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Wandern in Ostösterreich, Band 3

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Posted by Wilfried Allé Sunday, June 28, 2020 10:11:00 AM Categories: Kultur für Genießer

35 Wanderungen von der March bis zur Mürz, vom Waldviertel bis ins Burgenland

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von Bernd Orfer

Verlag: Falter Verlag
EAN: 9783854394686
Reihe: Kultur für Genießer
Umfang: 200 Seiten mit ganz neuen Wanderungen
Erscheinungsdatum: 02.04.2012
Preis: € 19,90

 

Der Wanderprofi Bernd Orfer beschreibt 35 Touren, vom wald­rei­chen Maria­zel­ler Land bis zu den sanf­ten Hü­geln des Wein­vier­tels, von den fel­si­gen Wän­den des Hoch­kars und der Rax bis in die Donau­auen öst­lich von Wien und in das Bur­gen­land. Für Leser, die mit Muße die Ge­gend er­kun­den und sich an der Land­schaft er­freuen wollen.

Das Buch „Wandern in Ost­öster­reich 3” glie­dert sich in die vier Kapi­tel „Wie­ner­wald und Donau­tal”, „Vor- und Hoch­alpen”, „Wald- und Wein­vier­tel” und „Öst­lich der Leitha”. Ne­ben der Be­schrei­bung der ein­zel­nen Rou­ten weist der Autor auch auf die Be­son­der­hei­ten der ver­schie­de­nen Ge­bie­te hin, er­zählt Ge­schich­ten und gibt hilf­rei­che Tipps.

Angaben zu Wegroute, Geh­zeit, Höhen­dif­fe­renz und des not­wend­i­gen Kar­ten­mate­rials so­wie In­for­ma­tionen über Schutz­hüt­ten und Ein­kehr­mög­lich­kei­ten er­gän­zen den Band. Zu­dem ist jeder Tour eine über­sicht­liche Kar­te mit der ein­ge­zeich­ne­ten Route voran­ge­stellt.

Rezension aus FALTER 31/2014

Wo der Gipfel ein Gupf ist

Landpartien (1): Die Rax ist Wiens Haus­berg. Sie ist wild wie die Dolo­mi­ten und be­lohnt den Gedul­di­gen durch roman­tische Auf­stiege

Es kann schon vor­kommen, dass man es nicht bis nach oben schafft. Etwa wenn die Son­ne be­reits in den Mor­gen­stun­den un­er­träg­lich heiß ist und der Steig sich in un­zäh­li­gen Ser­pen­tinen in die Höhe schlän­gelt, so­dass die Stim­me der Ver­nunft laut wird. Warum tust du dir das an? Zu­rück also hi­nun­ter ins Tal, wo das kal­te Bach­was­ser Ab­küh­lung ver­spricht. Dieses alpi­ne Mikro­drama spielte sich nicht auf ei­nem Tiro­ler 3000er ab, son­dern auf der Rax, 80 Auto­mi­nu­ten von Wien ent­fernt, am Sonn­tag vor­letz­ter Woche.
Als ich aus Süd­tirol zum Stu­dium in die Bun­des­haupt­stadt kam, mach­te ich mich über das lus­tig, was hier Berg heißt: Spit­tel­berg oder Künigl­berg. Als ich dann zum ers­ten Mal vom Höl­len­tal aus auf die Rax wan­derte, wurde ich eines Bes­se­ren be­lehrt. Die Kalk­fel­sen er­inner­ten an die Dolo­mi­ten, Eisen­lei­tern sorg­ten für geh­tech­ni­sche Ab­wechs­lung. Eine Grup­pe von Gäm­sen kraxel­te einen von blü­hen­den Alpen­ro­sen ge­säum­ten Schutt­kegel hinauf – die per­fekte Gebirgs­idylle.

