von Sigrid Stagl, Patricia McAllister-Käfer

Kurzbeschreibung des Verlags
Wie sichern wir unsere Zukunft in Zeiten wachsender Krisen? In ihrem hochaktuellen Buch zeigt die renommierte Ökonomin Sigrid Stagl, wie ein Wirtschaften aussehen kann, das uns Sicherheit gibt und zugleich unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhält. Dabei ist es entscheidend, das Fundament unseres Wohlstands zu stärken: Energie, Arbeit, Ernährung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und verantwortungsvoller Umgang mit dem, was uns trägt. Anhand vieler lebendig erzählter Beispiele aus Österreich macht sie sichtbar, wo unser heutiges System an Grenzen stößt, und wo bereits tragfähige Lösungen entstehen: regionale Arbeitsplätze, verlässliche Energieversorgung, hochwertige Lebensmittel, stabile Gemeinschaften, zukunftsfähige Gemeinden. Dabei wird deutlich, dass der Schutz von Umwelt und Ressourcen keine Fleißaufgabe ist, sondern integraler Bestandteil wirtschaftlicher Vorsorge und kluger Standortpolitik. Stagl argumentiert ruhig, klar und ermutigend: Ein langfristig ausgerichtetes Wirtschaftssystem erweitert unseren Handlungsspielraum für Politik, Unternehmen und Gesellschaft. Ein Buch für alle, die ihr Land erhalten wollen – und verstehen, dass Zukunftssicherung Veränderung braucht.
FALTER-Rezension
"Das Ziel wäre, mich selbst abzuschaffen"
Katharina Kropshofer in FALTER 36/2026 vom 02.09.2026 (S. 42)
Nur weil etwas grün ist, tut es nicht automatisch der Natur gut. Diese Erkenntnis hatte Sigrid Stagl früh. Sie wuchs auf einem Bauernhof im Waldviertel auf, half gerne bei der Erdäpfelernte. Ihr Vater, konventioneller Bauer und als Boku-Absolvent interessiert an neuen Sorten, hatte stets Forscherkollegen auf dem Hof. Als die achtjährige Stagl mit einem von ihnen bei der Jause am Feld saß, schüttelte dieser den Kopf und erklärte, dass die Fichten-Monokulturen in der Umgebung ökologisch nicht sehr wertvoll seien.
Es stellte Stagls Identität infrage - und bildete die Basis ihrer Karriere als erste Professorin für Ökologische Ökonomie. Sie ist auch besonders gefragt, wenn es um die Bewertung der Regierungsarbeit geht. Nun hat Stagl ihr erstes Buch geschrieben. Und wieder einige Vorschläge parat.
Falter: Frau Stagl, vergangene Woche hat sich die Koalition auf ein lang ausständiges Klimagesetz geeinigt. Wie bewerten Sie den Entwurf?
Sigrid Stagl: Österreich hat seit 2020 keine verbindlichen Reduktionsziele. 2025 sind die Emissionen wieder gestiegen. Wir wissen also, was bei einer Klimapolitik ohne Rahmen passiert. Dass jede Maßnahme im Klimafahrplan des Klimagesetzes mit einer Schätzung der Emissionen unterlegt werden soll, ist gut. Aber die EU schreibt ein Minus von 48 Prozent der Emissionen bis 2030 vor. Wir liegen schon heute deutlich unter dem Zielpfad. Wenn der Klimafahrplan erst Ende 2027 kommt, fehlen wieder zwei Jahre, in denen die Lücke wächst.
Die Regierung plant Korrekturmechanismen statt Sanktionen bei Überschreitung des Zielpfads. Kann das funktionieren?
Stagl: Ein Korrekturmechanismus ist sogar das bessere Instrument, eine Strafe im Nachhinein senkt keine einzige Tonne. Aber die Sanktionen existieren schon längst! Wenn wir unser EU-Ziel verfehlen, müssen wir bis zu 2,9 Milliarden Euro Strafe zahlen. Ob die Bundesländer dafür auch aufkommen, halte ich für die wichtigste offene Frage des Gesetzes.
Neben einem Klimagesetz gibt es nun auch Dürrehilfen. Sie beschäftigen sich viel mit der Landwirtschaft und schreiben: Die Kosten von Lebensmitteln entsprechen oft nicht der Realität. Inwiefern?
Stagl: Es geht hier nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern um bessere Strukturen. Wenn man die Kosten für Menschen und Natur mitrechnet, passt das meistens nicht mit dem Preis zusammen. Ein Apfel aus Chile ist oft günstiger als heimische Alternativen. Auch dass Bio-Produkte teurer sind als konventionell produzierte, zeigt, dass die Preise nicht die volkswirtschaftlichen Kosten reflektieren. Denn eigentlich müsste es umgekehrt sein.
