Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt - SPIEGEL-Bestseller - Nr. 1-Wirtschaftsbestseller, Sachbuch-Bestenliste ZDF, Deutschlandfunk Kultur, DIE ZEIT
von Anne Brorhilker, Traudl Bünger

Kurzbeschreibung des Verlags
Leben wir in einem Land, in dem, wer reich ist, das Gesetz nicht fürchten muss? Anne Brorhilker, die als Oberstaatsanwältin der Staatsanwaltschaft Köln jahrelang und unerschrocken die Cum/Ex-Ermittlungen geleitet hat, kennt das komplexe Verhältnis zwischen Wirtschaftskriminalität und Justiz wie keine andere. Hier schildert sie erstmals ihre erstaunlichen Erfahrungen mit der Finanzelite, blickt hinter die Kulissen der Großbanken und entlarvt die Selbstgefälligkeit vieler Steuerhinterzieher: Weshalb war die Aufklärung trotz jahrelanger Ermittlung und auch zahlreicher Urteile so mühsam? Warum tut sich der Staat so schwer, die Milliarden zurückzufordern? Geld, das den ehrlichen Steuerzahlern zusteht? Mit ihrem Ent­schluss, den Staatsdienst zu quittieren und als Teil der Zivilgesellschaft für Aufklärung zu sorgen, hat Anne Brorhilker ein Zeichen gesetzt: Der Kampf für Gemeinwohl und Gerechtigkeit geht uns alle an - und mit Mut können wir etwas bewegen! Ein Euro des Verkaufspreises dieses Buches geht an die Bürgerbewegung "Finanzwende e.V.".
Rezension, Sarah Tischer
Anne Brorhilker ist eine der prominenten Stimmen im Kampf gegen Wirtschaftskriminalität in Deutschland. Ihr Gesicht ist einem vielleicht schon in den Medien begegnet – sie war als Oberstaatsanwältin jahrelang maßgeblich an den Cum/Ex-Ermittlungen beteiligt und hat zentrale Urteile im größten Steuerskandal der Bundesrepublik erwirkt. Nun hat sie ein Buch geschrieben: »Cum/Ex, Milliarden und Moral«. Die Volkswirtin hat es gelesen.
Auf Anne Brorhilkers Buch wurde ich durch ein Interview bei SWR1 Leute aufmerksam. Zunächst war ich skeptisch, ob ich es lesen möchte. Zu vertraut klang der Inhalt: die Macht der Finanzbranche, eine gut vernetzte Lobby, strukturelle Defizite in Behörden – und ein Staat, der Wirtschaftskriminalität nur unzureichend verfolgt. Mir war klar, dass mich die in der Lektüre angesprochenen Missstände und Skandale aufregen würden.
Jetzt hab ich »Cum/Ex, Milliarden und Moral« (2025 erschienen bei Heyne) in kürzester Zeit durchgelesen. Und ich kann sagen: Ja, ich hab mich ein bisschen aufgeregt, das liegt in der Natur der Sache, aber es hat sich gelohnt, das Buch zu lesen. Brorhilker erschöpft sich nicht im Benennen der Missstände. Sie erklärt, gibt Einblicke und macht Sachverhalte verständlich. Die Lektüre ist flüssig und bisweilen habe ich mich sogar trotz der Thematik amüsiert – aufgrund der »Absurditäten« im System.
Auch die psychologische Ebene kommt nicht zu kurz, wenn die Autorin beispielsweise beschreibt, wie sie sich in Zeugenvernehmungen mit Männern gibt, denen es nicht an Ego und Selbstüberzeugung fehlt und die dies auch durch ihr Auftreten und ihre Kleidung zur Schau stellen. Die geschilderten Ereignisse zeigen die menschliche Natur, die hinter Gier, Macht und Fehlentscheidungen zu Tage tritt.
Eine kurze Erklärung, worum es bei Cum/Ex ging: Kurz gesagt ist Com/Ex ein Trick mit Aktien, um Steuern mehrfach zurückzubekommen, die nur einmal oder gar nicht gezahlt wurden. Und etwas genauer: Banken und Investoren organisierten den mehrfachen Rückerstattungsbetrug von Kapitalertragsteuern und verursachten so einen Milliardenschaden für den Staat. Die Händler schoben sich um den Dividenden-Stichtag Aktien blitzschnell hin- und her. Durch dieses Hin und Her sah es für das Finanzamt so aus, als hätten mehrere Personen dieselbe Steuer gezahlt – obwohl sie nur einmal oder gar nicht gezahlt wurde. Der Staat erstattete die Steuer mehrfach zurück, die ihm gar nicht zustand.