Die Rax ist ein Berg­massiv an der Gren­ze zwi­schen Nieder­öster­reich und der Steier­mark. Man er­reicht sie auch recht gut mit öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln. Der Zug hält in der Sta­tion Payer­bach-Rei­chen­au, dann geht es mit dem Bus wei­ter. Am ein­fachs­ten kommt man von Hirsch­wang mit der Seil­bahn hi­nauf. Acht Minu­ten dauert die Seil­bahn­fahrt, von der Berg­sta­tion füh­ren zahl­reiche Wege durch die weit­läu­fige, von Latschen­kie­fern be­wach­sene Alm­land­schaft. In regel­mäßi­gen Ab­stän­den gibt es Berg­hüt­ten, wo der Wan­de­rer es­sen und auch über­nachten kann.
Die Rax ist kein Berg wie aus dem Bilder­buch. Der Gipfel ist keine Spitze, son­dern ein Gupf, die auf 2007 Me­tern ge­le­gene Heu­kuppe am süd­west­li­chen Rand des Mas­sivs. Oben war­tet auch kein Kreuz wie auf dem Öl­berg in Jeru­sa­lem, dieser Ur­szene al­ler leid­vol­len Auf­stiege, son­dern ein stei­ner­nes Häuschen.
Gipfelstürmer, die ein mecha­ni­sches Rauf-Run­ter ge­wohnt sind, sind hier fehl am Platz. Das wahre Ge­heim­nis der Rax bleibt auch jenen ver­bor­gen, die die Diret­tis­sima mit der Seil­bahn wäh­len. Die­ser Berg braucht Ge­duld, er­schließt sich nur je­nen, die ei­nen der viel­en Wege aus dem Tal in die Höhe wäh­len. Nicht der Gip­fel ist das Ziel, son­dern die un­zäh­li­gen Vari­anten des Auf­stiegs – und die land­schaft­lich reiz­vol­len Querun­gen auf dem Hoch­plateau.
Ein wichtiger Ausgangs­punkt ist das Prei­ner Gscheid (1070 m), eine Bus­halte­stel­le am süd­li­chen Rand des Berg­massivs. Von hier bre­chen jene auf, die schnur­stracks auf die Heu­kuppe wol­len. Zur Aus­wahl ste­hen ein­fache Wege wie der Reiß­taler­steig oder Klet­ter­steige, die auch für An­fän­ger mit ent­spre­chen­der Aus­rüs­tung kein Prob­lem sind.
Der bekannteste Klet­ter­steig, den man vom Prei­ner Gscheid aus er­reicht, ist der Haid­steig. Er führt nicht zur Heu­kup­pe hinauf, son­dern bis zum Gip­fel der ein­drucks­voll in die Höhe ragen­den Prei­ner Wand (1783 m). Er hat eini­ge schöne Pas­sagen, in denen die Berg­stei­gerin ein Ge­fühl für die Ei­gen­hei­ten eines Klet­ter­steigs bekommt.
Klettersteiggehen ist wie Leiter­stei­gen mit Reiß­leine. Man zieht einen Gurt an, an dem ein kur­zes Siche­rungs­seil hängt. An den ex­po­nier­ten Stel­len gibt es Lei­tern oder Stahl­klam­mern, über die der Wan­de­rer hinauf­steigt. Parallel da­zu sind Stahl­seile be­fes­tigt, in die die Ge­herin die bei­den am Siche­rungs­seil be­fes­tig­ten Kara­biner ein­hakt. Wenn sie aus­rutscht, fällt sie nicht tief; der Sitz­gurt stoppt den Sturz. Für Nicht­klet­te­rer ist das die ein­zige Mög­lich­keit, sich in hun­derte Me­ter tiefe Fels­ab­stürze wie die Prei­ner Wand hinein­zuwagen.
Der Haid-Steig ver­eint auf 400 Höhen­me­tern alles, was den Reiz des Klet­ter­stei­gens aus­macht: Wand­que­rungen, lange Lei­tern und so­gar einen Ka­min, bei dem man Trit­te und Grif­fe im Fel­sen su­chen muss. Beim Blick in die Tiefe kann einem schon schwind­lig werden, aber man weiß ja, der Gurt hält.
Meine Lieblings­tour auf die Rax ist der Törl­weg, der in Ed­lach, eini­ge Bus­sta­tio­nen vor dem Prei­ner Gscheid, an­fängt und zum Erz­her­zog-Otto-Schutz­haus, kurz: "Otto-Haus", führt. Man hat hier einen schö­nen Aus­blick auf den ge­gen­über­lie­gen­den Schnee­berg und hinun­ter in das Tal von Prein. Die Wan­dern­den queren blü­hende Wie­sen, fin­den Him­beer­stau­den; die Lärchen spen­den Schat­ten bis fast ganz hi­nauf. Und im spä­ten Au­gust blü­hen ganz oben auch noch die Edelweiß.
Den Törlweg gab es be­reits, be­vor 1925 die Rax-Seil­bahn ge­baut wurde. Es war der di­rekte Weg hi­nauf zu dem 1893 er­öffne­ten Otto-Haus (1644 m). Wer mit dem Auto unter­wegs ist, kann sich den ers­ten Ab­schnitt spa­ren und bei der Pen­sion Knap­pen­hof (769 m) par­ken, die vor kur­zem vom Indus­triel­len Hans Peter Hasel­steiner her­ge­rich­tet wurde. Gäste mit An­zei­chen von Burn­out fin­den hier einen Rück­zugs­ort.