Kann man Biodiversität einen monetären Wert geben?
Stagl: Wir ökologischen Ökonominnen verwahren uns dagegen, darauf einen Preissticker zu geben - das wäre willkürlich. Wir brauchen Maßnahmen, die sicherstellen, dass die Artenvielfalt nicht gefährdet wird. Nicht einen neuen Markt.
Die EU hat vor kurzem beschlossen, dass Tierbestände nicht mehr schrumpfen dürfen. Viele Landwirte mussten aber ihre Tiere aufgrund der Trockenheit schlachten.
Stagl: Tierische Produkte haben einen kulturellen Wert. Das muss man anerkennen. Aber es gibt auch genug Evidenz, dass so viel Fleisch zu essen nicht gesund ist. Zwei Drittel der Proteine sollten laut Ernährungspyramide aus pflanzlichen Quellen kommen. Tierische Produktion erfordert außerdem viel Energie wegen der großen Futtermengen und hat größere Umweltauswirkungen. Trotzdem fließen 82 Prozent der EU-Gelder der Gemeinsamen Agrarpolitik in die Tierproduktion, also Milliarden an Euro. Das verzerrt das Bild.
Wie gewinnt man die Landwirte für diese Transformation?
Stagl: Ein Drittel der Treibhausgase kommt aus dem Ernährungssystem. Wir können also nicht klimaneutral werden, ohne das Ernährungssystem zu verändern. Gleichzeitig sind das unsere Lebensgrundlagen. Ich habe den Eindruck, Bauern fühlen sich von vielen bedrängt, mit Regeln überfrachtet und zu gering bezahlt. Stallanlagen sind oft mit Krediten finanziert, die langfristig abbezahlt werden. Deswegen können wir nicht von heute auf morgen alles umstellen. Aber jetzt den Bauern zu signalisieren: "Der Tierbestand darf auf keinen Fall sinken, baut weiter Ställe aus, verschuldet euch" - das finde ich problematisch.
Es gibt jetzt ein Klimagesetz. Bei Klimaschutzmaßnahmen hat die Regierung aber deutlich gespart. Wie optimistisch sind Sie noch?
Stagl: Dieser Sommer zeigt, dass manche Beobachtungen selbst mit den pessimistischsten Szenarien nicht in Einklang zu bringen sind. Vor allem die Temperatur der Weltmeere steigt schneller und stärker als erwartet. Wie das auch Österreich treffen kann, zeigt der September 2024, als Ostösterreich unter Wasser stand. Das warme Mittelmeer hat den extremen Regen begünstigt und uns eine Milliarde gekostet. Auf der anderen Seite sehen wir, dass die Marktreife mancher Klimatechnologien viel schneller war als erwartet. Die Kosten für Photovoltaikanlagen, Batterien oder E-Fahrzeuge hätte man vor fünf Jahren noch ganz anders eingeschätzt.
Werden sich diese Technologien von selbst durchsetzen?
Stagl: Die niedrigen Stromkosten helfen bei der Klimabilanz: Fossile Energieerzeugung rentiert sich betriebswirtschaftlich einfach nicht mehr. Es braucht aber nicht nur den niedrigen Preis, es braucht auch die Widmung der Flächen und gesellschaftliche Akzeptanz. Selbst Donald Trump hat es bisher nicht geschafft, Kohlegruben offen zu halten. Windprojekte hat er hingegen gestoppt, indem er etwa die Betreiber dafür bezahlt. Um den Siegeszug der Erneuerbaren zu bremsen, muss man also aktiv dagegenarbeiten.
Österreich hat im Vergleich zu den USA kaum Gas oder Öl im Boden. Trotzdem geht der Erneuerbaren Ausbau nur schleppend voran. Sie sind im Waldviertel aufgewachsen. Gerade dort gibt es immer wieder viel Protest gegen Windkraftanlagen. Was tun?
Stagl: Selbst wenn wir jetzt Erdgas aus dem Boden holten, würden sich die Fixkosten erst nach Jahrzehnten rechnen - wo wir schon längst keine fossile Energie mehr nutzen wollen. Wir müssen erneuerbare Energieanlagen dort positionieren, wo sie die höchste Akzeptanz haben. Wir kennen das Erfolgsrezept aus der Forschung: Leute, die bereits Windräder in ihrem berühmten "Backyard" haben, stören neue Anlagen weniger. Auch junge Leute haben weniger Probleme damit: Laut der Ö3-Jugendumfrage sagen 83 Prozent der Jugendlichen, dass in ihrer Nähe ein Windrad aufgestellt werden kann. Der dritte Faktor ist direkter Profit. Bekommt eine Gemeinde etwa einen niedrigeren Strompreis, hilft das bei der Akzeptanz.