Brorhilker betont wiederholt: Das war kein »steuerliches Schlupfloch«, sondern ein Verbrehen. Der Begriff der »Gesetzeslücke« sei ein von der Finanzbranche gestreuter Euphemismus – der leider oft von vielen Medien übernommen wurde. Die dadurch hinterzogenen Steuern belaufen sich nach Schätzungen auf 40 Milliarden Euro – »der größte Steuerraub in der Geschichte der Bundesrepublik«.
Die ehemalige Staatsanwältin nimmt die Leserinnen mit in ihren damaligen Arbeitsalltag und wie sie den Milliardenschweren Betrug in seiner Tragweite aufdeckte. Von der strategischen Planung ihrer Ermittlungen über Razzien und Zeugenbefragungen bis zu Rückschlägen und Erfolgen schildert sie alles packend und detailliert. Dabei zeigt sie systematisch Missstände und macht deutlich, wie schwer es ist, gegen die mächtige Finanzbranche vorzugehen.
Sie rechnet sowohl mit der Finanzbranche als auch mit den Behörden ab. Über die Finanzbranche schreibt sie: »Diese arrogante und abgehobene Haltung einer Branche dem Rest der Welt gegenüber haben wir Ermittler auch oft zu spüren bekommen.«
Die Autorin macht deutlich, dass die Finanzlobby die mächtigste Lobby in Deutschland ist. Sie zeigt, dass Universitäten nicht immer neutral agieren, wenn sie von der Finanzlobby finanziert und beauftragt werden, Studien zu verfassen, die Cum/Ex-Geschäfte in einem positiveren Licht darstellen.
Auf der anderen Seite schildert Anne Brorhilker ihre Probleme im Beamtenapparat: Hierarchien, feste Abläufe, mangelnde Unterstützung und Kritik aus den eigenen Reihen. So wurden ihre Bitte um personelle Unterstützung trotz der großer Tragweite des Falles nicht gehört – angeblich hatten Vorgesetzte Angst, ihr eine Sonderbehandlung zu geben. Weil Staatsbeamte regelmäßig die Fälle und Posten wechseln, wurde Brorhilker direkt vor einer zentralen Verhandlung beinahe versetzt. Weil das der übliche Ablauf sei. Doch dann wäre monatelange Arbeit umsonst gewesen. Genauso bemängelt sie, dass sie nur schwer Kollegen gefunden habe, die sie unterstützen konnten, da der Fall komplex ist und einer gründlichen Einarbeitung bedarf.
In »Cum/Ex, Milliarden und Moral« zeigt Anne Brorhilker das richtige Maß an persönlichen Einblicken, sodass die Lektüre spannend und flüssig zu lesen ist. Man spürt den Sinn für Gerechtigkeit der Autorin, ihre Entschlossenheit und die Härten, die sie durchstehen musste. Sie erzählt nicht nur von Verbrechen, sondern auch davon, wie sie selbst über sich hinauswuchs, Taktiken entwickelte und ein dickes Fell bekam – immer angetrieben von ihrem Wunsch, dass der Steuerskandal nicht ungesühnt bleibt.
Auch oder gerade Leser ohne Fachkenntnisse können dem Buch problemlos folgen, da es verständlich und gut nachvollziehbar geschrieben ist.
Anne Brorhilker hat sich durch den Widersaktuellestand nicht einschüchtern lassen. Sie kämpft nun als Geschäftsführerin bei der Bürgerbewegung Finanzwende weiter. Ihr Ziel: Die Strukturen zu verändern, die sie einst zum Rückzug aus dem Staatsdienst zwangen. Das Buch konnte sie nur schreiben, weil sie ihren Beamtenstatus aufgegeben hat und nicht mehr für den Staat tätig ist. Die geschwärzten Stellen (»dienstliche Angelegenheiten, die der Öffentlichkeit nicht bereits bekannt sind«) hinterlassen ein komisches Gefühl, wie so viele nicht-geschwärzte Stellen auch