machte Thiel zum Feindbild der Linken. Das lange defizitäre Unternehmen unterstützt US-Behörden beim Aufspüren von Migranten ohne Papiere oder liefert der israelischen Armee Informationen für Ziele in Gaza.

Den Kritikern reicht der Begriff Autoritarismus nicht aus, um zu beschreiben, was in Trump-Amerika derzeit geschieht: die willkürliche Deportation von Migranten, der Personenkult um den Präsidenten und die Einschränkung von Frauen-und Transgender-Rechten. Sie nennen das Faschismus.

Für sie ist es unvorstellbar, dass Thiel bei einem Festival auftritt, das für Diversität und Opposition steht. Darf man jemandem, der mit biblischer Rhetorik die Zerstörung der Demokratie fordert, das Mikrofon überreichen?

Festwochen-Chef Milo Rau versucht, politische Brisanz in die Kunst zu holen. Dafür entwickelte er Formate, die juristische und politische Institutionen nachahmen. Anfang des Jahres inszenierte er am Hamburger Thalia Theater einen "Prozess gegen Deutschland". Ein Gremium sollte prüfen, ob die rechte Partei Alternative für Deutschland verboten werden solle. Kläger und Verteidiger traten auf. Experten argumentierten dafür und dagegen. Der Prozess fand enorme Resonanz. Ganz Deutschland diskutierte, wie ein Rechtsstaat mit Feinden der Demokratie umgehen soll.

Einige Kommentatoren kritisierten, dass Rau AfD-Vertreter wie die frühere Vorsitzende Frauke Petry sprechen ließ. So würden rechtsextreme Inhalte normalisiert, lautete der Vorwurf. Auch bei den Wiener Festwochen inszeniert Rau Prozesse. 2024 ging es um den Vorwurf, die Regierung habe im Zuge der Covid-19-Pandemie zu stark in Grundrechte eingegriffen. Heuer organisiert Rau in der "Republic of Gods" Glaubenstribunale. Dort geht es um den politischen Missbrauch von Religionen.

Der Theatermacher stellt linke Wahrheiten infrage. Das Dogma "Nicht mit Rechten reden" hat an Überzeugungskraft verloren. Der Boykott konnte den Aufstieg von MAGA, FPÖ und AfD nicht stoppen. Die Verweigerung erwies sich auch deshalb als stumpfe Waffe, weil Demagogen sich in Telegram-Kanälen und Podcasts ihre eigene Öffentlichkeit schufen. So geschickt Rau bisher Kontroversen anzettelte, so hilflos wirkt er als Regisseur der Thiel-Show.

Mit einem knappen Statement sagte Rau den Hauptact des Festivals ab. Obwohl sich sowohl der Publikumsbeirat als auch der Expertenbeirat der Festwochen für die Einladung ausgesprochen hatten, zog Rau den Stecker. Immer mehr Beteiligte des künstlerischen Programms hätten ihre Teilnahme abgesagt, heißt es in dem Schreiben. Daher die Entscheidung: "Thiel ja, aber nicht um jeden Preis."

Die Festwochen ziehen ein junges, politisch waches Publikum an, das in Thiel nicht den Aufhalter, sondern den Beelzebub sieht. "Verdammt jämmerlich dieser asoziale Milliardär", schrieb ein User auf Facebook. "Psychos unter sich", ätzte ein anderer. Erste Teilnehmer zogen Konsequenzen. Der französische Soziologe Geoffroy de Lagasnerie sollte über "Kunst und Widerstand" sprechen und sagte ab. Man könne nicht Faschismus bekämpfen und zugleich einen seiner aktivsten Vertreter legitimieren, schrieb de Lagasnerie.

Um den Protest aufzufangen, ließ Rau im Odeon Theater über Pro und Contra diskutieren. Auf dem Podium saß neben Rau auch der Innsbrucker Theologe Wolfgang Palaver, der Thiel seit dem Studium in Stanford kennt. Er war für den 7. Juni im Hotel Intercontinental als Gesprächspartner des Tech-Denkers vorgesehen. Palaver kündigte an, Thiels "gefährliche Vermischung von Politik und Religion" zu kritisieren.

Die Politikwissenschaftlerin Monika Mokre gab Contra: "Thiels Theologie ist nicht das Problem, sondern dass er mit seinem Geld die Politik beeinflusst." Rau schilderte das Verfahren. Mehrere Experten würden Thiels Ausführungen kommentieren. Der Stargast habe auch Fragen aus dem Publikum akzeptiert.

Doch ganz so free speech war das geplante Event nicht. Ursprünglich wollte Rau, dass der Falter die Debatte moderiert, aber das lehnte Thiel ab. Der Falter sei nicht neutral genug, schrieb er unter anderem an Chefredakteur Florian Klenk. Eine amüsante Pointe in dieser Posse um Redefreiheit. Natürlich handelt es sich bei Palaver auch nicht um eine kritische Instanz, sondern einen alten Kumpel, der von Thiel zum Abendessen nach Los Angeles eingeflogen wird.

Woher kam also Raus Rückzieher? Offenbar rollte hinter den Kulissen bereits eine Boykottwelle, die nicht nur Rau selbst, sondern dem ganzen Festival geschadet hätte, nach dem Motto: "Fahrt nicht zu den Wiener Faschismuswochen!"

Der Umfaller zeichnete sich schon in einem Gespräch ab, das der Falter am 28. Mai mit der Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) führte. Darin ging Kaup-Hasler auf Distanz zu ihrem einstigen Liebling Rau, den sie 2024 nach Wien geholt hatte: "Als Intendantin würde ich solchen Faschisten keine Plattform bieten, denn eine solche Einladung muss sehr bedacht eingebettet werden."

Die Absage Thiels entlarvt Raus "Republik" als Farce. Der Intendant verschanzt sich hinter Beiräten und Beratungsgremien. Zuerst schickt er den linksliberalen Falter vor, um die erwartbare Empörung abzulenken. Am Ende knickt er vor einem angeblichen Shitstorm ein, dessen Urheber anonym bleiben.

Es sei blauäugig, Demagogen entzaubern zu wollen, warnte Kaup-Hasler. Auf die Frage, ob ein berühmter Mann wie Thiel vom Bürgermeister empfangen würde, antwortete sie: "Auf keinen Fall. Das Rathaus besteht auf Maximalabstand." Möglicherweise bekreuzigte sich ein Erzengel im Rathaus, als der Leibhaftige aus Trumpistan aufgehalten wurde.

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