Der Name Törlweg geht auf ein natür­li­ches Fels­tor am Ende des Auf­stiegs zu­rück. Hier be­gin­nen die Alm­wie­sen, zum Otto-Haus ist es dann nicht mehr weit. Auf dem Schutz­haus ist eine Ta­fel be­fes­tigt, die an den Psycho­analy­tiker Sig­mund Freud er­innert. Freud ging den Törl­weg von seinem Som­mer­frische­haus in Reichen­au drei­mal die Wo­che herauf. Es hat sich gelohnt.
Denn im Sommer 1893 wandte sich die Schwes­ter des Wirts und Rax-Pio­niers Camil­lo Kro­nich, Aure­lia Kro­nich, an den Gast. "Ist der Herr ein Dok­tor?", fragte sie und er­zählte ihm von ihren Ängs­ten. Wie passte die "ver­grämte Miene" zu die­sem "großen und kräf­tigen Mäd­chen", fragte sich der Wie­ner Arzt. So be­gann im Otto-Haus eine der ers­ten Psycho­analy­sen über­haupt.
"Es interessierte mich, dass Neurosen in der Höhe von über 2000 Metern so wohl gedeihen sollten", sollte Sigmund Freud später notieren. Er publizierte die Analyse von Aurelia unter dem Titel "Der Fall Katha­rina" in sei­nen frü­hen, ge­mein­sam mit Josef Breuer heraus­ge­geben "Stu­dien über Hys­terie" (1895).
Das Wandern war neben der Zi­gar­re und dem Schwam­merl­su­chen eine Leiden­schaft des Psychia­ters. Hängt das damit zu­sam­men, dass die Psycho­analy­se der Ethik des Rax-Wan­derns ver­wandt ist? Hier wie dort war­tet am Ende des Lei­dens­wegs kein helden­haf­ter Gipfel, son­dern eine un­schein­bare Kup­pe – Sinn­bild einer wohl­dosier­ten Aus­schüt­tung des Hor­mons Sero­tonin.
Pubertierende Men­schen has­sen es, auf den Berg zu ge­hen, weil sie sich ge­gen den von den El­tern aus­ge­ge­benen Be­fehl "weiter" sträu­ben. Die augen­blick­liche Ein­heit zwi­schen Ich und Welt, wie sie in den Bei­pack­zet­teln der roman­ti­schen Liebe und der chemi­schen Dro­ge be­schrie­ben wird, er­scheint ihnen er­strebens­wer­ter als eine Selbst­er­fah­rung mit wun­den Füßen. Dreimal die Woche durch das Törl, und man weiß, dass das Stre­ben nach Glück vom rich­ti­gen Schuh­werk abhängt.
Wer die Rax von der süd­li­chen Seite aus be­sucht, stößt über­all auf Spu­ren der Zeit um 1900. Ein Groß­teil der Klet­ter­steige und Schutz­hüt­ten geht auf diese Pio­nier­tage des Alpi­nis­mus zu­rück, und eine Berg­tour kann dann im eben­falls shabby chicen Strand­bad Ed­lach en­den, das nur im Juli und Au­gust ge­öffnet ist und von fri­schem Quell­was­ser ge­speist wird. Die für ein Frei­bad obli­ga­to­ri­schen Pom­mes wer­den in einem klas­si­zis­ti­schen Pavil­lon gereicht.