Wie kann die Regierung die Bremsklötze lösen?
Stagl: Die Regierung müsste sich konkret anschauen: Wer sind die Gewinner und wer sind die Verlierer? Und im nächsten Schritt: Wie kann man die Gewinner motivieren und wie die Verlierer kompensieren? Das sind Teile der Industrie, die momentan noch gut verdienen und hoffen, dass es immer so weitergeht wie bisher.
Sie meinen die Mobilitätsbranche?
Stagl: Wir haben nun 15 Jahre lang zugeschaut, wie die deutsche Autoindustrie am Verbrennungsmotor festhält, obwohl schon klar war: Eine Technologie, die überholt ist, kann man nicht retten. Die ist nicht krisenfest. Es bräuchte einen frühzeitigen, klaren Übergangsprozess. Für ganze Betriebe und Regionen, wie für die Kohleindustrie. Es gab in Österreich auch einmal wunderbare Füllfederproduzenten. Aber wir sind in keine riesige Wirtschaftskrise geschlittert, als es sie nicht mehr gab.
Die Autoindustrie ist aber doch größer als die Füllfederproduktion.
Stagl: Das stimmt, da geht es allein in Österreich um 80.000 Arbeitsplätze. Als das Steyr-Werk 2021 übernommen wurde, sollten russische Lkw mit Verbrennungsmotoren hergestellt werden. Ich dachte mir: "Echt jetzt? Die armen Arbeitnehmer!" Sie mussten wieder einen neuen Produktionsprozess lernen - der nicht nachhaltig ist. Wir müssten uns schon längst überlegen, wie wir das umgestalten, welche Steuern es bräuchte, um das zu lenken. Wie wir statt Verbrennungsmotoren Autoteile für die E-Mobilität oder Wasserstoffproduktion zuliefern können.
Gibt es ein konkretes Beispiel für gelungene Transformation?
Stagl: Ich nenne immer gerne das Klima-Ausbildungszentrum im niederösterreichischen Sigmundsherberg. Ein Bäcker mit Stauballergie kann dort zum Umwelttechniker umlernen. Inklusive Kinderbetreuung und Wohnmöglichkeiten vor Ort. Es braucht aber nicht nur Innovation, sondern auch "Exnovation". Bei den Bergbauern ist das gut gelungen. Österreich hat nicht aus Überzeugung 27 Prozent Bio-Anteil, sondern wegen der Geografie. Der Staat hat früh erkannt, dass am Berg keine industrielle Bewirtschaftung möglich ist. Stattdessen wurden die Bergbauern finanziell unterstützt und befähigt, ihre Produkte anders zu verkaufen. Sie sagen heute: Unsere Kühe stehen auf der Alm, sind gesünder, und die Milch hat somit eine andere Qualität. Noch dazu sind Almwiesen biodiverser. Für mich heißt das: Wir sollten keine Cowboys, sondern Astronauten sein.
Was meinen Sie damit?
Stagl: Das geht zurück auf den Ökonomen Kenneth Boulding. Cowboys reiten allein durch die Prärie und schmeißen ihren Müll einfach weg. Bei den wenigen Cowboys, die es gab, war das nicht so wild. Aber es leben nun acht Milliarden Menschen auf der Erde. Wir sollten uns also gerade in Europa wie Astronauten verhalten: Wir haben selbst nicht viele Ressourcen, müssen einiges importieren. Umso wichtiger sind die Spezialisierung - das machen wir schon recht gut - sowie Kreislaufwirtschaft. Nehmen wir die seltenen Erden. Es macht keinen Sinn, die in Europa abzubauen. Wir könnten aber die Ersten sein, die lernen, sie ordentlich zu recyceln.
Sie waren vielfach die "Erste". Wie radikal ist es heute noch, Ökologie in Ökonomie mitzudenken?
Stagl: Bis vor sieben Jahren war es das. Da haben Nicholas Stern und Andrew Oswald - zwei Mainstream-Ökonomen - in einem Newsletter der World Economic Society einen Aufruf veröffentlicht: Wenn wir uns nicht sofort um Umwelt-und Klimafragen kümmern, werden wir als Ökonomen auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Sie hatten die wichtigsten Fachzeitschriften analysiert: Es gab mehr wirtschaftliche Publikationen zu Baseball als zum Klimawandel.
Das heißt, die Ökologische Ökonomie ist immer noch eine Nischendisziplin?
Stagl: Es wird besser. Wirtschaft basiert immer auf biophysikalischen Grundlagen. Die Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft müssten also bei allen Arbeitsmarktanalysen, industriepolitischen Überlegungen, makroökonomischen Modellierungen berücksichtigt werden.
Sie müssten sich also selbst abschaffen?
Stagl: Genau das wäre mein Ziel.