Der letzte Ausflug führt den Raxisten auf die Rück­seite des Mas­sivs. An be­son­ders heißen Som­mer­tagen be­steht hier die Chance, der Sonne und den Men­schen­mas­sen zu ent­kom­men, die auf den Haupt­we­gen unter­wegs sind. Seil­bahn­fah­ren heißt an sol­chen Ta­gen vor al­lem war­ten. Zei­tig am Mor­gen fährt ein ein­zi­ger Bus von Payer­bach-Reichen­au nach Hinter­nass­wald. Wer es gemüt­lich an­geht, kann in dem aus­ge­zeich­ne­ten Wirts­haus Rax­könig über­nach­ten, wo sich alles, was dann auf dem Tel­ler lan­det, in Sicht­weite des Gast­gartens grast.
Die Besiedelung der Gegend geht auf den Holz­händ­ler Georg Hubmer (1755-1833) zu­rück, der Tun­nels und Kanäle baute, um die Baum­stämme durch das un­weg­same Ge­lände in die Ebene hi­naus zu trif­ten. Hubmer war Pro­tes­tant und er­rich­tete 1826 in Nass­wald ein evan­ge­li­sches Schul- und Bet­haus, das man noch heute be­sich­ti­gen kann.
Hinternasswald (712 m) ist etwa drei Kilo­meter von Nass­wald ent­fernt. Zu­erst geht man ziem­lich lang den Reiß­bach ent­lang. Am Ende des Reiß­tals zwei­gen gleich mehrere Steige hi­nauf auf das Rax-Plateau ab. Wir wäh­len den leich­ten Klet­ter­steig der Wild­fährte, weil er bis Mit­tag im Schat­ten liegt. Durch ein Geröll­feld, Rin­nen und Wandln geht es hi­nauf, die ge­gen­über­lie­gende Schnee­alpe ist stets im Blick.
Ist das noch Wandern oder bereits Berg­stei­gen? Eine brauch­bare Defi­ni­tion be­sagt, dass das Berg­stei­gen da be­ginnt, wo die ma­schi­nel­le Mobi­li­tät auf­hört. Der Berg­stei­ger fährt so weit hi­nauf wie mög­lich, wäh­rend der Wan­derer sich mit den mitt­le­ren We­gen zu­frie­den­gibt.
Eine andere Er­klä­rung lau­tet: Die Berg­stei­gerin schweigt, der Wan­derer redet. "Hast du die Flie­gen­rag­wurz ge­sehen?", heißt es etwa beim Gang durch das Reiß­tal. Und: "Schau mal, der Bussard!" Wan­dernd er­zählt man sich vom Bau der Wie­ner Hoch­quellen­lei­tung, die die Groß­stadt mit Was­ser aus die­ser Ge­gend ver­sorgt. Man bleibt ste­hen, um Erd­beeren und Schwarz­beeren zu pflücken, lauter un­nötige Ab­len­kungen für die ziel­stre­bige Berg­steigerin.
Der Wanderer freut sich schon, wenn er beim Auf­stieg durch die Wild­fährte ge­las­sen bleibt. Der Blick kon­zen­triert sich auf das Nahe­lie­gende, die glit­schige Wur­zel, die lo­sen Steine. Wo setze ich meinen Schuh hin, wie kann ich mein Ge­wicht aus­balan­cieren? So wird je­der Schritt zu einer Übung, die irgend­wann mit einem war­men Ge­fühl von Souveräni­tät be­lohnt wird. Geschafft!
Oben auf der Raxalpe geht dann ein ein­facher Weg durch – jetzt noch! – blü­hende Wie­sen, an der Heu­kup­pe vor­bei, hinüber zum Karl-Ludwig-Haus (1804 m) und hinun­ter zum Prei­ner Gscheid, wo mehr­mals am Tag ein Bus hält.
Da hat der Ausflügler eine wunder­bare Ver­wand­lung er­lebt. Es kommt ihm vor, als habe er die Groß­stadt vor lan­ger, lan­ger Zeit ver­lassen.

Matthias Dusini in FALTER 31/2014 vom 01.08.2014 (S. 33)

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